Dresden Das Wunder von Dresden
Sechzig Jahre nach ihrer Zerstörung ist die Frauenkirche wieder- aufgebaut, am 30. Oktober wird sie geweiht. Schon jetzt wird der Klang der Orgel gerühmt, die Atmosphäre im Gotteshaus als himmelsgleich empfunden
Verschlossen und verrammelt, von Gittern und Absperrungen gesichert, die Frauenkirche in Dresden wenige Tage vor der Weihe – ein Verteidigungsfall. In seinem Zimmer im fünften Stock des Coselpalais blickt Oberstleutnant a. D. Jochen Kindermann, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der Stiftung Frauenkirche, nicht ohne Bangen auf die Invasion der Weltpresse. Der Angriff von Fotografen und Kamerateams ist abzuwehren, denn die Bildrechte für das Kircheninnere wurden an die verkauft. Auf seinem Tisch stapeln sich die Faxe. Vor zwei Monaten hat man ihn berufen, den tapferen Soldaten aus Liesborn bei Lippstadt, zuletzt Pressesprecher der Bundeswehr im Dienste der Sächsischen Staatsregierung. Jetzt sieht er sich dem Ansturm von 800 Journalisten gegenüber, Korrespondenten und Berichterstatter aus aller Welt. Zur festlichen Weihe am 30. Oktober wird für sie ein Podest errichtet, mit freiem Schussfeld auf die Prominenz, Würdenträger aus Politik, Kirche und Kultur, Stifter und geladene Ehrengäste. Der Kampf um die 1700 Listenplätze stellt jeden Parteitag in den Schatten. Angesichts von mehr als 100000 erfassten Spendern, die mehr als 250 Euro gestiftet haben, musste die Lostrommel entscheiden, wer hineindarf und wer nicht.
Die Weihe ruft. Sachsens Posaunenchöre strömen herbei, Verstärkung naht aus Bayern, 10000 Musiker werden erwartet. Ein Podium wurde errichtet, für Jubel ist gesorgt. Mit der Weihe der Frauenkirche endet eine unglaubliche Geschichte, ein geglückter Modellversuch bürgerlichen Eigensinns, der kreativ und hartnäckig sein Ziel verfolgte: den Wiederaufbau der Frauenkirche, die Wiederherstellung der historischen Stadtsilhouette Dresdens, wie Canaletto sie nicht besser malen könnte.
1722 hatte der Rat der Stadt Dresden den Ratszimmermeister George Bähr mit der Planung eines Gotteshauses beauftragt, einer protestantischen Bürgerkirche. August der Starke, der Landesherr, hielt sich zurück, denn er war pleite. Außerdem war er gerade zum katholischen Glauben übergetreten, um König von Polen zu werden. »Das Werk hat Größe und Ansehen«, befand er angesichts der Pläne. Die Kuppel hat er allerdings nie im Original gesehen.
Eine steinerne Kuppel, wie es sie noch nicht gegeben hatte
Die Kuppel! Eine Holzkonstruktion sollte es werden, mit Kupferdach, aber das wurde dem Rat bald viel zu teuer. Sachsen war im Krieg, Kupfer war unbezahlbar, und so kam es, dass der Baumeister aus Gründen der Sparsamkeit eine steinerne Kuppel erfand, wie es sie bisher noch nicht gegeben hat, aus schweren Sandsteinquadern gefügt, ein Geniestreich. »George Bähr war seiner Zeit weit voraus«, sagt Eberhard Burger, Kirchenbaumeister in Dresden. Er hat das Werk Bährs Stein für Stein nachgebaut. »Das Gebäude ist einzigartig. Die Lastverteilung von der runden Kuppel auf die Außenmauern eine geniale Konstruktion.«
Der Architekt mit dem blonden Löwenhaupt blickt in seinem Zimmer im fünften Stock des Coselpalais auf das monumentale Bauwerk, das unter seiner Regie in nur zehn Jahren neu erstanden ist, ein Jahr schneller fertig wurde als vorgesehen und nicht einen Cent teurer als 1994 geplant. Das Wunder von Dresden. »Wir Bauleute können glücklich sein, in unserer Zeit ein Bauwerk von Grund auf errichten zu dürfen, etwas zu schaffen, was andere nur schützen und erhalten. Das ist eine Gnade.«
Der große Bähr hat die Krönung seines Lebenswerkes, das Aufsetzen der Turmhaube, nicht mehr erlebt. Laut Kirchenbuch starb er 1738 an »Streckfluss und Verzehrung«. Doch als man fast hundert Jahre später sein Grab öffnete, fand man das Skelett eines Mannes mit eingeschlagenem Schädel und drei gebrochenen Rippen. War er das Opfer eines Gewaltverbrechens? Die Antwort auf diese Frage bleibt im Dunkel.
Belegt ist dagegen: Die Bürgerkirche wurde zum großen Teil mit den Spenden der Dresdner erbaut. Allerdings wurde das Geld ursprünglich für einen ganz anderen Zweck gesammelt: für Salzburger Protestanten, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden. 28366 Taler, 21 Groschen und sechs Pfennige kamen zusammen. Die Vertriebenen erhielten das Geld allerdings nie. Es hieß, sie seien ja nur auf der Durchreise nach Preußen. Also flossen die Spenden in den Bau der Frauenkirche. 1743 war sie vollendet.
Unruhige Zeiten. Im Siebenjährigen Krieg ließ Friedrich II., König von Preußen, seine Kanoniere auf die Kuppel feuern, aber die Kugeln prallten ab; in napoleonischer Zeit diente sie als Lazarett und Gefangenenlager, 1849 als Arrestzelle für aufsässige Bürger. Da war der polizeilich gesuchte Revoluzzer Richard Wagner längst ins Ausland geflohen. Wenige Jahre zuvor hatte er für die Frauenkirche sein größtes Werk, nach Zahl der Mitwirkenden jedenfalls, geschrieben: Das Liebesmahl der Apostel, ein Oratorium für tausend Männerstimmen und hundert Orchestermusiker. Vierzig Bässe sangen bei der Uraufführung ganz oben, unter der Kuppel: »Seid getrost, ich bin euch nah!« Nie wieder hat Wagner so Himmlisches komponiert.
