Telekommunikation Ruf doch mal an!
Neue Mobilfunk-Anbieter locken mit Billigtarifen. Die wirbeln zwar die Branche durcheinander, doch Schnäppchen-Jäger kommen nicht unbedingt auf ihre Kosten
Wie viel ein Liter Benzin kostet, das weiß fast jeder Autofahrer. Wie viel Cent aber pro Minute fürs mobile Telefonieren fällig werden, das können nur wenige Handybesitzer sagen. Genau genommen nur jeder siebte, fand das Meinungsforschungsinstitut TNS Infratest Mitte August heraus.
Die neuen Anbieter im Mobilfunkgeschäft wissen das zu nutzen. Mit fantasievollen Marken, Billigangeboten und gezielten Werbekampagnen locken Tchibo, simyo und Co. neue Kunden an. Zwar geht die Rechnung für die Schnäppchenjäger nicht immer auf. Trotzdem wächst die Zahl der Nutzer. So manchem Anbieter aber wird auch das nicht helfen. Den Preiskampf dürften nur wenige überleben.
Erst einmal aber hoffen alle – vor allem darauf, dass ihre Kunden auch zu Hause nur noch zum Handy greifen. Kabel, so ihre Botschaft, sind von gestern; schnurlos liegt im Trend – und das nicht nur beim Telefonieren. Gleich eine Reihe neuer Techniken soll alle noch mobiler machen (siehe Kasten).
Handys gibt es bereits zuhauf – mehr als Anschlüsse ins Festnetz. Die vier Mobilfunkbetreiber T-Mobile, Vodafone, E-Plus und O2 registrieren bisher rund 74 Millionen Verträge. Ihre Kunden geben gut 20 Milliarden Euro im Jahr für Mobilfunkdienste aus. Das klingt zwar imposant. Doch insgesamt werden erst rund 15 Prozent aller Gesprächsminuten in Deutschland über Handys geführt. Nicht genug für die vielen Anbieter am Markt. Außer den vier Netzbetreibern wollen auch die Diensteanbieter wie Debitel oder MobilCom ihr Geld verdienen. Sie haben keine eigenen Netze, sondern vermarkten nur ihren Service. Jetzt gesellen sich auch noch die Discounter hinzu. Bislang konnten die Etablierten am Markt in Ruhe ihre Gebühren gestalten: Wenig wettbewerbsfreundlich und unübersichtlich. Etwa 1800 Tarifvarianten gibt es derzeit.
Damit scheint es jetzt vorbei. Der Netzbetreiber O2 war der erste, der neue Akzente setzte: Bereits Ende vergangenen Jahres verbündete er sich mit dem Kaffeeröster Tchibo. Kern der neuen Offerten beider Partner: Es gilt nur noch ein Tarif rund um die Uhr für alle nationalen Gespräche ins deutsche Festnetz und in deutsche Mobilfunknetze.
Nach einiger Zeit folgte der Rivale E-Plus. Das Unternehmen startete Mitte dieses Jahres mit simyo – und unterbot den Wettbewerber natürlich. Inzwischen konkurriert eine ganze Schar von Anbietern mit ihren Discountangeboten. Ihre Tarife pendeln um die 19 Cent pro Minute. Kein Schnickschnack mehr, ist ihre Devise.
Gut für den Umsatz: Die Gruppe der Sechs- bis Dreizehnjährigen
Fantasievoll sind nur noch ihre Namen: Klarmobil.de, blau.de, debitel light oder simply. Zwar werben alle mit transparenten Preisen, doch wer sicher gehen will, aus der Vielfalt für sich das günstigste Angebot zu wählen, der hat nach wie vor nur eine Chance: Informationsdienste im Internet wie teltarif.de bieten einen aktuellen Überblick.
Und ganz ohne Haken und Ösen geht es auch jetzt wieder nicht: Die Verträge sind meist nur im Internet zu ordern; die alte Rufnummer kann nicht mitgenommen werden, und für Auslandsgespräche gelten die Tarife in der Regel nicht. Manchmal sind sie sogar teurer als bisher. Vor allem aber: Wer eine Billigvariante wählt, bekommt kein Handy mehr dazu. Bislang wurden die Verträge zusammen mit kräftig subventionierten Geräten vermarktet. Manchmal gibt es sie sogar gratis dazu.
Die neuen Offerten bringen deshalb nur jenen Kunden einen Gewinn, die ihr altes Handy weiter nutzen. Wer hingegen stets mit dem neuesten Modell glänzen will, sollte erst einmal rechnen. Womöglich fährt er mit einem der herkömmlichen Tarife besser, selbst wenn der zunächst teurer erscheint. Denn bei den alten Tarifstrukturen zahlen die Kunden den tatsächlichen Preis für das High-Tech-Gerät über die Gebühren in kleinen Raten zurück. Bis zu 30 Cent pro Gesprächsminute sind dafür in den Tarifen einkalkuliert. Und das kann manchmal günstiger sein, als sich selbst ein neues Gerät zu besorgen.
