Höhere Tochter

Justine Levy hat einen Schlüsselroman über die Welt der Pariser Intellektuellen geschrieben. Ein Hausbesuch

Es gibt einen Moment, einen kurzen Moment nur, da gehen ihre Augen auf einmal ganz schnell hin und her, zweimal, dreimal, unruhig, unsicher. Das ist der Moment, als sie von ihrem Vater spricht, dem berühmten Bernard-Henri Lévy, Philosoph und Lebemann, klug, reich, schön, so jemand wie unser Peter Sloterdijk, aber mit dem Aussehen, dem Geld und den Frauen eines Gunter Sachs. Früher war Justine Lévy nur seine Tochter. Jetzt ist sie selbst ein Star.

Sie hat einen Roman geschrieben, der in Frankreich eine echte Sensation ist. 200000mal verkaufte sich das Buch Nicht so tragisch, das nun auf Deutsch im Verlag Antje Kunstmann erscheint. Es ist die Geschichte der jungen Louise, die von ihrem Mann verlassen wird, die in einem Strudel von Angst und Tabletten zu versinken droht und es doch ans rettende Ufer schafft. Und weil das die großteils wahre Geschichte der Justine Lévy ist und weil die Frau, für die sie verlassen wurde, ausgerechnet Carla Bruni war, Model, Sängerin, ehemalige Geliebte von Mick Jagger, und weil das Buch erschien, als Carla Brunis CD gerade in den Hitparaden war und alles wie eine späte Rache wirken konnte, weil also alle Beteiligten immens berühmt waren – deshalb gab es in den Pariser Cafés immens viel zu tuscheln.

Es war das alte Spiel mit dem Schlüsselroman, wer ist wer, und wer hat was getan, und wie tief ist Justine Lévy damals wirklich gefallen? Es ist ein Spiel, das auch beim Gespräch an diesem grauen Pariser Nachmittag nicht aufhört. Der Roman und die Wirklichkeit vermischen sich, und es ist nicht immer einfach, die Übersicht zu bewahren.

Justine Lévy sitzt in ihrer Küche, sie trinkt Kaffee und dazu eine Diet Coke. Sie ist 31 Jahre alt, sie ist blass, ungeschminkt und trägt Jeans und ein schwarzes T-Shirt. Sie hat offen und klug und mit schnellen Sätzen über ihren Roman geredet, über ihre Sucht, ihre Abstürze und die Angst. Und sie hat von dem Nachmittag erzählt, als sie merkte, wie tief unten sie war: Sie saß mit ihrem Vater im Café, und der merkte einfach nicht, dass seine Tochter, diese Prinzessin der Pariser Intellektuellenaristokratie, voll war mit Amphetaminen und am Rand ihres Verstandes.

»Hilf mir Papa, sage ich schweigend und versenke meinen harten Blick in seinen, meine Drogenaugen in seine lieben Papaaugen«, so beschreibt sie die Szene in ihrem Buch. In der Literatur entsteht aus diesem Schmerz manchmal, und so ist das bei Nicht so tragisch, ein sehr guter, wahrer Roman über eine angstvolle, liebestraurige Frau in unseren Zeiten. Im Leben reicht es dann schon wieder, das Lächeln anzustellen, dann strahlt Justine Lévy. Und es scheint, als verstecke sie etwas hinter diesem Lächeln.

Sie schüttet sich Kaffee nach. Die Kanne steht auf einem dunklen alten Küchentisch, wie sie ihn auch im Roman beschreibt. An den Wänden hängen Plakate von Stierkämpfen, ihr jetziger Freund liebt Stierkämpfe, auch das hat sie im Roman beschrieben. Sie holt sich eine Nikotintablette, früher hat sie viel geraucht, wie die Frau aus dem Roman. Durch das Küchenfenster sind die beiden Türme der Kirche von Saint-Germain-des-Prés zu sehen, der eine hat dieses fahle, schöne Pariser Grau, der andere ist hinter einem Gerüst verschwunden.

»Die Leute denken, das ist mein Leben«, sagt Justine Lévy, »und das amüsiert mich. Aber so funktioniert das nicht mit der Literatur. Wer ein Buch schreibt, aus Trauer, aus Schmerz oder um sich zu rächen, der lügt. Ich schreibe, um mich zu ändern. Ich schreibe, weil ich da alles kontrollieren kann, weil ich mir mein Leben wiederholen kann. Ich kann den Anfang, die Mitte und das Ende bestimmen. Ich kann sogar Leute sterben lassen. Das macht mich manchmal fast schwindelig.«

Aber natürlich haben es die Menschen in den Pariser Cafés anders gelesen, natürlich haben sie hinter diesem atemlosen, traurigen, tröstlichen Buch die Geschichte gesucht von der Philosophentochter, dem berühmten Model und dem umschwärmten Mann, Raphael Enthoven, der Lévy im Jahr 2000 sitzen ließ, der Philosophiedozent, über den jetzt Carla Bruni Lieder singt, in denen sie ihn »Engel« nennt und »Liebesteufel«.

»Es war nicht mein Ziel, eine Abrechnung zu schreiben«, sagt Justine Lévy, »das wäre doch banal. Wir reden ja, Raphael und ich, wir grüßen uns, er erzählt mir von seinem Kind und ich ihm von meinem – als das Buch hier in Frankreich erschienen ist, da hat er es gelesen und gesagt, er finde es sehr schön. Na ja, er hat nichts kapiert.«

Sie hat viele Briefe bekommen, vor allem von Frauen, mehrere Monate lang. Diese Frauen hat es nicht interessiert, was an dem Roman wahr ist und was nicht; die Journalisten hat das umso mehr interessiert.

»Also«, sagt Justine Lévy und streicht ihre leicht gewellten braunen Haare hinter das Ohr, natürlich braun, sie haben alle braune Haare, diese Pariser Töchter, »zum Beispiel die Szene mit den Turnschuhen, das war genau so.« Als ihr Mann ihr sagte, sie müssten reden, als er auf dem Bett lag mit seinen neuen Turnschuhen, als er ihr sagte, dass er sie verlassen werde, er liebe jetzt eine andere. In Wirklichkeit ist das Carla Bruni, im Buch ist das die Freundin seines Vaters.

Justine Lévy lebt jetzt mit dem Schauspieler Patrick Mille zusammen, sie haben eine gemeinsame Tochter. Es ist ein neues Leben. Und trotzdem wirkt Justine Lévy wie ein Gast in ihrer edlen, ordentlichen Wohnung, die Wände sind in erdigem Gelb und Rot gestrichen, es sind sechs oder sieben Zimmer, im Salon hängen große Spiegel an der Wand. Justine Lévy wirkt wie ein Sammlerstück.

»Ich habe genug von der Kälte in mir«, schreibt sie. »Genug davon, dass mir nie mehr heiß ist, mir nichts mehr wehtut. Genug davon, neben dem Leben zu stehen, nebem dem Glück, dem Unglück, den Menschen, den Corridas, dem Tod. Das falsche Leben ist Mist.«

Aber was soll man auch machen, in diesem Dorf Paris, wo sich Geld und Geist immer noch auf eine Art mischen, wie es sonst nicht mehr vorkommt; wo das 19. Jahrhundert mit all seinen nachrevolutionären Absonderlichkeiten immer noch nicht vorbei ist; wo die Leute so stolz sind und so snobistisch, dass man als Antwort darauf entweder kalt wird oder krank.

Früher hat sie deswegen Pillen geschluckt, immer mehr, um zu funktionieren, um sich einzufügen. Es war schon toll, sagt sie, und sie strahlt, alles kontrollieren können, die Gefühle, das Leben. Früher war ihr Vater recht distanziert, heute kommt er öfter, auch wegen Suzanne, seiner Enkelin. Heute wirkt Justine Lévy wie die Frau, die sie einmal sein wollte. Auch davon erzählt ihr Buch. Einige Dinge hat sie aber doch ausgelassen, zum Beispiel die sexuellen Erfahrungen, die sie mit den Drogen gemacht hat. Wegen der Eltern, sagt sie.

»Aber«, sie lacht und gerät kurz aus der Bahn, »nein, nein, mein Vater hat das Buch gelesen, es hat ihm gefallen, wirklich, es hat ihn bewegt.«

Da war sie wieder, ganz kurz. Eigentlich ist sie aus dieser Ecke längst raus. Für einen Moment war sie wieder drin.

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    • Von Georg Diez
    • Datum
    • Quelle (c) DIE ZEIT 20.10.2005 Nr.43
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