Die Flugzeuge nehmen Kurs auf Dresden, 650000 Bomben an Bord
Hundert Jahre später nahmen die Nationalsozialisten den protestantischen Petersdom auf ihre Weise in Besitz. Sie verjagten den Pfarrer und Superintendenten Hugo Hahn (1886 bis 1957), einen Wortführer der Bekennenden Kirche in Sachsen. Der Reichsbischof ernannte die Frauenkirche zum »Dom der deutschen Christen«. Von 1938 bis 1942 wird er geschlossen und von Grund auf renoviert. Das Festkonzert zur feierlichen Wiedereröffnung schloss mit Bachs Kantate Jauchzet Gott in allen Landen.
Das Jauchzen verhallt. Der Schrecklichste aller Kriege neigt sich bereits seinem Ende zu, als Stafford Cripps, britischer Minister für Flugzeugbau, in einer Tischrede zum Thema »Gott ist mein Kopilot« den Offizieren der Air Force erklärt: »Auch wenn Sie gottlose Taten vollbringen, Gott sieht Ihnen immer über die Schulter.« Am 13. Februar 1945 fliegen sie nach Dresden, mit 650000 Brandbomben an Bord.
Hertha Thomas-Leuner erinnert sich noch an den strahlenden Nachmittag und die entsetzliche Nacht des 13. Februar 1945. Sie war damals 22Jahre alt und wohnte bei ihren Eltern in der Steinstraße 7. Sie wird diesen Tag nie vergessen: die Panik, den Luftdruck der Sprengbomben, der sie und ihren Vater zu Boden warf, die Angst der Menschen im Keller, das brennende, einstürzende Haus, in dem ihre Eltern, ihre Großmutter und 42 weitere Hausbewohner den Tod fanden und aus dem sie wie durch ein Wunder entfliehen konnte. Sie erinnert sich an das Bild der Frauenkirche, die unversehrt gebliebene Kuppel über den rauchenden Trümmern der Stadt, und dass es für sie in all dem Schrecken ein tröstlicher Anblick war.
Zwei Tage später stürzte die Kuppel zusammen. Das Feuer war vom benachbarten Coselpalais durch zwei Fenster im Chor auf die Kirche übergesprungen, hatte das Innere in einen Hochofen verwandelt, eine Hölle von 1000 Grad, zu viel für sächsischen Sandstein. Eine schwarze Staubwolke legte sich über die Stadt. Als sie sich langsam verzog, ragten nur noch zwei Mauerstümpfe aus dem Trümmerberg. Hertha Thomas-Leuner erinnert sich an den Schock, den die plötzliche Leere im Stadtbild bei ihr auslöste. »Ich hatte das Gefühl, nun alles verloren zu haben.«
Neubeginn. Als Anfang der fünfziger Jahre sozialistische Stadtplaner in einer radikalen »Großflächenberäumung« die Dresdner Altstadt zum zweiten Mal zerstörten, blieb die Ruine unangetastet. Die Stadt wurde abgeräumt und planiert. Von einst 25000 Gebäuden blieben 25 stehen. Die Ruine der Frauenkirche, der Choranbau mit der Altarrückwand und ein Giebel ragten aus dem Trümmerberg. Was vom Dom der deutschen Christen geblieben war, diente nun als offizielles »Mahnmal gegen Faschismus und Krieg«.
Am Abend des 13. Februar 1982, dem 37. Jahrestag der Nacht, in der Dresden im Feuersturm unterging, versammelten sich einige hundert Menschen vor der Ruine. Die Friedens- und Bürgerbewegung wagte ihren ersten Schritt ins Licht. »An diesem Tag verließen wir zum ersten Mal das schützende Haus der Kirche«, erzählt Stephan Fritz, damals als Theologiestudent engagierter Mitstreiter der Friedensbewegung und heute Pfarrer der Frauenkirche. »Es begann als Gottesdienst in der Kreuzkirche und endete mit den Kerzen an der Ruine.« Volkspolizei war aufmarschiert, ohne einzuschreiten. Es gelang der Staatsmacht nicht mehr, die Kerzen auszublasen. Der Kampf um das Symbol hatte begonnen.
Im Herbst 1989 trafen sich in Dresden 14 Männer, um eine Initiative für den Wiederaufbau der Frauenkirche ins Leben zu rufen. Einer von ihnen war der Trompeter Ludwig Güttler. Wie er hat keiner für den Wiederaufbau getrommelt.
Hausbesuch in der Weltestraße 18. Herbstsonne leuchtet das kreativ zugekramte Zimmer aus, Trompeten und Trompetenteile blinken, ein Cello lehnt an der Wand. Der Künstler erzählt, immer noch entflammbar. »Das Wichtigste war: Anfangen! Es unumkehrbar machen, und wenn es 500 Jahre dauert wie der Bau des Kölner Doms!« Der Trompeter wusste: Dies war kein Thema für leise Töne. Am 12. Februar 1990 kam »der Ruf aus Dresden«, das Plädoyer für den Wiederaufbau. »Wir hatten nichts, kein Geld, keine Ahnung, keine Vorstellung von dem, was vor uns lag, und jede Menge Gegenwind.« Der Wind kam aus Westen. Denkmalschützer liefen Sturm. Deutsche Denkmalpflege ist Bedenkenpflege, will das Überkommene bewahren, restaurieren – aber bitte nicht rekonstruieren! Denkmalpflege in Deutschland ist Stillstand vom Feinsten. Der Plan, die Frauenkirche »archäologisch« zu rekonstruieren, stieß auf Widerspruch. Wo endet das Original, wo beginnt die Kopie? Was kommt dabei heraus? »Monumentaler Nippes«, schrieb Achatz von Müller in der ZEIT.
Auch Pfarrer Fritz gehörte zu den Gegnern des Wiederaufbaus. »Wir wollten die Ruine als Mahnmal gegen den Krieg erhalten – mit unserem Motto ›Schwerter zu Pflugscharen‹, das zu einem Symbol von Zivilcourage geworden war.« Schwerer wog: Auch die Amtskirche wehrte sich gegen den Bau, und sie hatte gute Argumente. Vierzig Jahre lang war Kirche in der DDR nur geduldet, überlebte in kleinen Kerngemeinden engagierter Christen, die keine repräsentativen Gebäude brauchten. Die historischen Kirchenbauten, die sie ohne jede staatliche Unterstützung unterhalten mussten, waren für sie ohnehin viel zu groß, in viele regnete es hinein.
Kajo Schommer, Minister für Wirtschaft und Arbeit a. D., blickt von der Terrasse des Hotels Schloss Eckberg voller Wohlgefallen in das sonnige Elbtal. »Dass der Wiederaufbau der Frauenkirche gelang, grenzt an ein Wunder. Der Staat war pleite. Wenn die Wiedervereinigung nicht gekommen wäre, wäre die gesamte DDR heute obdachlos, denn es gab keine Dachziegel mehr. Nur die Sachsen konnten es schaffen. Wenn es die Mauer nicht gegeben hätte, wären sie ohnehin heute Nummer eins unter den Bundesländern.«
Dabei hatte das alte System Großes vor. »Mir lagen Pläne vor, einen Lichtdom über der Ruine zu errichten«, berichtet Wolfgang Berghofer, letzter Bürgermeister Dresdens vor der Wende.
Das Symbol wechselte die Seiten. Der Kanzler der Einheit kam. Am 19. Dezember 1989 erklärte Helmut Kohl die Frauenkirche zum »Symbol eines deutschen Hauses unter europäischem Dach« und sprach sich für den Wiederaufbau aus. Ein vielstimmiger Chor von Kunstfreunden erhob die Stimmen, barocke Sachsophile, Dresden-Fans und Ministerpräsident Kurt Biedenkopf setzten sich dafür ein, vor allem aber die Dresdner selbst.
Der Trompeter stellte sich vor die Gruppen mit den Springerstiefeln
Aber nicht alle. »An einem 13. Februar stand ich allein draußen vor der Ruine, als mehrere Gruppen in Springerstiefeln anmarschiert kamen«, erzählt Ludwig Güttler, »sie kletterten über den Zaun und legten Kränze ab. Ich habe sie zur Rede gestellt, ihnen vorgehalten, dass sie die Ruine als Mahnmal für ihre Zwecke missbrauchen würden. Ich weiß noch, dass ich sagte: ›Das ist nicht euer Platz!‹ Die Situation war aufgeladen. Mir war klar, dass wir etwas tun mussten. Die Ruine durfte nicht zur wohlfeilen Kranzabwurfstelle für rechtsradikales Gedankengut werden. Wenn solche Bilder um die Welt gingen, wäre die Außenwirkung verheerend gewesen. Also errichteten wir ein großes Transparent: ›Versöhnung leben, Brücken bauen‹. Es war groß genug, um künftig jede rechte Aktion als Verirrung deutlich zu machen.«
Pfarrer Fritz erklärt, was ihn letztlich zum Umdenken brachte: »Die Frage: Wie gehen wir mit unserer Geschichte um? Wir wollten die Zerstörung Dresdens nicht vergessen machen, aber wir wollten keine einseitige Schuldzuweisung, wie sie die Ruine provozierte. Dresden war keine unschuldige Stadt gewesen. Auch in Dresden marschierte die SA, gab es Ausschreitungen gegen jüdische Mitbürger und Verfolgung. Zuerst brannten die Synagogen, dann brannte Dresden.«
1991 stimmte die Evangelische Synode nach heftiger Debatte dem Wiederaufbau mit überwältigender Mehrheit zu. Das Ziel war klar definiert, eine Friedens- und Versöhnungskirche sollte es sein, aber der Weg dorthin war steinig. Baumeister Burger hatte einen Bedarf von 250 Millionen Mark errechnet, ohne Mehrwertsteuer, ohne Nebenkosten. Woher nehmen? Freistaat und Stadt standen vor leeren Kassen, ebenso die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens, der die Ruine gehörte.
Ein Banker nahm sich der Sache an, Bernhard Walter, Vorstandsmitglied und später Vorsitzender der Dresdner Bank, kannte sich mit Fundraising aus. Er organisierte eine beispiellose Sammlungsbewegung. »Ich hatte nie Schwierigkeiten, die Kollegen im Vorstand von der Sache zu überzeugen«, sagt er rückblickend. Das Projekt löste Begeisterung aus, Aufbau Ost in seiner schönsten Form. Spendensammler Helmut Kohl bittet alle, die ihm zum 60. Geburtstag am 3.April 1990 beglücken wollen, um Geld für die Frauenkirche. Rund eine Million Mark kommt zusammen.
Im Januar 1992 begann die statische Sicherung der Ruine und eine Spurensuche, die in der Baugeschichte ohne Beispiel ist, ein computergestütztes Puzzle, das jeden Stein im Trümmerberg katalogisierte und mit 150 Daten registrierte, seine Maße, sein Gewicht, die Schäden, die mutmaßliche Herkunft. Wo war sein Platz im Bauwerk gewesen? Warum lag er gerade hier? Die Trümmerarchäologen speisten den Computer mit den Messdaten ihrer Funde, und so entstand die Frauenkirche virtuell auf den Monitoren der Firma ipro (Industrieprojektierung) im Süden Dresdens, wurde Datenfluss zum Datendom.
Der Plan, die alten Steine zu verwenden, löste in Deutschland eine heftige Diskussion aus, Architekten und Statiker sprachen sich dagegen aus. Der Baumeister ließ sich nicht beirren. »Wir wollten die Wunde schließen, aber die Zerstörung nicht ungeschehen machen. Deshalb haben wir die Steine des Trümmerberges, die noch zu verwerten waren, ihrem ursprünglichen Platz zugeordnet und dort wieder eingesetzt.« Ein gutes Drittel war noch verwendbar, sitzt nun als irritierendes Muster in der hellen Außenhaut, schwarzgraue Zeitzeugen, die in ein, zwei Generationen, wenn der helle Sandstein des Neubaus nachgedunkelt sein wird, verschwunden sein werden.
1992 gab die Stadtverordnetenversammlung ihre Zustimmung für den Wiederaufbau. 1994 kamen Landesvater Kurt Biedenkopf und Bernhard Walter überein, eine privatrechtliche Stiftung ins Leben zu rufen, um die Finanzierung zu sichern. Vorsitzender wurde Bernhard Walter. »Ich wollte nicht nur als Spendensammler tätig sein, sondern auch meine Managementqualitäten einbringen«, sagt er. Das Stiftungskapital beträgt 4,5 Millionen Euro, die Evangelisch-Lutherische Landeskirche, der Freistaat Sachsen und die Stadt Dresden sind je mit einem Drittel beteiligt. Die Bundesrepublik Deutschland erhielt ein – bis heute geltendes – Beitrittsrecht. Die Stiftung übernahm alle Bankverbindlichkeiten, die übrigens bis zum heutigen Tag brav getilgt wurden.
Das Trümmerfeld war geräumt. Steinmetze setzten die ersten Blöcke zusammen. Der Wiederaufbau begann – im Schneckentempo. Als 19Quadratmeter Außenwand standen, rechnete der Baumeister aus, dass die Rekonstruktion Jahrzehnte dauern würde, wenn es nicht gelänge, das Tempo deutlich zu steigern. Die Lösung: eine überdachte Stahlhalle statt vier beweglicher Kräne, eine Werft für die Kirche.
Minustemperaturen um 15 Grad, der Mörtel band nicht richtig ab
1996 weihte Landesbischof Volker Kreß die Unterkirche in einem Festgottesdienst, die Frauenkirche nahm als Gotteshaus ihren Dienst auf. Der Bau war auf eine Höhe von neun Meter gewachsen, als es ihn kalt erwischte. Der Winter 1997/98 brachte Minustemperaturen um 15 Grad, der Mörtel band nicht richtig ab, Baustopp drohte. Burger setzte Vorwärmzelte auf den Neumarkt, Tag und Nacht fauchten die Gebläse und wärmten den Stein.
Die Mauern wuchsen, die Stahlhalle wurde zu klein. Was tun? Abmontieren, um sie höher wieder aufzubauen? Das Zerlegen hätte acht Wochen gedauert und einen Baustopp bedeutet. Burgers Team fand eine unkonventionelle Lösung. Die gesamte Konstruktion wurde hydraulisch angehoben, eine bühnenwirksame Vorstellung. Die Bevölkerung sah dem Schauspiel zu, Zehntausende waren auf dem Platz.
Anfang 2000 begannen die Bauleute, die Kuppel hochzuziehen, ein steiles Gewölbe aus Stein, das am Ende 12000 Tonnen wiegen sollte, eine Herausforderung für die Statik. Aus dem Finanzministerium kam der Vorschlag, die Kuppel aus Beton zu gießen und wie einen Napfkuchen auf die Kirche zu setzen, was kostengünstiger und auch technisch einfacher sei.
Burger ließ sich nicht beirren, »wie aus einem Stein« hatte sein Vorbild George Bähr gesagt. Kein Beton, kein Stahl, kein Granit. »Wir haben die Kirche so wiederaufgebaut, wie sie war, aus weichem Sandstein. Der einzige technologische Fortschritt, den wir uns zunutze gemacht haben, sind die millimetergenau gesägten Steine, die präzisen Fugen, was die Statik verbessert. Wir haben sogar Erdbebensicherheit nachgewiesen.«
Und wieder wurde es eine Bürgerkirche. »Seit 1996 wurden alle in Deutschland gefertigten Meister- und Gesellenstücke des Steinmetzhandwerks in der Frauenkirche verbaut, mehrere hundert Bildhauerstücke insgesamt. Auch die sieben Eingangstüren sind handgearbeitete Spenden, Meisterstücke des Tischlerhandwerks in Deutschland, gestiftet für die Frauenkirche.«
Doch anders als bei Bähr hat der Kuppelumlauf nun eine Wasserrinne, und die Emporen im Kircheninneren ruhen auf einer verborgenen Stahlkonstruktion. Die Frauenkirche hat manche Einrichtungen, von denen George Bähr gar nicht wusste, dass es sie jemals geben würde: zwei moderne Küchenzeilen auf der Empore, Besuchertoiletten, Heizungen, eine Warmluftanlage, eine Lautsprecheranlage, die Glockengeläut auf einer CD einspielen kann, wenn ein Konzert dies erfordert. Ein Fahrstuhl verbindet Unterkirche und Kirchraum, groß genug für einen Steinway der Größe B. Ein Aufzug führt zum ersten Sims mit seiner 68 Meter hohen Besucherplattform.
Die Unterkirche soll künftig ein Raum der Stille sein, für Andachten und kirchlichen Dialog. Das historische Sandsteingewölbe ist umgeben von einem Neubau des 21. Jahrhunderts, dem Ring des unterirdischen Außenbauwerks mit Künstlerzimmern, Ruheräumen und Garderoben, Duschen und Toiletten, Lagerkellern und Technikräumen.
»Ohne Gottvertrauen hätten wir es niemals geschafft«, sagt Bernhard Walter, der Banker, der sich zu seinem Glauben bekennt. Er zieht Bilanz, in Euro. Die Dresdner Bank stiftete sieben Millionen, eine Million kam als private Spende der Mitarbeiter, und stolze 56 Millionen brachten die Stifterbriefe, eine Aktion, durch die Spender in aller Welt gewonnen wurden.
Freundeskreise sammelten Geld, eine Bürgerbewegung mit mehr als 13000 Mitgliedern brachte über 100000 Spender und Förderer in Bewegung, Ludwig Güttler und seine Ensembles musizierten für die Frauenkirche, sammelten bis heute 33 Millionen. Großspenden, Kleinspenden, Erbschaften flossen nach Dresden. Das ZDF schaffte fünf Millionen heran, und Kahnaletto, das Schiffsrestaurant auf der Elbe, lud zum »Schlemmen für die Frauenkirche«. Die Gäste schlürften 10000 Austern. Auch Hertha Thomas-Leuner, die in der Bombennacht von Dresden ihre Eltern verloren hatte, nun wohnhaft in Bad Reichenhall, gab 52000 Mark für den Wiederaufbau.
Die Friedens- und Versöhnungskirche weckte Spendenbereitschaft in aller Welt. In Großbritannien gründete Alan Keith Russel, der als kleiner Junge die Angriffe deutscher Stukas auf London erlebt hatte, den Dresden Trust und sammelte mehr als 700000 Pfund, Queen Elisabeth spendete aus ihrer Privatschatulle.
Am 13. Februar 2000, dem 55. Jahrestag der Zerstörung Dresdens, überreichte der Herzog von Kent das mit britischen Geldern finanzierte vergoldete Turmkreuz. Es wurde in der Londoner Gold- und Silberschmiede Grant McDonald gefertigt. Einer der Mitarbeiter, Alan Smith, ist der Sohn eines britischen Bomberpiloten, welcher am Angriff auf Dresden beteiligt war. Im Juni 2004 wurde das Kreuz auf die Laterne gesetzt. Nun hatte die Kirche wieder ihre alte Höhe, 91,23 Meter.
In New York hatte der Medizinnobelpreisträger Günter Blobel die Friends of Dresden Inc. gegründet, er spendete den größten Teil seines Preisgeldes, 800000 Euro, für den Wiederaufbau der Frauenkirche, aber auch 100000 Euro für den Bau der Neuen Synagoge. Insgesamt kamen aus New York umgerechnet zwei Millionen Euro.
Opfer spendeten für die Erben der Täter. Aus Brasilien kam eine Spende der einst aus Dresden wegen ihrer jüdischen Herkunft vertriebenen Bankiersfamilie Arnhold, aus Polen die steinerne Flamme der Versöhnung , geschaffen von Steinmetzen aus Gostyn, einer kleinen Stadt zwischen Poznan und Wroc¬aw (Posen und Breslau). Dort hatten Soldaten der Wehrmacht nach dem Einmarsch die Bürger der Stadt zusammengetrieben und 30 von ihnen erschossen. In Gostyn hatten daraufhin junge Leute eine Widerstandsgruppe gebildet, die Schwarze Legion. Die Gruppe flog auf, ihre 14 Mitglieder wurden nach Zwickau deportiert, dort gefoltert, verurteilt und schließlich in Dresden hingerichtet. Zwei wurden begnadigt, weil sie zu jung waren. Einer von ihnen, der heute 84-jährige Marian Sobkowiak, wird zur Weihe der Frauenkirche erwartet.
Die Glocken kamen, wurden in feierlicher Prozession durch die Stadt geführt. Jesaia, die Friedensglocke mit der Inschrift »Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen«, Johannes, die Verkündigungsglocke, Jeremia, die Stadtglocke, und Maria, die Gedächtnisglocke, Josua, die Trauglocke, und David, die Gebetsglocke, Philippus, die Taufglocke, und die kleine Hanna, die als Dankglocke erklingen soll.
Das achtstimmige Geläut, das stimmreichste in Sachsen, ergänzt die tiefer gestimmten Glocken der benachbarten Kreuzkirche und der Kathedrale St. Trinitatis, der früheren Hofkirche. Alle Glocken der Frauenkirche sind neu – bis auf Maria, die schon 1518 gegossen wurde. Die Gebetsglocke David zeigt im Revers den beim Brand der Dresdner Synagoge in der Pogromnacht 1938 geretteten Davidstern, der heute die Tür der neuen Synagoge schmückt.
Der Innenausbau war fast vollendet, das Schnitzwerk des Hofbildhauers Johann Christian Feige des Älteren (1689 bis 1751), Altar, Kanzel und Orgelprospekt von Kunsthandwerkern neu geschaffen. Nur der Himmel fehlte, die vier Evangelisten die von der Kuppel herabblickten, die christlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung und Barmherzigkeit. Wer malt heute noch barock? Wer kann die Handschrift des Italieners Giovanni Battista Grone (1682 bis 1748) kopieren, die zerstörten Bilder des Barockmalers neu erschaffen? Ein erster Versuch schlug fehl, der Evangelist Johannes geriet zu bunt. Das Bild wurde abgeschlagen, die Fläche neu verputzt. Nach langem Auswahlverfahren bekam Christoph Wetzel den Auftrag, die Kuppel der Frauenkirche auszumalen.
Der Künstler auf der Baustelle erwog, mit Farbtöpfen zu werfen
Atelierbesuch in Laubegast. Der Künstler lebt in einer Einzimmerwohnung, Porträts und Akte bedecken die Wände, Menschen sind sein Thema, aber barock malt er nicht. Der Meister hat an der Kunsthochschule in Dresden Wand- und Tafelmalerei studiert, beherrscht anatomisches Zeichnen, hatte aber noch nie eine Kirche ausgemalt. »Die Schwierigkeit war, mich in einen anderen hineinzuversetzen. Grone war überzeugter Katholik und Theatermaler. Ich bin Protestant, die melodramatische Pose der Italiener ist mir fremd.«
Es war eine Art Anverwandlung. Der Weg dorthin führte über unendlich viele Skizzen, Gewandstudien, Aktzeichnungen. Er malte die Entwürfe in einem eigens angemieteten Großraumbüro, wo er seine Bilder aus angemessener Entfernung betrachten konnte, übertrug sie auf Packpapierbahnen in der Originalgröße der 4,5 mal 6 Meter großen Kuppelfelder, pauste die Linien nach Art alter Meister mit einem Kohlestaubbeutelchen durch. Am Ende fand er seinen Weg: »Ich malte im barocken Duktus von Grone, den ich verinnerlicht hatte. Aber ich malte Gesichter, die anders aussahen als seine.«
Selbstzweifel plagten ihn. Mit Lukas war er lange nicht im Reinen. Hatte er einen Bart? »Ich fand, er sah damit aus wie ein Dandy von der Tankstelle.« Endlich sah er – ohne Bart – wie ein Heiliger aus. Er wandte sich den christlichen Tugenden zu. »Allein der Glaube war vier Meter hoch, mit einem Kopf so groß wie ein kleiner Teetisch.«
Nie zuvor hatte er im Lärm einer Großbaustelle malen müssen, er versuchte, sich zu konzentrieren, hörte Chormusik von Heinrich Schütz. Aber die Bauleute unter ihm dudelten Popsender; er malte den Himmel, sie hobelten mit höllischem Maschinenlärm – zwei Welten. »Ich kriegte die Krise, war drauf und dran, mit Farbtöpfen zu werfen.« Schließlich kam er, wenn die anderen gingen, und malte nachts.
»Man kniet, man hockt, man leidet, man kauert, man kriecht, malt im Liegen, der Rücken tut weh. Es ist ein Wunder, dass nichts passiert ist, bei all den Verrenkungen mit den schweren Wassereimern auf dem Eisenleiterchen in 36 Meter Höhe. Anfangs trug ich einen Schutzhelm, nachdem ich mir ein paarmal damit den Kopf gestoßen habe, wickelte ich mir ein Piratentuch um den Kopf.« Inzwischen betrachtet er das Werk mit einer gewissen Distanz: »Als ich vor einiger Zeit die Frauenkirche betrat, blickte ich in die Kuppel und dachte: Das hast du nicht gemalt, das war ein anderer.«
Nun sind nur noch Vergolder am Werk, nimmt der Kantor seine Kirche in Besitz. Matthias Grünert blickt von der Chorschranke in den sonnendurchfluteten Raum. »Von hier aus hat der Klang einen Riesennachhall, ideal für Bachkantaten.« Aber schöner noch klingt es von der zweiten Empore, gegenüber dem Altar, oder von ganz oben, wenn der Chor in den Nischen über dem Kuppelumlauf steht. »Unglaublich, wie das klingt, himmelssphärengleich, entrückt, softig, wie aus Wolken.«
Der Streit um die Orgel eskaliert – Spender ziehen ihr Geld zurück
Die Nachmittagssonne lässt die Farben der Kirche leuchten, über dem Orgelprospekt lächelt ein Engel mit goldenen Locken, darunter strahlt Samuel Kummer, der Organist. »Genial. Die schönste Orgel, die ich kenne!« Er führt einer Delegation von Orgelbauern aus der Schweiz das Wunderwerk vor. Geheimnisvoll klingt die Klage der Oboe, dunkel droht das Fagott, »Toll!«, ruft der Organist dazwischen. Die Herren nicken, loben den »lebendigen Wind« der historisierenden Faltenbalganlage. Kummer zieht die Register. »Quintate! Typisch Silbermann!«, ruft er, »Toll, wie der leuchtet!«
Nun ist Friede. Keine Auseinandersetzung hat während des Wiederaufbaus der Frauenkirche so tiefe Wunden gerissen wie der Orgelstreit. Wie der Dom so die Orgel, forderten die Förderer, die sich für einen detailgenauen Nachbau der Silbermann-Orgel einsetzten. Ludwig Güttler fand, dass es ehrlicher sei, eine Orgel zu schaffen, die auch die Musik des 19. und 20. Jahrhunderts spielen könne, sah sich von einer »Orgel-Mafia« bedrängt. Der Berliner Mäzen Peter Dussmann sprach von einer »Monster-Orgel« und zog seine Spende von 1,5 Millionen Euro zurück, als die Stiftung sich gegen eine sächsische Lösung und für einen Neubau der Manufaktur Alfred Kern in Straßburg entschied. »Kein Instrument kommt diesem gleich!«, schwört Güttler, »es hat große Majestät, riesige Gravität, festliche Klangfülle, eine ideale Bezogenheit aller Register, ein geniales Instrument!«
Das Spiel des Organisten füllt den Raum, klar und schön. Die Kirche scheint auf Musik gewartet zu haben, ein Konzertsaal wie ein Logentheater. Hans Scharoun ließ sich für den Bau der Berliner Philharmonie vom Konzept der Frauenkirche inspirieren.
»Der Klang des Raumes ist manchmal geradezu mystisch«, findet Ralf Ruhnau, Konzertreferent der Stiftung Frauenkirche. Vor ein paar Tagen hat der polnische Komponist Krzysztof Penderecki die Kirche besucht. 2007 wird er hier seine Passion Christi aufführen. Das New York Philharmonic Orchestra und Kurt Masur haben sich angesagt, Lorin Maazel wird kommen, internationale Orchester, Solisten, Chöre. Ralf Ruhnau hat schon Erfahrungen sammeln können, »wir haben 300 Konzerte in der Unterkirche hinter uns, vor allem Kammermusik.« Nun plant er im großen Rahmen. Am 1. November ist ein »Dankeschönkonzert« angesetzt für die Bauleute und ihre Familien, ein festlicher Tag. Am 4. November wird als erstes öffentliches Konzert Beethovens Missa solemnis aufgeführt werden, mit der Sächsischen Staatskapelle unter ihrem neuen Chefdirigenten Fabio Luisi und dem Chor der Semperoper.
