Der Elternabend gehört zu den merkwürdigsten Ritualen unserer Gesellschaft. Schon das Setting hat etwas Bizarres an sich, vor allem in den ersten Klassen. Gut dreißig Erziehungsberechtigte quetschen sich hinter winzige Tische und auf viel zu schmale Stühle. Man schaut sich verdutzt um: Hier also verbringen die Kleinen jetzt ein Gutteil ihres Lebens, hier haben sie ihre neuen Freunde kennen gelernt, hier kommt all das neue Wissen her, das sie zu Hause so rührend neunmalklug zum Besten geben.

In Stolz und Neugier der Eltern mischen sich auch weniger angenehme Gefühle. Verlustangst etwa, denn in dieser neuen Lebenswelt ihres Kindes sind die Eltern nur noch begleitend und beratend erwünscht. Erste Statuskonflikte zwischen den Eltern brechen auf, und unterschiedliche Erziehungsstile krachen aufeinander wie einst religiöse Überzeugungen. Und so mancher sieht sich offenbar durch die erzwungene krumme Pennäler-Haltung in eigene alte Schuldramen zurückversetzt – fast wie in einen dieser Albträume, in denen man die Prüfungen der Kindheit noch einmal bestehen muss.

Irgendetwas läuft schief im Verhältnis zwischen Eltern und Schule. Dieser Verdacht kam mir zum ersten Mal, als eine Mutter bei unserem ersten Elternabend vorsichtig um Rat fragte. Ob man es für vertretbar halte, dass sie ihren Sohn schon in der ersten Klasse allein zur Schule gehen lasse. Er wünsche es so, und es handele sich auch nur um wenige hundert Meter, abgesichert durch Schülerlotsen. Was geschah? Die anderen Eltern machten der Mutter nicht etwa Mut und gratulierten ihr zur Selbstständigkeit ihres Jungen. Im Gegenteil, man bearbeitete die arme Frau derart heftig mit Bedenken und Gruselgeschichten über verunglückte oder entführte Kinder, bis sie schuldbewusst ihre Frage zurückzog.

Die Mutter hatte durch Gelassenheit provoziert. Sie hatte Unterstützung gesucht und war niedergemacht worden. Auf mich wirkte die Szene verstörend – nicht der geäußerten Bedenken wegen, sondern wegen der lustvollen Weise, in der sie ausgebreitet wurden, bis am Ende ein Klima der Angst und des Misstrauens entstanden war. Am selben Abend beharkten sich zwei Elternpaare so lange über die Frage, ob man Kindern Süßigkeiten in die Lunchbox mitgeben dürfe, bis ein Status wechselseitiger Verachtung erreicht war.

Als Konsequenz daraus habe ich mich in jedes Gremium wählen lassen, für das ich in Frage kam. Intuition und Zeitungslektüre sagten mir damals, dass die Ursachen für die Probleme unseres Schulsystems bei Lehrern, Schulleitern und erstarrten Strukturen zu suchen seien. Nach vielen Abenden in diversen Gremien der schulischen Selbstverwaltung – von der Gesamtelternversammlung bis zur "Steuerungsgruppe Schulprogamm" – weiß ich: Die Eltern sind ebenso das Problem. Sie vergiften die Atmosphäre durch eine lähmende Mischung von übertriebenem Ehrgeiz und präventiver Verzagtheit.

Seitdem finde ich mich zum eigenen Erstaunen oft in der Rolle, Lehrer und Schulleitung gegen die Attacken destruktiver Eltern in Schutz zu nehmen. Ja, man muss es so zugespitzt sagen: Die Institution Schule muss heute manchmal gegen die Eltern verteidigt werden.

Dabei ist unsere Schule im bürgerlichen Berliner Westen alles andere als eine Problemschule. Selbst aus weit entfernten Stadtbezirken versuchen Eltern, ihre Kinder dort anzumelden. Eine geheime Umfrage unter den Schülern ergab, dass nur ganze neun von fast 500 Kindern hier "nicht gerne in die Schule gehen". Und dennoch sind Elternversammlungen oft von einer angstvollen Beklommenheit geprägt, die immer wieder in Feindseligkeit gegen andere Eltern, vor allem aber gegen die Lehrer umschlagen kann.