Schule Die beste Hilfe ist gar keine Hilfe
Eltern mischen sich zu stark in die Hausaufgaben der Kinder ein. Das führt zu Abhängigkeit. Ein Gespräch mit dem Bildungsforscher Ulrich Trautwein
DIE ZEIT: Herr Trautwein, was bringen Hausaufgaben?
Ulrich Trautwein: Natürlich zielen Hausaufgaben vor allem auf einen Leistungszuwachs bei den Schülern ab, sonst würden Lehrer sie nicht aufgeben. Doch sie können darüber hinaus auch pädagogisch eine Menge bewirken. Die Schüler werden strukturierter, ordentlicher, fleißiger. Zumindest in der Theorie.
ZEIT: Und in der Realität?
Trautwein: Die Forschung zeigt dreierlei. Erstens sind diejenigen Lehrer, die häufig Hausaufgaben aufgeben, insgesamt erfolgreicher als Lehrer, die das nicht tun. Wobei interessanterweise die Menge an Hausaufgaben keinen Einfluss hat. Also lieber oft als viel. Zweitens profitieren Schüler davon, wenn sie regelmäßig ihr Pensum erledigen. Doch auch hier gilt: Es kommt nicht darauf an, wie lange Schüler an ihren Hausaufgaben sitzen, im Gegenteil. Die Leistung wird mit der Zeit sogar schlechter, mehr Zeitaufwand ist meist kein Zeichen von Fleiß, sondern von Ineffizienz. Es bleibt drittens die Frage nach den Eltern. Wie stark sollten sie in den Lernprozess einbezogen werden? Hierüber wird am meisten gestritten.
ZEIT: Welche Rollen sollten die Eltern spielen?
Trautwein: Eltern wollen ihren Kindern helfen. Aber nicht immer wird aus »helfen wollen« sinnvolle Hilfe. Wir wissen, wie wichtig die Vorbildfunktion von Eltern ist. Wenn Eltern selbst lesen, sich für Kunst und Wissenschaft interessieren, aktuelle Themen mit den Kindern diskutieren, ihr Interesse an dem signalisieren, was in der Schule läuft, hat das positive Effekte. Doch sollten sie sich nicht zu sehr in die Hausaufgabenerledigung einmischen.
ZEIT: Wieso das?
Trautwein: Aktive Hilfe muss die Ausnahme bleiben. Das ist ein bisschen wie bei der Medikamentenvergabe. Wird kurzfristig interveniert, etwa bei Kopfschmerzen, ist es sinnvoll. Langfristige Interventionen dagegen führen zur Abhängigkeit. Es macht einen großen Unterschied, ob Eltern ihre Hilfe nur anbieten oder ob sie sich aufdrängen. Wiederholte unangeforderte Hilfe ist schädlich. Dann denkt das Kind: »Wenn meine Eltern mir ständig helfen wollen, muss ich ziemlich schlecht sein.« Vielleicht kommt es sogar zu dem Schluss, dass Hausaufgaben etwas Unangenehmes sein müssen. Dann hat die Elternhilfe eine doppelt negative Wirkung. Fazit: Eltern können ihren Kindern oft am meisten helfen, indem sie nicht helfen.
ZEIT: Das ist leicht gesagt.
Trautwein: Für viele Mütter und Väter ist es in der Tat belastend, wenn ihr Kind nicht gut in der Schule ist. Dann nehmen sie sich selbst als Versager wahr. Kein Wunder, dass sie dann stärker intervenieren und emotional belastet sind, als es gut ist. Eltern müssen sich darüber klar sein, dass schlechte Schulnoten nicht automatisch eine Bankrotterklärung für ihre Erziehungsleistung sind.
- Datum 20.10.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 20.10.2005 Nr.43
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Nun, "Eltern müssen sich darüber klar sein, dass schlechte Schulnoten nicht automatisch eine Bankrotterklärung für ihre Erziehungsleistung sind." Schon wahr. Das Dumme ist nur, dass schlechte Schulnoten aber eine Bankrotterklärung für die Zukunft dieser Kinder sind. Da ist es sehr theortisch und unbiologisch zu denken, Eltern würden da einfach beseite stehen können.
Im Übrigen würde ich gerne die Lehrer, die sechs Stunden am Tag vor Klassen mit 28 Schülern stehen, vor solchen Sätzen in Schutz nehmen:
"Hausaufgaben sollten so auf den einzelnen Schüler zugeschnitten sein, dass sie ihn herausfordern, er sie aber gleichzeitig noch bewältigen kann."
Pure Theorie. Sollte, könnte, müßte. Solange ein Land, das über keinen anderen Rohstoff als sein Wissen verfügt, meint, gerade da nicht schwer investieren zu müssen, weil es vordringlicher ist, die Beamtenpesnionen zu sichern, solange müssen Schüler, Lehrer und Eltern sben sehen, wie sie mit den gegenen Umständen am besten klarkommen.
Und unter diesen gegebenen Umständen, in der mangelhaft ausgestatteten Halbtagsschule, ist die Mitarbeit der Eltern nun einmal faktisch fest vorgesehen. Diesen Trainingsjob üben sie eben so gut aus, wie es geht, oftmals nach einem kompletten Arbeitstag.
Wenn doch nur endlich das Beamtentum für Lehrer abgeschafft würde:
- es würde keiner mehr wegen der Arbeitsplatzsicherheit Lehrer werden wollen, es würden mehr "berufene" geben
- es würden die teuren Pensionen entfallen
- das hierfür eingesparte Geld würde in mehr Stellen und bessere Infrastruktur ausgegeben werden können.
- damit wären kleinere klassen möglich. Die Lehrer könnten individueller arbeiten und sogar die theoretisch richtigen Gedanken von Herrn Trautwein umsetzen.
Aber (Landes)Parlamente, die überwiegend aus Lehrern und anderen Beamten bestehen, werden wohl niemals den Ast absägen, auf dem sie sitzen. Leiter.
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