Bislang gehörte es zum Setting, dass er schwieg, wenngleich auf die beredteste Art und Weise. Virtuos seine Taktiken, keine Interviews zu geben. Legendär seine ans Nullsilbige grenzende Lakonie auf Konzerten. Ließ er sich doch einmal zu einem Kommentar hinreißen wie damals in der Free Trade Hall zu Manchester, als die Judas-Rufe im Publikum so laut wurden, dass kurzfristiges Zurückbelfern nicht zu vermeiden war, überließ er die abschließende Antwort immer noch der Band, die bereits hinter ihm mit den elektrischen Gitarren im Anschlag wartete. Auslöschung von Rede durch Sound, die überlieferte Anweisung: "Play it fucking loud!" Virtuoser Schweiger, von Anfang an: Bob Dylan am Beginn seiner Karriere BILD

Sollte dereinst einmal Bob Dylans gesammeltes Schweigen erscheinen, es füllte Bände. Eine Bibliothek nicht gesprochener Worte, übertroffen nur von den gesammelten Fußnoten seiner Jünger, herausgefordert vom Schweigen des Meisters. Vielleicht wird Dylan, der nichts mehr hasst als die Schubladen, in die man ihn stecken wollte, nach seinem Tod einmal nicht als Sänger, sondern als Psychoanalytiker seiner Generation in die Geschichte eingehen. Schließlich hat er Fantasien aller Art auf sich gezogen, um sie zugleich an den Absender zurückzuweisen, und so einen unendlichen Strom der Rede provoziert. Sicher ist, dass dieses Gleichgewicht des Schreckens vier Jahrzehnte andauerte. Umso überraschender, dass er sich nun zu einem sensationellen Schritt entschlossen hat: Er spricht.

Kein Witz. In Martin Scorseses dreieinhalbstündiger Dokumentation No Direction Home spricht Dylan über Dylan. Und zwar nicht, wie in den vergangenes Jahr erschienenen Chronicles, in dürren Buchstaben, nein, er hält seinen alt gewordenen Dickschädel frontal in die Kamera, sodass man darin lesen kann wie in einem Buch. Eine Autobiografie der Linien und Falten unter beachtlichen Tränensäcken, gekrönt von der berühmten Pudelfrisur, die mehr denn je wirkt wie eine falsch herum aufgesetzte Perücke. Als wäre das nicht schon schockierend genug, scheint er auch noch zu lächeln. Deutlich genug jedenfalls, um einen ebenso eindeutigen wie unerhörten Befund zu rechtfertigen: Dylan kann selbstironisch sein. In all den Jahren hat der alte D. eine gewisse Distanz zu der Figur entwickelt, die er in den frühen Sechzigern einmal war.

"Ich war ein Außenseiter", knurrt er unter der Pudelfrisur in die Kamera

In die Sechziger nämlich begibt Scorsese sich mit Dylan zurück, nach Hibbing, in jenes Provinznest an der kanadischen Grenze, in dem die Anfänge liegen. Er folgt ihm über Lehrjahre in Minneapolis nach New York, wo aus dem Provinzler Robert Zimmerman Bob Dylan wurde. Erzählt wird die Geschichte eines jungen Streuners, der in einer Blizzard-Nacht die große Stadt erreichte, sich durch die einschlägigen Folkkneipen schnorrte und bei Freunden unterkroch, von Männern beneidet wurde und von Frauen bemuttert, sich in Windeseile zum Star entwickelte, für ein, zwei Jahre der coolste Mensch dieses Planeten war, um sich kurz darauf nach einem mysteriösen Motorradunfall aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Dylan selbst kommentiert das Geschehen mit jener sorgsam kultivierten Stimme eines Mannes, der aus der Kälte kam. "I was an outsider. I had come as an outsider", knurrt er in die Kamera, gibt zu verstehen, dass ein Künstler sich in einem permanenten Zustand des Werdens befindet, was tiefschürfende Selbstanalysen ausschließt. In einem unbeobachteten Moment sei er auf seinem Trip durch die Hintertür der Geschichte entkommen – ein Weltstar mit der Niemandsmaske, dessen Wortwahl immerhin darauf hinweist, dass es sich um keine ganz gewöhnliche Reise handelt, sondern um eine Heimfahrt mit ungewissem Ausgang, eine moderne Odyssee. Dylan spricht, das Deutungsmonopol allerdings liegt bei Scorsese.

No Direction Home, in England und den USA als Fernsehsendung ausgestrahlt, hierzulande als DVD und Soundtrack-CD vermarktet, ist eine Spurensuche, die aus vielen Quellen schöpft: Aus Highschool-Büchern, Nachrichtensendungen und anderen Archivmaterialien, aus bereits existierenden Filmen wie D. A. Pennebakers Don’t Look Back, dem Dokument einer Konzertreise nach England, auf der der Exfolkie Dylan als Verräter an der reinen Lehre empfangen wurde. Gezeigt wird, wie jene Figur der Verweigerung entsteht, die dem öffentlichen Druck auf Pressekonferenzen knappe Antworten entgegensetzt, um fortan nur noch durch Lieder zu kommunizieren. Flankiert werden die berauschenden Konzertszenen von Gesprächen mit Zeitzeugen wie Allen Ginsberg, Dave van Ronk oder Joan Baez, die sich an den jungen D. erinnern und offenbar auf Initiative des alten D. hin entstanden sind. Auch das aktuelle Interview, das den Strom der Bilder unterbricht, wurde nicht von Scorsese selbst geführt, sondern von Dylans Manager und Chefarchivar Jeff Rosen. Als hätte Scorsese Angst gehabt, die Aura seines Gegenstands durch allzu große Nähe zu zerstören, kreist er ihn aus der Ferne ein, durch Schnitte und Konstellationen, durch pures, unkommentiertes Zeigen.

Das hat den Nachteil, dass hagiografische Untertöne sich einschleichen. Die erzählte Vita ist identisch mit der Legende. Gern wüsste man mehr über die vertraglichen Bedingungen, die der Recherche vorausgingen, denn über den privaten Dylan ist nichts zu erfahren. Mit keinem Wort werden die Eltern erwähnt, die diversen Ehefrauen bleiben Schatten, His Bobness erscheint als früh schon dylanförmiger Solitär, der auf dem Höhepunkt seines Ruhms kurzerhand in seiner eigenen Mythologie verschwindet. Doch in der Konzentration auf den performing artist gelangt Scorsese umso eleganter zu jener Kreuzung, an der Biografie und Tradition sich treffen. Er sei ein Schwamm gewesen, der alles in sich aufsaugte, sagt ein früher Weggefährte. Joan Baez drückt es etwas allgemeiner aus: Dylan habe darauf verzichtet, eine fertige Person zu sein. Das Revolutionäre an diesem Mann war sein Selbstverständnis als Durchlauferhitzer zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Er sprach so wenig, weil er sich selbst zum Medium machte.