Verschlossen und verrammelt, von Gittern und Absperrungen gesichert, die Frauenkirche in Dresden wenige Tage vor der Weihe – ein Verteidigungsfall. In seinem Zimmer im fünften Stock des Coselpalais blickt Oberstleutnant a. D. Jochen Kindermann, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der Stiftung Frauenkirche, nicht ohne Bangen auf die Invasion der Weltpresse. Der Angriff von Fotografen und Kamerateams ist abzuwehren, denn die Bildrechte für das Kircheninnere wurden an die Welt am Sonntag verkauft. Auf seinem Tisch stapeln sich die Faxe. Vor zwei Monaten hat man ihn berufen, den tapferen Soldaten aus Liesborn bei Lippstadt, zuletzt Pressesprecher der Bundeswehr im Dienste der Sächsischen Staatsregierung. Jetzt sieht er sich dem Ansturm von 800 Journalisten gegenüber, Korrespondenten und Berichterstatter aus aller Welt. Zur festlichen Weihe am 30. Oktober wird für sie ein Podest errichtet, mit freiem Schussfeld auf die Prominenz, Würdenträger aus Politik, Kirche und Kultur, Stifter und geladene Ehrengäste. Der Kampf um die 1700 Listenplätze stellt jeden Parteitag in den Schatten. Angesichts von mehr als 100000 erfassten Spendern, die mehr als 250 Euro gestiftet haben, musste die Lostrommel entscheiden, wer hineindarf und wer nicht. BILD

Die Weihe ruft. Sachsens Posaunenchöre strömen herbei, Verstärkung naht aus Bayern, 10000 Musiker werden erwartet. Ein Podium wurde errichtet, für Jubel ist gesorgt. Mit der Weihe der Frauenkirche endet eine unglaubliche Geschichte, ein geglückter Modellversuch bürgerlichen Eigensinns, der kreativ und hartnäckig sein Ziel verfolgte: den Wiederaufbau der Frauenkirche, die Wiederherstellung der historischen Stadtsilhouette Dresdens, wie Canaletto sie nicht besser malen könnte.

1722 hatte der Rat der Stadt Dresden den Ratszimmermeister George Bähr mit der Planung eines Gotteshauses beauftragt, einer protestantischen Bürgerkirche. August der Starke, der Landesherr, hielt sich zurück, denn er war pleite. Außerdem war er gerade zum katholischen Glauben übergetreten, um König von Polen zu werden. "Das Werk hat Größe und Ansehen", befand er angesichts der Pläne. Die Kuppel hat er allerdings nie im Original gesehen.

Eine steinerne Kuppel, wie es sie noch nicht gegeben hatte

Die Kuppel! Eine Holzkonstruktion sollte es werden, mit Kupferdach, aber das wurde dem Rat bald viel zu teuer. Sachsen war im Krieg, Kupfer war unbezahlbar, und so kam es, dass der Baumeister aus Gründen der Sparsamkeit eine steinerne Kuppel erfand, wie es sie bisher noch nicht gegeben hat, aus schweren Sandsteinquadern gefügt, ein Geniestreich. "George Bähr war seiner Zeit weit voraus", sagt Eberhard Burger, Kirchenbaumeister in Dresden. Er hat das Werk Bährs Stein für Stein nachgebaut. "Das Gebäude ist einzigartig. Die Lastverteilung von der runden Kuppel auf die Außenmauern eine geniale Konstruktion."

Der Architekt mit dem blonden Löwenhaupt blickt in seinem Zimmer im fünften Stock des Coselpalais auf das monumentale Bauwerk, das unter seiner Regie in nur zehn Jahren neu erstanden ist, ein Jahr schneller fertig wurde als vorgesehen und nicht einen Cent teurer als 1994 geplant. Das Wunder von Dresden. "Wir Bauleute können glücklich sein, in unserer Zeit ein Bauwerk von Grund auf errichten zu dürfen, etwas zu schaffen, was andere nur schützen und erhalten. Das ist eine Gnade."

Der große Bähr hat die Krönung seines Lebenswerkes, das Aufsetzen der Turmhaube, nicht mehr erlebt. Laut Kirchenbuch starb er 1738 an "Streckfluss und Verzehrung". Doch als man fast hundert Jahre später sein Grab öffnete, fand man das Skelett eines Mannes mit eingeschlagenem Schädel und drei gebrochenen Rippen. War er das Opfer eines Gewaltverbrechens? Die Antwort auf diese Frage bleibt im Dunkel.

Belegt ist dagegen: Die Bürgerkirche wurde zum großen Teil mit den Spenden der Dresdner erbaut. Allerdings wurde das Geld ursprünglich für einen ganz anderen Zweck gesammelt: für Salzburger Protestanten, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden. 28366 Taler, 21 Groschen und sechs Pfennige kamen zusammen. Die Vertriebenen erhielten das Geld allerdings nie. Es hieß, sie seien ja nur auf der Durchreise nach Preußen. Also flossen die Spenden in den Bau der Frauenkirche. 1743 war sie vollendet.

Unruhige Zeiten. Im Siebenjährigen Krieg ließ Friedrich II., König von Preußen, seine Kanoniere auf die Kuppel feuern, aber die Kugeln prallten ab; in napoleonischer Zeit diente sie als Lazarett und Gefangenenlager, 1849 als Arrestzelle für aufsässige Bürger. Da war der polizeilich gesuchte Revoluzzer Richard Wagner längst ins Ausland geflohen. Wenige Jahre zuvor hatte er für die Frauenkirche sein größtes Werk, nach Zahl der Mitwirkenden jedenfalls, geschrieben: Das Liebesmahl der Apostel, ein Oratorium für tausend Männerstimmen und hundert Orchestermusiker. Vierzig Bässe sangen bei der Uraufführung ganz oben, unter der Kuppel: "Seid getrost, ich bin euch nah!" Nie wieder hat Wagner so Himmlisches komponiert.

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Hundert Jahre später nahmen die Nationalsozialisten den protestantischen Petersdom auf ihre Weise in Besitz. Sie verjagten den Pfarrer und Superintendenten Hugo Hahn (1886 bis 1957), einen Wortführer der Bekennenden Kirche in Sachsen. Der Reichsbischof ernannte die Frauenkirche zum "Dom der deutschen Christen". Von 1938 bis 1942 wird er geschlossen und von Grund auf renoviert. Das Festkonzert zur feierlichen Wiedereröffnung schloss mit Bachs Kantate Jauchzet Gott in allen Landen.