türkeiAusgezeichneter Staatsfeind

Die Türkei hat ihren berühmtesten Schriftsteller angeklagt. Das darf Europa nicht dulden von Salman Rushdie

Der Blick aus Orhan Pamuks Arbeitszimmer geht über den Bosporus, diese legendäre Meerenge, die, je nach Standpunkt, Europa und Asien trennt oder verbindet, vielleicht auch trennt verbindet. Ich wüsste keinen besseren Ort für einen Schriftsteller, in dessen Werk die beiden Welten in ähnlicher Weise aufeinander treffen. Mit seinen zahlreichen Veröffentlichungen, zuletzt dem viel gepriesenen Roman (Hanser, 2005), kann Orhan Pamuk den Ehrentitel "bedeutendster türkischer Autor" für sich beanspruchen, den früher Yasar Kemal innehatte. Nun wird ihm, am Ende der Buchmesse in Frankfurt, auch der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen.

Orhan Pamuk nimmt kein Blatt vor den Mund. Als ihm 1999 die Auszeichnung "Staatskünstler" verliehen werden sollte, lehnte er ab. "Seit Jahren werfe ich dem Staat vor, dass er Schriftsteller ins Gefängnis wirft, das Kurdenproblem mit Gewalt lösen will und einen engstirnigen Nationalismus vertritt", sagt er. "Ich weiß nicht, warum sie mir den Preis geben wollten." Er spricht von den "zwei Seelen" der Türkei und kritisiert die Menschenrechtsverletzungen in seinem Land. "Geografisch gehören wir zu Europa", sagt er. "Aber politisch?"

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Im Juli war ich mit Orhan Pamuk auf einem Literaturfestival in Parati, einer hübschen brasilianischen Stadt am Meer. Er wirkte gelöst, obwohl türkische Ultranationalisten ihn Anfang des Jahres mit dem Tod bedroht hatten und er für zwei Monate ins Exil gegangen war. Doch die Schatten waren nicht gewichen. Das Interview, das er am 6. Februar dem Züricher Tagesanzeiger gegeben hatte und das die Ultranationalisten so sehr erzürnt hatte, sollte ihn wieder einholen. "Man hat hier dreißigtausend Kurden und eine Million Armenier umgebracht", hatte er seinerzeit erklärt. "Und fast niemand traut sich, das zu erwähnen. Also mache ich es. Und dafür hassen sie mich."

Pamuk bezog sich auf die unzähligen Armenier, die zwischen 1915 und 1917 von osmanischen Truppen getötet worden waren. Die Türkei leugnet diese Tötungen nicht, bestreitet aber, dass es sich um Völkermord handelt. Und die "dreißigtausend" Kurden wurden seit 1984 in dem Konflikt zwischen türkischen Streitkräften und kurdischen Separatisten getötet.

Jede öffentliche Diskussion über diese Dinge scheitert an den strengen türkischen Gesetzen, die zu teilweise langwierigen Prozessen und in manchen Fällen zu Gefängnisstrafen geführt haben. Am 1. September dieses Jahres warf die Istanbuler Staatsanwaltschaft Orhan Pamuk vor, mit seinen Äußerungen "das Türkentum eklatant herabgewürdigt" zu haben. Im Falle einer Verurteilung drohen ihm drei Jahre Haft.

In Artikel 301/1 des türkischen Strafgesetzbuchs heißt es: "Wer das Türkentum, die Türkische Republik oder die Türkische Große Nationalversammlung öffentlich beleidigt, wird mit Gefängnis zwischen sechs Monaten und drei Jahren bestraft … Wird diese Tat von einem Türken im Ausland begangen, erhöht sich die Strafe um ein Drittel." Sollte Pamuk schuldig gesprochen werden, muss er also mit einer Extrastrafe rechnen, da er seine Äußerungen im Ausland gemacht hat.

Es ist schon erstaunlich, dass die vehemente Attacke der türkischen Behörden auf ihren prominentesten Schriftsteller ausgerechnet in jenem Moment erfolgte, als beim EU-Gipfeltreffen über das (in vielen europäischen Staaten unpopuläre) türkische Beitrittsgesuch diskutiert wurde.

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