pandemie Die Seuche Angst
Warum Menschen Gefahr laufen, auch ohne Vogelgrippe an der Vogelgrippe zu erkranken
Die größte Gefahr geht derzeit nicht von der Vogelgrippe aus, sondern von der Reaktion der Menschen auf das Nahen des Erregers. Stirbt morgen in Niedersachsen, der Hochburg der Geflügelzucht, ein Huhn an der Grippe, wird es kein Halten mehr geben. Apotheken würden gestürmt und Ärzte um die letzte Dosis Impfstoff angebettelt.
Ängste und Missverständnisse begleiten den Seuchenzug des Influenza-Virus H5N1. Der Erreger hat in der Türkei und Rumänien in kurzer Zeit Tausende Hühner getötet. Den Menschen infiziert er nur sehr schwer. H5N1 befällt Tiere, mit Vorliebe gefiederte. Experten befürchten allerdings, dass sich dies schlagartig ändern und das Virus sich todbringend unter Menschen verbreiten könnte. Sie drängen deshalb auf intensive Vorbereitungen. Diese Forderung ist richtig. Sie zielt auf staatliche Initiativen, nicht auf individuelle Vorsorge. Aktionismus von Einzelnen nämlich ist schädlich.
Die jährliche Grippeimpfung schützt nicht vor der Vogelgrippe. Schlimmer: Jeder, der sich unnötig impfen lässt, gefährdet die Versorgung derjenigen, die die Spritze wirklich nötig haben, um sich vor der normalen Grippe zu schützen – Menschen, die älter als sechzig Jahre sind, chronisch Kranke, Angehörige der medizinischen Berufe, Polizisten oder Feuerwehrleute. Einen effektiven Impfstoff gegen die mögliche Vogelgrippe beim Menschen erwarten die Experten vom Paul-Ehrlich-Institut für Impfstoffe und Sera frühestens im Sommer 2006.
Für den Fall, dass sich H5N1 verwandeln und von Mensch zu Mensch springen sollte, helfen im Augenblick nur zwei Medikamente: Tamiflu und Relenza. Sie verhindern nicht die Infektion, können aber in vielen Fällen den Verlauf der Krankheit mildern. Viele Bürger lagern mittlerweile einen Vorrat dieser Tabletten im Kühlschrank. Aber auch diese Strategie ist bedenklich. Erstens sind dem Markt damit notwendige Medikamente entzogen, und zweitens ist kaum anzunehmen, dass das Mittel richtig eingenommen wird. Es wirkt nur, wenn es innerhalb von 24 bis 36 Stunden nach dem Auftreten erster Symptome eingenommen wird. Die aber unterscheiden sich kaum von denen eines ordinären Schnupfens.
Übervorsichtige Menschen werden die Pillen beim ersten Halskratzen schlucken und auf diese Weise ihre Notration verbrauchen, bevor der Ernstfall überhaupt eingetreten ist. Das Timing ist entscheidend. Angenommen, es gibt gesicherte Fälle einer von Mensch zu Mensch übertragenen H5N1-Infektion und die Weltgesundheitsorganisation stellt eine Pandemie fest – auch dann sollte man das Medikament erst aus dem Kühlschrank holen (am besten aber zum Arzt gehen), wenn in der Umgebung bestätigte Fälle einer H5N1-Erkrankung aufgetreten sind und man sich grippig fühlt.
Der Bürger kann zurzeit nicht mehr tun, als die wichtigsten Ratschläge zu befolgen: in Rumänien und der Türkei keine Hühner streicheln – was Touristen ohnehin selten tun (siehe auch Reisen, Seite 80) –, kein Fleisch aus den betroffenen Gebieten importieren und auffällige Vögel melden. H5N1 ist nur mit konzertierten Aktionen in Schach zu halten. Eine Bekämpfung auf individueller Ebene verbraucht lediglich Ressourcen.
Darum sind die Bundesländer, der Staat, die EU und sogar die Weltgemeinschaft gefordert. Hierzulande gilt es, die föderalen Strukturen zu überarbeiten. Noch ist Katastrophenvorsorge Sache der Länder – jedes kann selbst entscheiden, ob es seine Hühner in Schutzhaft nimmt. Ein Unding auch, dass ein Land für 5 Prozent der Bevölkerung Medikamente einlagert, ein anderes für 15 Prozent. Nach Expertenschätzungen wäre ein Versorgungsgrad von 20 Prozent notwendig.
- Datum 20.10.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 20.10.2005 Nr.43
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Dies ist endlich ein Bericht, auf den ich seit den Zeiten der SARS-Epidemie gewartet haben: konkret und sachlich. Dies ist eine Analyse, die es jedem Leser erlaubt, sich objektif ein Bild ueber die Lage zu machen und das eigene Risiko einzuschaetzen. Diese Art von informativer und verantwortungsvoller Berichterstattung vermisse ich seit einiger Zeit in der deutschen Presse. Es wird meiner Meinung nach zu viel polemisiert, zu viel dramatisiert.
