politik Das Beste kommt nochSeite 3/3

 
Leser-Kommentare
    • omtata
    • 21.10.2005 um 11:25 Uhr
    1. Kafka

    Kafka schrieb in seinen Tagebüchern:
    "Eigentümliche Ansicht, dass Menschen, die hinken, dem Fliegen näher zu sein glauben, als andere Leute. Dabei spricht sogar einiges dafür. Aber wofür spräche nicht einiges?"
    Tja, man kann jeder Sache ein paar gute Seiten abgewinnen - aber das ist dann doch nicht das Ganze.
    Interessant der Untertitel: "Warum auch Intellektuelle..." - nach dem Motto: Naja, Doofies sind eh für die Grosse Koalition.

  1. Auch ich habe schon vor der Wahl in Erwartung der jetzt eingetretenen Konstellation (auch wenn ich ehrlich gesagt natürlich auch nicht vorraussah, dass eine von einer Großen Koalition mit einer Fast-Pari Ministerriege getragene Regierung zustande kommen könnte),als langjähriges (49 Jahre!) SPD-Mitglied meine Erwartung darin gesetzt, dass ein solches Bündnis der beiden großen Volksparteien diese den im letzten Absatz so treffend beschriebenen neoliberalen Mainstream der sog. Wirtschaftswissenschaftler und der ihre Angebotstheorien nachbetenden Moderatoren und Kommentatoren in allen Medien überwinden könnte. Dass mein vorübergehender Parteivorsitzender und Vornamensvetter dieser Irrlehre auch erlegen war hat mich geschmerzt. Ich setze meine Hoffnungen jetzt auch deshalb in eine Große Koalition, weil ich hoffe dass auch die CDU nach dem Wählervotum erkannt hat, dass eine Politik a la Westerwelle nicht mehrheitsfähig ist.

  2. Zwanzig Jahre lang haben die sogenannten Volksparteien einander in der selben Sicht auf die sogenannten "Realitäten" bestärkt und sich damit immer tiefer in die Krise gedacht. Wie jeder Therapeut weiss, sind Krisen dadurch gekennzeichnet, dass die Realitätswahrnehmung sich immer enger auf das als krisenhaft erlebte Problem verengt und die eigenen Potentiale nicht mehr wahrgenommen werden. Entsprechend wurde das TINA-Prinzip (There-is-no-alternative) zum Mantra der Macher in der zweiten rot-grünen Legislaturperiode.

    Es ist der grosse Vorteil der Demokratie, durch den Diskurs divergierender Weltsichten dieser Selbstblendung entgegen zu wirken. Dafür stehen die Chancen nun besser als je, seit der Kohlschen Wende zum Absoluteren und damit Schlechteren. Die Durchregierer sind gestürzt, die monomanen Kirchhoffs und Hartz gescheitert. Die nächsten Schritte werden wieder im gesellschaftlichen Diskurs gefunden werden.

    Für den langen Marsch zum Besseren schenkte uns Herr Assheuer geistreiche Bilder und kraftvolle Begriffe ("Reformbedarfsgemeinschaft", "die Opposition als Kurschatten", "Neoliberalisten als Amputationsärzte" u.v.a.m.). Wann endlich wird das Ressort Wirtschaft zwangsverpflichtet, das Feuilleton zu lesen und darüber Besinnungsaufsätze zu schreiben?

  3. Es stimmt, das sich die kommende Regierung recht unspektakulär sehr dafür verwenden könnte, dass die Berliner Republik das erste entwickelte Land im Westen sein wird, welches nicht vor neuliberalem Dogmatismus einknickt.

    Assheuer's Appell an die Intellektuellen sollte erhört werden. Zu lange hat sich linke Phantasie daran empört, dass sich die Verhältnisse nicht per se sozialdemokratisch verbessern lassen und dabei jegliche Mitarbeit verweigert.

    Zu lange wurde auch das alte Fortschrittsversprechen, dass die "entfremdete" Arbeit abgeschafft würde, als doch nicht so vorteilhaft eingestuft. Wer das Proletariat gutmeinend abschaffte, bekam es zwar leider plötzlich mit "Proleten" - auch akademischen - zu tun.

    Diese neuerlich in Beschäftigungs-Therapien unterzubringen, kann aber nicht das Zivilisations-Ziel von morgen sein. Das macht eine Wissensgesellschaft unglaubwürdig, selbst wenn derzeit das Wissen, wie man sich selbst vor Ungerechtigkeiten in Sicherheit bringen kann, in allen Schichten dominiert und damit die Gesellschaft innerlich erschüttert.

    Damit Intelligenz nicht verblödet muß allerdings auch die "Experten-Überwachungs-Bereitschaft" zunehmen, denn es ist ein Relikt aus den Tagen der "grünen Revolution", dass sich gegen alles Fortschrittliche und Evolutionäre sofort Gegengutachten mit diametralen Aussagen erstellt wurden.

    Eine zeitlang schien dies vergessen, weswegen die Alternativlosigkeit der Rezepte, die u.a. von der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft bestellt worden waren, uns so gründlich in tiefe Ratlosigkeit stürzte.

    Da befindet sich der Hebel gegen die Verblödung. Mal sehen, zu welchen Einsichten seine Betätigung führt.

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