So oder so: Die Anbieter kommen – zurzeit noch – auf ihre Kosten. Damit das auch künftig so bleibt, haben sie sich noch einiges mehr ausgedacht. Jetzt nehmen sie spezielle Zielgruppen ins Visier: darunter Migranten, Senioren, Fußballfans – oder vorzugsweise Kinder. Die waren schon mit SMS und Klingeltönen zu begeistern. Inzwischen kommen Musik, Spiele, Comics und Videofilme dazu. »Im Bereich der Sechs- bis Dreizehnjährigen ist die Verbreitung noch unterdurchschnittlich«, schreibt Philipp Geiger von der Managementberatung Solon in seiner jüngsten Mobilfunkstudie. Das lässt viele Anbieter hoffen.
Rudolf Gröger, Chef von O2, setzt mit seinen originären Produkten schon seit längerem auf die hippe, junge, urbane und technikaffine Kundschaft. Das gemeinsame Angebot mit Tchibo mobil ist hingegen für alle ab Mitte dreißig mit Familien zugeschnitten, die preiswert und einfach telefonieren wollen. Mit anderen Worten: für Frauen, die auch sonst nicht nur Kaffee bei Tchibo kaufen.
Immer neue Marken sollen das Geschäft beleben. Als Erster setzt nun E-Plus mit einem speziellen Tarif auf ausländische Mitbürger. Dazu wurde die Marke Ay Yildiz kreiert – mit günstigen Tarifen für Gespräche in die Türkei. »Türken sind ein kommunikationsfreudiges Völkchen«, sagt Uwe Bergheim, der noch amtierende E-Plus-Chef. Er hat Ende vergangener Woche seinen Rücktritt zum Jahresende erklärt.
Marktauguren rechnen damit, dass bald auch große Einzelhändler wie Aldi, Lidl, Wal-Mart oder das Möbelhaus Ikea ins Geschäft einsteigen werden. Und die Fachleute zweifeln nicht daran, dass die neuen Strategien ihre Wirkung zeigen werden. So prognostizieren die Marktforscher von Dialog Consult für dieses Jahr ein Wachstum von fast 17 Prozent beim Gesprächsvolumen. Keine Frage: Das spült Geld in die Kassen; jedenfalls erst einmal.
Weil der Preiskampf aber weitergehen wird, fürchtet die Investmentbank Credit Suisse First Boston trotz des wachsenden Verkehrsaufkommens bereits eine »Erosion der Umsätze pro Kunde«. Auch Philipp Geiger von der Managementberatung Solon prophezeit, dass der Umsatzverfall »nicht zu stoppen sein wird«. Erst mittelfristig, so seine Einschätzung, könnte sich der Trend wieder umkehren.
Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Handybesitzer künftig nicht nur telefonieren, sondern beispielsweise via Funk noch mehr Klingeltöne oder Musik einkaufen, Fotos verschicken oder sogar Fernsehen schauen; mit dem Handy zahlen oder sich Informationen aller Art aus dem Internet besorgen. Tun sie das nicht, wird die Kalkulation für etliche Unternehmen nicht mehr aufgehen.
Vor allem die neuen Anbieter dürften es schwer haben, sich langfristig zu behaupten. Weil sie sich kaum voneinander unterscheiden und nur über den Preis und die Zielgruppen konkurrieren, wird »das Marketingbudget über den Erfolg entscheiden«, sagte Philipp Humm, Sprecher der Geschäftsführung von T-Mobile Deutschland, jüngst dem Handelsblatt.
Am Ende des Preiskampfes könnten Fusionen und Übernahmen stehen
Für alle, das scheint klar, ist kein Platz auf dem Markt. Selbst für die großen Netzbetreiber wird es eng. So halten sich seit geraumer Zeit Gerüchte, dass die Deutsche Telekom den britischen Mutterkonzern von O2 kaufen könnte. Eine brisante Konstellation.
Die Telekom wäre zwar in der Lage, ihre Geschäfte in Großbritannien auszubauen. Weil aber das Kartellamt die Übernahme des deutschen Ablegers O2 sicher nicht genehmigte, könnte der – beispielsweise – an den niederländischen Telekommunikationskonzern KPN weitergereicht werden. Dem aber gehört bereits E-Plus. Somit müsste dann – vorausgesetzt, die Wettbewerbshüter ließen diese Fusion passieren – zusammenwachsen, was sich heute noch heftig bekämpft.
Jenseits dieses Monopolys plagen sich die Mobilfunker mit Problemen, die ausgerechnet mit dem ersehnten Wandel des Handys zur Multimedia-Maschine einhergehen. Gerade sahen sich die Netzbetreiber gezwungen, Tausenden von Kunden viel Geld zu erstatten, weil die an Abzocker geraten waren. Vor allem Kinder und Jugendliche hatten versehentlich mit ihrem Handy scheinbar attraktive Dienste wie beispielsweise hausaufgaben.de abonniert. Mit der Handyrechnung kam dann der Schock: Fällig wurden 9,98 Euro. Pro Tag.
- Datum 20.10.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 20.10.2005 Nr.43
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