Ich lebe seit 5 Jahren in Shanghai und habe den Ausbruch von SARS hier erlebt. Sehr schnell jedoch ignorierte ich die deutsche Presse und verliess mich ausschliesslich auf die Informationen der WHO. Die Berichterstattung damals koennte man apokalyptisch nennen und ich konnte mich nicht des Gefuehls erwehren, dass jede Nachricht, jeder Titel in erster Linie mit dem Ziel der Auflagensteigerung verfasst wurde, anstatt den Leser ueber Tatsachen zu informieren.
Der Artikel fängt schon mit einer "schwachsinnigen" Aussage
an, dass die größte Gefahr von der Reaktion der Menschen auf
das Nahen des Erregers ausgeht.
Und so geht es weiter mit Unwahrheiten, Platidüden und journalistischer Großmäuligkeit.
Sonst ist doch auch Aktionismus des Einzelnen gefordert und nicht das Hoffen auf staatliche Initiative. Ganz davon abge-
sehen, dass mit dem Staat zur Zeit "kein Staat zu machen" ist.
Wie kann ein effektiver Impfstoff "frühestens im Sommer 2006" erwartet werden, wenn doch erst nach dem Auftreten des neuen Subvirus, und dieser Zeitpunkt ist noch völlig unbekannt oder er tritt glücklicherweise gar nicht ein, ein entprechender Impfstoff mit einer mehrmonatigen Vor-laufzeit entwickelt werden kann ?
Die Strategie einzelner zur eigenen Bevorratung von antiviralen Mittel dadurch abzuqualifizieren, dass dem Markt notwendige Medikamente entzogen würden, das Mittel nicht richtig eingenommen oder schon beim ersten Hals-kratzen eingenommen wird, ist bezeichnend für den ganzen Artikel. Statt sachlich und richtig zu informieren, wird
unausgegoren drauflos schwadroniert.
Zum Schluß wird sich noch zu der unrealistischen Forderung nach einem europäischen Gesundheitsminister mit weitreichen Kompetenzen aufgeschwungen.
Es wäre es für den Autor angebrachter gewesen sich vorher umfassender und genauer zu informieren, zum Beispiel durch die Lektüre des Nationalen Influenzapandemieplan Teil I-III
Ist "Durchimpfen" so was wie "Durchregieren"? Wenn ja, haben wir doch das Kompetenzzentrum parat ...
Wenn unsere staatlichen Stellen für einen wesentlich kleineren Bevölkerungsanteil Medikamentenbestände aufbauen als die anderer Staaten und als Fachleute empfehlen, dann ist es nur allzu verständlich, dass private Initiative einsetzt. Regierungen, die nicht in der Lage sind, die Finanzen unseres Staates in Ordnung zu halten, sind keine kompetenten Autoritäten in Fragen der Vorsorge.
tja, aber genau deswegen haben wir ja ein HIRN, damit wir selbst entscheiden und abwägen. sich auf horrorartikel zu verlassen ist ja wohl nicht sonderlich weise.
wer hat denn in den Hauptnachrichten mit schockierenden Bildern von totem Geflügel die Panik angeheitzt? ist doch weit weg und so ein schön passendes jugendfreies Gruselstück zum Abendbrot... und nun vor Panikmache warnen und versuchen die Maßstäbe wiederzufinden.
So lassen sich aus demselben Ereignis mindestens zweimal und mindestens doppelt so lange Beiträge / Verkäufe gerieren. Aber auch das ist ja nichts wirklich Neues.
A.N.
Ein hoher Durchimpfungsgrad in der Bevölkerung gegen die normale Influenza ist auch im Interesse der Volksgesundheit verantwortungsvoll. Jeder geimpfte Mensch trägt dazu bei, dass der in seinem Erbgut dem Influenza-Virus sehr ähnliche Vogelgrippevirus nicht gerade in diesem Individuum mutieren kann.
Der Staat kann schon aus Kostengründen, aber auch aus praktischen Gründen vor Bereitstellung einer Impfung gegen den ja noch gar nicht existierenden Virus mit der Einlagerung von Tamiflu nur für die Berufsgruppen vorsorgen, die im Falle einer Pandemie wichtige Aufgaben zu erfüllen haben: Medizinisches Personal, Hilfskräfte und die Polizei. Doch die private Vorsorge auf private Kosten ist ebenfalls verantwortungsbewusst, weil sie die Gemeinschaft durch selbstständige Vorsorge entlastet.
Ein Zusammenspiel öffentlicher und privater Vorsorge zur rechten Zeit erspart Hysterie und Angst. Der (Pharma-)Markt sollte sich darauf einrichten und der verdiente Profit daran sollte ihm nicht geneidet werden.
Die Medien haben die Aufgabe, objektiv und sachlich zu informieren, damit sich die Bevölkerung in Ruhe und richtig auf Gefahren einstellen kann. Dazu gehört nicht die Schelte für verantwortungsbewusstes Handeln, sehr wohl aber die Information, wie das Zaubermedikament richtig eingenommen wird.
Gundel Berger
Als Angehöriger einer Veterinärbehörde in NRW musste ich Folgendes feststellen. Wir gehören als Personal, welches direkt in der Bekämpfung der Geflügelpest eingesetzt werden würde, nicht zu dem privilegierten Personenkreis, der bevorzugt mit Impfstoff bzw. Tamiflu versorgt wird. An welchem Schreibtisch wurde das erdacht und in die Welt gesetzt?
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