Interview"China muss grüner werden"

Die Wirtschaft wächst mit atemberaubendem Tempo und ohne Rücksicht auf die Natur. Pan Yue, Vize-Umweltminister des Landes, schlägt Alarm. Ein ZEIT-Gespräch von Vorholz

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DIE ZEIT: Herr Vizeminister, alle Welt schaut neidisch auf das chinesische Wirtschaftswunder. Sind auch Sie begeistert?

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Pan Yue: Unser Wirtschaftswunder besteht aus vielen Superlativen, positiven wie negativen. Die chinesische Industrie wächst rasant. Bei den ausländischen Direktinvestitionen liegen wir auf Platz zwei. Und China ist mittlerweile die drittgrößte Handelsnation der Erde. Aber gleichzeitig verschmutzen wir eben unser Wasser wie kein zweites Land der Erde. Beim Energieverbrauch liegt China auf Platz zwei. Und in punkto saurer Regen auf Platz drei.

ZEIT: Und, wie ist Ihre Bilanz unterm Strich?

Pan: Früher habe ich voller Stolz gesagt: China ist die Werkbank der Welt. Heute treibt mich die Sorge um, China nicht zur Müllhalde der Welt verkommen zu lassen.

ZEIT: Welche Umweltprobleme beunruhigen Sie am meisten?

Pan: Ich habe viele Sorgen. Ein Drittel der chinesischen Städte leidet unter starker Luftverschmutzung, auf einem Drittel der chinesischen Landesfläche wachsen die Wüsten, und ein Drittel der ländlichen Flüsse ist stark verschmutzt. Obendrein sind sogar 90 Prozent aller Flüsse, die Städte durchqueren, verdreckt.

ZEIT: Die Wassernot nehmen laut einer Umfrage Ihrer Behörde die Chinesen als größtes Umweltproblem wahr.

Pan: Ja. Wasser ist in China nicht nur schmutzig, sondern auch knapp. Womöglich entscheidet die Wasserproblematik sogar über die Zukunft unseres Landes – obwohl unsere traditionelle Kultur aufs Engste mit dem Wasser verbunden ist. Eine alte chinesische Weisheit lautet: Wer sich gegen das Wasser stellt, der stellt sich gegen das Leben.

ZEIT: Es mangelt Ihrem Land an allen möglichen natürlichen Ressourcen, nicht nur am Wasser.

Pan: Das ist wirklich ein großes Problem. China besitzt nur neun Prozent der weltweiten landwirtschaftlich nutzbaren Fläche, nur sechs Prozent der Wasserressourcen und gar nur vier Prozent des Waldes. Damit ernähren wir gegenwärtig 22 Prozent der Weltbevölkerung – und sind stolz auf diese Leistung. Wenn es uns aber nicht gelingt, in Zukunft mit unseren knappen Ressourcen sparsamer zu wirtschaften, bekommen nicht nur wir ein Problem, sondern auch der Rest der Welt.

ZEIT: Welche volkswirtschaftlichen Kosten verursachen Raubbau und Umweltverschmutzung?

Pan: Wir ermitteln das gerade. Wir wollen bei uns in China das Sozialprodukt in Zukunft so berechnen, dass auch der Umweltverzehr, die ökologischen Schäden, darin Eingang finden. In zehn Provinzen probieren wir das schon aus.

Leserkommentare
  1. Mit einem Reparatur-, Bürokratie-, Verordnungs- und staatlichen Bestrafungsansatz dürfte die chinesische Dimension des Umweltproblems allein nicht zu packen sein.

    Das ist nun öffentlich gesagt worden. Premier Wen Jiabao verkündete auf dem Volkskongress im März 2006 sagte (siehe TAZ v. 6.3.2006, S. 11 und S. 9, 'Kleiner Sisyphos mit großen Problemen', 'Die Roten wollen es besser können'), dass ein neuer Wachstumsmodus die alte selbstzerstörerische Wachstumlogik ablösen wird. Das geht nur mit einem Wirtschafts-Steuerungssansatz, der auf evolutionstheoretischer Grundlage umfassend alle Akteure beim Produzieren und Konsumieren erfasst, d.h. die fundamentalen Rahmenbedingung für alle Produktionssysteme und den Lebensstil fundamental revolutioniert - weg von der Verschwendung von Ressourcen und Zerstörung der Gesellschaft. Und der zugleich die Konkurrenzfähigkeit der chinesischen Wirtschaft nicht abstürzen läßt, sondern nachhaltig stärkt. Das wird die chinesische Führung wissen und anstreben.

    Das Wissen über diese evolutionstheoretisch fundierten steuerungsinstrumentell realisierten Rahmenbedingungen, d.h. das evolutionslogische Umsteuerungswissen ist bislang nicht in die öffentlichen Diskussion eingeführt - weder in China noch in den westlichen Industriestaaten. Absehbar ist aber: Wenn dieses Wissen öffentlich würde, dann stünden auch die Regierungen aller Industriestaaten unter dem Druck, sich mit diesem chinesischen Ansatz auseinanderzusetzen und sie hätten keine andere Chance, als sich diesem Wissen unterzuordnen. Eine globale, auf evolutionslogischer Grundlage stehende Wende des weltindustriellen Fortschrittsprozesses wäre angesagt. Das wär Chinas zweite Wende nach dem März 1992 und die erste Wende für die westlichen Industriestaaten.

    Der Tag X ist also absehbar, an dem dieses evolutionstheoretische und kulturrevolutionäre Erkenntnisstand öffentlich wird. Dank der Radikalität, mit der die chinesische Führung an ihr Umwelt- und Wirtschaftswachstumprobleme herangeht, wird es globalpolitisch wieder sehr spannend.

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