musik Wunder im Gehäuse
Eine Sensation und ein paar Abstürze bei den Musiktagen in Donaueschingen
Die Kellnerin fegt die Wirtsstube, die Avantgardepilger bezahlen ihre Rechnungen (»Moderne Fremdenzimmer«), im Radio hinter der Theke singt Freddie Mercury, dass er ausbrechen will, und die Kellnerin singt mit. Vielleicht träumt sie ja von einer Villa an der Riviera mit Stufen ins Meer, so wie das Mädchen in Beat Furrers Musiktheater das jetzt in Donaueschingen uraufgeführt wurde. Es beginnt mit den Worten »Ich will fort«. Worte von Arthur Schnitzlers Fräulein Else, gesprochen von einer Schauspielerin. Sie befindet sich mit den 250 Zuschauern in einem engen Quader, blau beleuchtet. Die Wände aus raumhohen Lamellen sind durchlässig und drehbar um ihre vertikalen Achsen. Sie bilden das Gehäuse für ein Wunder, das den Musiktagen lange fehlte. Gleich die erste von achtzehn Uraufführungen wurde eine Sensation. Eine subtile freilich, kein Spektakel, kein Event.
So nahe wie Beat Furrers Hörtheater geht einem Neue Musik nur selten
Es hätte danebengehen können wie so oft, wenn in der Neuen Musik grundverschiedene Texte zusammengeworfen werden. Aber Ovids Zeilen über die Wohnung der Fama, der Göttin von Ruf und Gerücht, lieferten dem Komponisten Beat Furrer und dem Regisseur Christoph Marthaler nur die Idee für den nach allen Seiten offenen Raum, in den die Klänge der Welt geraten. Und von der weiten Welt träumt das Mädchen aus Schnitzlers Novelle. »Ich will fort«, sagt es und öffnet ein paar Lamellen an der Stirnseite. Dort sitzen die Musiker vom Klangforum Wien. Magmahaft und kontrolliert zugleich formen sich ihre Klänge, kantig und brodelnd, und mitunter stauen sie sich in sampleartigen Ausschnitten. Fräulein Elses tastende Worte stehen zuerst fremd neben den Tönen und finden sich dann immer mehr in ihnen fortgesetzt. Irgendwann sitzt man da im Klangflimmern einer Mittagsstunde voller insektenhafter Diskantgeräusche und ist schon halb selbst im Traum vom Aufbruch.
Der umgibt uns auf unberechenbare Weise. Die Musiker sitzen auch im Rücken und zu den Seiten des Publikums. Da die Lamellen den Klang lenken und fokussieren können, entstehen ganz ohne Elektronik Verstärkereffekte, die wie Zauberei wirken. Zugleich setzt Christoph Marthaler die Wände und die Deckensegel für eine genial schlüssige Lichtregie ein. Für Sekunden gehen einmal alle Türen auf und lassen Licht ins Dunkel fluten, das ist wie ein Aufatmen im Traum und Vorstufe der Katharsis, auf die Furrers Musik sich zubewegt, reflektiert und sinnlich. Wenn Else mit ihrem akustischen Spiegelbild spricht, in diesem Fall einer Bassflöte, ist der Dialog so intim, in seinen abgebrochenen Worten und Geräuschen so vorsprachlich, dass der Satz »Es gibt vielleicht gar keine Menschen« darin ungeheuer wirkt. Man lässt sich darauf ein – und man ist hingegeben, wenn wieder alle Seiten des famosen Quaders sich leuchtend öffnen und offen bleiben und ringsum der Klang wächst. Zuerst Hornrufe wie aus Wäldern, dann Töne aus der Welt dahinter, immer lichter und reicher, immer weiter…
Bis die Schönheit schrecklich wird, laut und blendend. Wie ein Panzer droht uns der Klang zu überrollen, kurz vorm Schmerz erst wird gestoppt. Danach Dunkel, kleine Klangbewegungen, Raum für die verwirrte Vernunft. Und Glück.
So existenziell nahe wie in diesen 70 Minuten geht einem Neue Musik nicht oft. Auch wenn es verschiedene Meinungen gab nach vier Vorstellungen, Fama war unstrittig das Zentrum, um das herum man sich die anderen Eindrücke der Musiktage sortierte. Die Arbeit mit sampleartigen Ausschnitten und Repetitionen etwa, die Furrer als eines von mehreren Mitteln einsetzt, war auch bei zwei anderen Komponisten als Thema zu hören. Wolfgang Suppan schrieb für das SWR-Sinfonieorchester das Stück Phase, Flächen und Fragmente aus subtil verdichteten Destillaten . Eine geradezu saubere, perfekt getimte Musik, neben der Bernhard Langs DW 17 bewusst dreckig und länglich wirkte, mit verzerrtem Sound und unscharfen Rändern operierend – aber ebenfalls mit Segmentierung und Wiederholung. Darin spiegeln die Stücke auch massenmediale Techniken.
Die Elektronik, deren Klangmöglichkeiten Furrer in Fama ganz ohne digitale Technik realisiert, ist für viele Komponisten längst selbstverständlich – als »Teil des gängigen Instrumentariums«, wie Wolfgang Suppan sagt. Bei manchen klingt sie aber immer noch bloß wie ein neues Spielzeug, das nicht ausgiebig genug vorgeführt werden kann. So ist Dai Fujikuras Vast Ocean ein Meer der Beliebigkeiten, dessen Orchesterechos und Klangstreckungen auch unter der Leitung des erfahrenen Komponisten und Dirigenten Peter Eötvös oberflächlich bleiben.
- Datum 20.10.2005 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 20.10.2005 Nr.43
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren