Dresden Das Wunder von DresdenSeite 8/8

Oben weht kräftiger Höhenwind. Christoph Münch, Sprecher der Dresden-Touristik, hat eine Journalistengruppe hinaufgeführt. »Vier Prozent der Ostdeutschen sind noch nie im Westen gewesen, aber ein Drittel der Westdeutschen war noch nie im Osten. Die sollen nun endlich kommen«, findet er.

Der Blick nach unten ist nicht erhebend, Container, Metallzäune. Nun, da sie endlich fertig ist, wirkt die Frauenkirche wie ein ruhender Pol im Strudel der Baumaßnahmen. Barock around the clock.

Der Fürstenzug hat nun wieder ein Ziel: Otto der Reiche, Dietrich der Bedrängte und Heinrich der Erlauchte reiten der Frauenkirche entgegen, ihre Umgebung strebt zügig zurück ins 18. Jahrhundert. Der italienische Investor Arturo Prisco darf endlich sein Frauenkirchen-Quartier QF errichten, mit integrierter Shopping-Mall. Das Hilton an der Frauenkirche, kurz vor der Wende erbaut und stilistisch eher belanglos, soll wohl 2007 auch eine Barockfassade bekommen, und im Südosten wächst Steigenbergers neubarockes Hotel du Saxe, ein historischer Ort, denn hier hat – lang ist es her – Clara Schumann zum ersten Mal das Klavierkonzert ihres Mannes gespielt.

»Ich habe den Rest meines Nobelpreises für den Neumarkt gegeben«, sagt Günter Blobel, der Pate der Stadt, »damit das Umfeld zurückkommt, das Stadtbild, wie es einmal war. Ich bin sehr für moderne Architektur, dort wo sie hinpasst. Aber ich bin überzeugt: Wenn der Neumarkt seine alte Gestalt wiedergewinnt, wird man feststellen, dass der Kulturpalast wegmuss.«

Wo sich jetzt noch Baucontainer aneinander reihen, wird ein gläsernes Studio errichtet werden, um das Event live zu übertragen. Es gibt nur noch ein Problem: die Gästeliste. Eberhard Burger stöhnt. »Die Weihe steht wie ein Berg vor mir. Ich würde lieber hinten auf einer Kirchenbank sitzen und mir das Ganze ansehen.« Zu viele wollen hinein. Und es werden immer mehr. Die Rolle als Protokollchef liegt dem Baumeister nicht.

Kummer in Bad Reichenhall. »Ich dachte, ich werde eingeladen«, erzählt Hertha Thomas-Leuner, die treue Freundin der Frauenkirche. »Seit Januar gehe ich mit Herzklopfen zum Briefkasten und sehe nach, ob ich Post aus Dresden habe.« Sie bekam den ersehnten Brief, staunte, dass man sie ausgelost hatte. Doch sie freute sich zu früh. Die Druckerei hatte die Falschen benachrichtigt. Ein neues Schreiben flatterte ins Haus, mit dem Ausdruck des Bedauerns. »Wahrscheinlich war ich auf einer schwarzen Liste, weil ich schon Karten fürs Orgelkonzert am Abend hatte«, vermutet sie, »ein Wunder, dass ich keinen Herzklaps bekommen habe.«

Christian Drechsel ist neu in der Frauenkirche. Er hat Cello studiert, als Pädagoge in Freiberg gearbeitet, Notenpulte geschleppt, alles gemacht vom Orchesterwart bis zum Dirigenten. Vor drei Tagen hat er als Inspizient seinen Arbeitsplatz in dem kleinen Raum an der Nordwand bezogen und wartet auf die Fernbedienung, mit der er alles steuern kann. Sie schafft die Verbindung zum zentralen Rechner der Frauenkirche, der auch über einen unauffälligen Touchscreen im Mauerwerk links vom Altar bedient werden kann.

Das Menü stellt ihn vor keine großen Herausforderungen. Die Lichtstimmungen sind programmiert, ein Fingertipp auf »Taufe«, »Konzert«, »Gottesdienst«, und auf wundersame Weise legt sich Dunkelheit über die Gemeinde, werden Altar und Kanzel in himmlisches Licht getaucht, das sich natürlich auch dimmen lässt.

Christian Drechsel blickt in die Kirche. »Die ersten vier Reihen müssen wir herausnehmen, damit das Orchester Platz hat.« Das Podium wartet im Keller. Es gibt noch eine Menge zu tun. Der Inspizient hat viel um die Ohren. »Aber irgendwann, wenn der Trubel vorbei ist, werde ich mich nachts ganz allein mit dem Cello in die Kirche setzen und eine Bachsuite spielen.«

 
Leser-Kommentare
  1. Endlich einmal Artikel in der ZEIT, der die Leistung der Buerger bei der Rekonstruktion dieses bedeutendsten deutschen Barockbau in den Vordergrund stellt.

    Eine letzte Peinlichkeit leistet sich in diesem Zusammenhang Bundeskanzler Schroeder, der es sich am heutigen Tag nicht nehmen laesst, eine belanglose Ausstellung im Berliner Martin-Gropius Bau zu eroeffnen, aber fuer die Weihe eines wichtigen Symbols fuer den Aufbau der neuen Bundeslaender angeblich 'aus persoenlichen Gruenden' keine Zeit hat.

    • pharao
    • 27.10.2005 um 18:04 Uhr

    Was für ein naives Textlein.
    Leider hat der Autor dem Löwenhaupt des Architekten mehr Aufmerksamkeit geschenkt, als der Tatsache, dass jeder der in Dresden ein Mahnmal erhalten wollte, aus jeglicher Betiligung herausgemobbt wurde.Der Mythos Bürgerkirche stimmt leider auch nicht, ohne Zuschüsse des Bundes hätte das Geld nicht einmal annähernd gereicht, eine dieser Stiftungen ging sogar pleite.
    Was heute in unserer Stadt steht ist kein Wunder, keine Kirche und auch kein Weltfriedenszentrum. Es ist Disneyland für Kulturbeflissene.

  2. 3. \N

    "Die Frauenkirche ist ein evangelisch-lutherisches Gotteshaus, die Gemeinde versammelt sich, um das gesprochene Wort, die Architektur macht diesen Gedanken sichtbar, die innere Kuppel schwebt darüber wie zwei gefaltete Hände"
    Vielleicht ist das ja der Hauptgrund, warum die Spendenbereitschaft so groß war, weil es letztlich nicht um eine Rekonstruktion, eine Flucht aus der Gegenwart, eine stadtplanerische oder architektur-ästhetische Angelegenheit oder die Dresdner Identität ging, sondern um etwas, was alle diese Aspekte transzendiert.

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