Auch wenn Martin Luther jenen legendären Satz: "Hier steh’ ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir!" vor dem Wormser Reichstag in dieser Form nicht gesprochen hat, so gilt er doch von jeher als eigentümlicher Ausdruck protestantischer Bekenntnistreue, selbst in Augenblicken höchster Gefahr. Seit Neuestem kann man jedoch einen prominenten Lehrer der protestantischen Theologie besichtigen, dessen Wahlspruch eher so lautete: "Hier steh’ ich. Ich konnte ganz anders, denn ich habe mir selber geholfen." Der Mann lehrte zwar protestantische Theologie an der protestantischen Fakultät zu Heidelberg – aber er war, nach seinem eigenen, allerdings erst jetzt, an der Schwelle zur Emeritierung, geäußerten Bekenntnis, nie Protestant. Hinter dieser Geschichte steckt ein manifester Skandal, der bisher nur deshalb kein richtiges öffentliches Aufsehen erregte, weil er zu unglaublich wirkte. Unglaublich – aber wahr.

Es geht um Klaus Berger, den Heidelberger Neutestamentler, den nicht zu kennen fast unmöglich ist, da er immens viel publiziert – in Zeitungen, in Büchern teils volksmissionarischer, teils wissenschaftlicher Natur. Der Versandbuchhändler Amazon preist "alle 77 Werke" Bergers an. Bergers Tagespublizistik ist gekennzeichnet durch ein frisch wirkendes polemisches Timbre rechtgläubigen Christentums, dessen Richtung einen freilich immer wieder irritiert: Ist ihm nun die katholische oder die evangelische Kirche nicht katholisch genug? Jedenfalls zog er mit Vorliebe gegen den "Ökumenismus" zu Felde oder verkündete gar im Juli dieses Jahres in der FAZ: "Unterwerfung tut wohl." Die Protestanten sollten sich also spätestens dem neuen Papst unterwerfen.

Das konnte, wie man jetzt erkennt, Klaus Berger leicht fordern. Denn er brauchte es nicht zu tun – er hatte es seit jeher getan. Was Wunder, dass seine wissenschaftlichen und kirchlichen Zeitgenossen sich immer wieder fragten: Ist der Mann nun katholisch oder evangelisch? Solchen Zweiflern schickte Berger gelegentlich seinen Gehaltsstreifen ins Haus – und auf dem war zu lesen, zum Beispiel im März 2003: "Kirchensteuer ev. 128,28 €". Und wer anders als ein Evangelischer zahlt "Kirchensteuer ev."? Doch gerade diese evangelisch entrichtete Kirchensteuer war nichts anderes als eine grandiose Camouflage. Sie war ein Stück Lüge in der Theologie, der "Wahrheitswissenschaft" par exemple.

Niemals aus der katholischen Kirche ausgetreten

Bisher hatte Klaus Berger immer behauptet, er habe – als ursprünglicher Katholik, der er einmal war – nie einen katholischen Lehrstuhl erlangen können, und zwar wegen einer Häresie. Berger hatte die Ansicht vertreten, Jesus von Nazareth habe eben nicht das jüdische Gesetz aufgehoben – eine Ansicht, für die er sich inzwischen sogar auf den katholischen Katechismus von 1991 berufen kann. Er habe, auch so hieß es bisweilen, gewissermaßen wegen Rechtsabweichung nie kirchlich approbierter Lehrer der katholischen Theologie werden dürfen und habe sich deshalb, um überhaupt Wissenschaftler und Professor werden zu können, der evangelischen Kirche zuwenden müssen. Und in der Tat, seit Jahrzehnten lehrt er als (vermeintlicher) Protestant evangelische Theologie zu Heidelberg.

Doch nun kommt nach und nach, vorzugsweise in Leserbriefen an die FAZ und in Gemeindebriefen der katholischen Heilig-Geist-Gemeinde (Jesuitenkirche) in Heidelberg, eine ganz andere Wahrheit ans Licht. Deren Kernsätze lauten, einer so genannten Gegendarstellung von Klaus Berger vom 26. August dieses Jahres folgend: "Unwahr ist, dass ich jemals aus der katholischen Kirche ausgetreten wäre. Wahr ist vielmehr, dass ich seit 1974 mit Billigung Freiburgs (›um einen Riesenskandal zu vermeiden‹) evangelische Kirchensteuer zahlen darf… So bin ich glücklicherweise juristisch abgesichert… Unwahr ist, dass ich es darauf angelegt hätte, ›evangelische Theologie zu lehren‹. Wahr ist, dass ich kath. Priester werden wollte, es aber wegen des Häresievorwurfs nicht durfte. Und wahr ist, dass ich ohne das Asyl in Heidelberg seit fast vierzig Jahren arbeitslos wäre." Dem Pfarrer der Heilig-Geist-Gemeinde schrieb Berger am 21. September: "Wäre ich evangelisch, wie Sie unterstellen…"

Nur zu Tarnungszwecken die evangelische Kirchensteuer bezahlt?