»Meine Hoffnung ist, dass jeder Mensch die Kirche fröhlicher und friedlicher verlässt, als er hineingekommen ist, im Frieden mit sich selbst und mit seinem Nächsten«, sagt Baudirektor Burger. Alle sollen kommen.
»Ich habe nichts dagegen, wenn die Frauenkirche auch ein Ort für Kongresse, Tagungen oder Preisverleihungen wird«, sagt der Baumeister, »aber die Stiftung ist der Veranstalter. Wir bestimmen das Programm, es gibt ein geistliches Wort, einen Vortrag, der den Bezug zum Glauben herstellt. Über allem steht das Motiv: ›Brücken bauen, Versöhnung leben, Glauben stärken‹. Die Frauenkirche ist ein evangelisch-lutherisches Gotteshaus, die Gemeinde versammelt sich, um das gesprochene Wort, die Architektur macht diesen Gedanken sichtbar, die innere Kuppel schwebt darüber wie zwei gefaltete Hände.«
Die Kirche ist ein Geschenk. Kein Bau der Neuzeit hat soviel Spenden aus aller Welt versammelt. Bei diesem Symbol der Versöhnung wollte niemand zurückstehen.
Längst hat der Andenkenhandel das Schmuckstück vereinnahmt, als Postkartenschönheit, Bastelbogen oder Tischdekoration in Kunstharz. Kein Kiosk ohne Frauenkirche als Adventskalender. Die Frauenkirche ist der neue Popstar unter Deutschlands Gotteshäusern.
»Jedes Jahr kamen 10000 zur Weihnachtsvesper an die Ruine, dann an die Baustelle der Frauenkirche, 160000 Menschen kamen zur Glockenweihe, 65000 sahen zu, wie der Kran die Turmhaube auf die Kuppel setzte, Menschen, die sonst nie eine Kirche besuchen«, stellt Pfarrer Fritz begeistert fest. »Für mich ist eine spannende Frage: Was glauben die vielen, die nicht glauben? Mit der Frauenkirche haben wir eine große Chance, die zu erreichen, die sonst keinen Weg zum Glauben finden.«
Nach 3546 Führungen bekommt der alte Herr das Bundesverdienstkreuz
Es macht ihm nichts aus, Touristenpfarrer genannt zu werden. »Why not? Wir grenzen niemanden aus. Die Kirche ist immer offen, alle sieben Türen, auch für alle Arten des Tourismus, auch für die Meditation auf die Schnelle. Wer diesen Raum betritt, fühlt sich geborgen wie in einem Schoß. Er hat etwas Mütterliches, ein menschliches Maß, auch wenn er sich zum Himmel zu öffnen scheint. Für mich ist er ein Gleichnis für die Schönheit des Glaubens.«
»Wenn Menschen zum ersten Mal in die Kirche treten, sind sie überwältigt, sie sehen die Freundlichkeit des Raumes, oft sehe ich Tränen in den Augen«, erzählt Anja Häse. Die promovierte Historikerin und Mutter eines kleinen Sohnes hat sich nach der Erziehungszeit bei der Stiftung für eine Schlüsselposition beworben. Nun ist sie zuständig für die Kirchenführungen und die Ausbildung der Kirchenführer, aber auch für Jugendbegegnungen, Kirchenpädagogik und die Broschüren der Stiftung. »Als ich den Job antrat, stand ich nur alten Herren gegenüber, die alle mehr über die Geschichte Dresdens und die Frauenkirche wussten als ich.«
Zu den alten Herren gehört auch der Dresdner Physiker Andreas Zimmermann, ein Opfer der Wende. Mit 60 in die Arbeitslosigkeit entlassen, bewarb er sich als Kirchenführer, machte eine Führung auf Probe und fand Gefallen an der Aufgabe. Im Stillen setzte er sich ein Ziel: eine Million Mark für die Frauenkirche. Im November 2001 hatte er die Summe zusammen, nach 3546 Führungen. Inzwischen hat er für seinen Einsatz das Bundesverdienstkreuz am Bande bekommen.
Eine Führung dauert 45 Minuten, Einlass im Stundentakt. Im Anschluss bitten die Führer um eine Spende. »Jede Stunde führen wir bis zu 300 Besucher in die Kirche, siebenmal am Tag. In diesem Jahr waren es knapp eine halbe Million Menschen«, bilanziert Anja Häse.
Kuppelaufstieg über Fahrstuhl und Eselspfad, wie der steinerne Weg nach oben genannt wird. Pro Stunde streben rund 1200 Besucher nach oben, 20000 am Tag. Damit die Ausdünstungen der Besucher den Kirchenraum nicht schädigen, ist er rundum verglast.
Oben weht kräftiger Höhenwind. Christoph Münch, Sprecher der Dresden-Touristik, hat eine Journalistengruppe hinaufgeführt. »Vier Prozent der Ostdeutschen sind noch nie im Westen gewesen, aber ein Drittel der Westdeutschen war noch nie im Osten. Die sollen nun endlich kommen«, findet er.
Der Blick nach unten ist nicht erhebend, Container, Metallzäune. Nun, da sie endlich fertig ist, wirkt die Frauenkirche wie ein ruhender Pol im Strudel der Baumaßnahmen. Barock around the clock.
Der Fürstenzug hat nun wieder ein Ziel: Otto der Reiche, Dietrich der Bedrängte und Heinrich der Erlauchte reiten der Frauenkirche entgegen, ihre Umgebung strebt zügig zurück ins 18. Jahrhundert. Der italienische Investor Arturo Prisco darf endlich sein Frauenkirchen-Quartier QF errichten, mit integrierter Shopping-Mall. Das Hilton an der Frauenkirche, kurz vor der Wende erbaut und stilistisch eher belanglos, soll wohl 2007 auch eine Barockfassade bekommen, und im Südosten wächst Steigenbergers neubarockes Hotel du Saxe, ein historischer Ort, denn hier hat – lang ist es her – Clara Schumann zum ersten Mal das Klavierkonzert ihres Mannes gespielt.
»Ich habe den Rest meines Nobelpreises für den Neumarkt gegeben«, sagt Günter Blobel, der Pate der Stadt, »damit das Umfeld zurückkommt, das Stadtbild, wie es einmal war. Ich bin sehr für moderne Architektur, dort wo sie hinpasst. Aber ich bin überzeugt: Wenn der Neumarkt seine alte Gestalt wiedergewinnt, wird man feststellen, dass der Kulturpalast wegmuss.«
Wo sich jetzt noch Baucontainer aneinander reihen, wird ein gläsernes Studio errichtet werden, um das Event live zu übertragen. Es gibt nur noch ein Problem: die Gästeliste. Eberhard Burger stöhnt. »Die Weihe steht wie ein Berg vor mir. Ich würde lieber hinten auf einer Kirchenbank sitzen und mir das Ganze ansehen.« Zu viele wollen hinein. Und es werden immer mehr. Die Rolle als Protokollchef liegt dem Baumeister nicht.
Kummer in Bad Reichenhall. »Ich dachte, ich werde eingeladen«, erzählt Hertha Thomas-Leuner, die treue Freundin der Frauenkirche. »Seit Januar gehe ich mit Herzklopfen zum Briefkasten und sehe nach, ob ich Post aus Dresden habe.« Sie bekam den ersehnten Brief, staunte, dass man sie ausgelost hatte. Doch sie freute sich zu früh. Die Druckerei hatte die Falschen benachrichtigt. Ein neues Schreiben flatterte ins Haus, mit dem Ausdruck des Bedauerns. »Wahrscheinlich war ich auf einer schwarzen Liste, weil ich schon Karten fürs Orgelkonzert am Abend hatte«, vermutet sie, »ein Wunder, dass ich keinen Herzklaps bekommen habe.«
Christian Drechsel ist neu in der Frauenkirche. Er hat Cello studiert, als Pädagoge in Freiberg gearbeitet, Notenpulte geschleppt, alles gemacht vom Orchesterwart bis zum Dirigenten. Vor drei Tagen hat er als Inspizient seinen Arbeitsplatz in dem kleinen Raum an der Nordwand bezogen und wartet auf die Fernbedienung, mit der er alles steuern kann. Sie schafft die Verbindung zum zentralen Rechner der Frauenkirche, der auch über einen unauffälligen Touchscreen im Mauerwerk links vom Altar bedient werden kann.
Das Menü stellt ihn vor keine großen Herausforderungen. Die Lichtstimmungen sind programmiert, ein Fingertipp auf »Taufe«, »Konzert«, »Gottesdienst«, und auf wundersame Weise legt sich Dunkelheit über die Gemeinde, werden Altar und Kanzel in himmlisches Licht getaucht, das sich natürlich auch dimmen lässt.
Christian Drechsel blickt in die Kirche. »Die ersten vier Reihen müssen wir herausnehmen, damit das Orchester Platz hat.« Das Podium wartet im Keller. Es gibt noch eine Menge zu tun. Der Inspizient hat viel um die Ohren. »Aber irgendwann, wenn der Trubel vorbei ist, werde ich mich nachts ganz allein mit dem Cello in die Kirche setzen und eine Bachsuite spielen.«
- Datum 20.10.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 20.10.2005 Nr.43
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Endlich einmal Artikel in der ZEIT, der die Leistung der Buerger bei der Rekonstruktion dieses bedeutendsten deutschen Barockbau in den Vordergrund stellt.
Eine letzte Peinlichkeit leistet sich in diesem Zusammenhang Bundeskanzler Schroeder, der es sich am heutigen Tag nicht nehmen laesst, eine belanglose Ausstellung im Berliner Martin-Gropius Bau zu eroeffnen, aber fuer die Weihe eines wichtigen Symbols fuer den Aufbau der neuen Bundeslaender angeblich 'aus persoenlichen Gruenden' keine Zeit hat.
Was für ein naives Textlein.
Leider hat der Autor dem Löwenhaupt des Architekten mehr Aufmerksamkeit geschenkt, als der Tatsache, dass jeder der in Dresden ein Mahnmal erhalten wollte, aus jeglicher Betiligung herausgemobbt wurde.Der Mythos Bürgerkirche stimmt leider auch nicht, ohne Zuschüsse des Bundes hätte das Geld nicht einmal annähernd gereicht, eine dieser Stiftungen ging sogar pleite.
Was heute in unserer Stadt steht ist kein Wunder, keine Kirche und auch kein Weltfriedenszentrum. Es ist Disneyland für Kulturbeflissene.
"Die Frauenkirche ist ein evangelisch-lutherisches Gotteshaus, die Gemeinde versammelt sich, um das gesprochene Wort, die Architektur macht diesen Gedanken sichtbar, die innere Kuppel schwebt darüber wie zwei gefaltete Hände"
Vielleicht ist das ja der Hauptgrund, warum die Spendenbereitschaft so groß war, weil es letztlich nicht um eine Rekonstruktion, eine Flucht aus der Gegenwart, eine stadtplanerische oder architektur-ästhetische Angelegenheit oder die Dresdner Identität ging, sondern um etwas, was alle diese Aspekte transzendiert.
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