Es ist jedes Jahr dasselbe – und doch hat sich etwas geändert. Kaum zieht der Herbst ins Land, verkünden die Ökonomen der Banken und großen Forschungsinstitute ihre Prognosen für das Wirtschaftswachstum des bevorstehenden Jahres. Häufig müssen sie dabei eingestehen, dass für das laufende Jahr Voraussage und Realität nicht übereinstimmen. Dann machen sich Medien und Politiker über Fehlprognosen lustig und empfehlen, lieber gleich zu würfeln. Worauf sich die gekränkten Wissenschaftler traditionell mit dem Argument rechtfertigten, sie seien keine Hellseher.

Die Regierung zahlt eine Million Euro für meist falsche Voraussagen

Doch neuerdings klingt das anders: Die Konjunkturforscher fragen sich, warum sie die ökonomische Realität nicht besser treffen. Mit ihren Prognosen für die Jahre 2001 bis 2003 lagen sie allesamt eindeutig falsch. "Dass Deutschland in dieser Zeit die längste Stagnationsphase in der Nachkriegszeit haben sollte, hatte keiner vorhergesagt", konstatiert im Rückblick Michael Grömling vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Zwar waren die Ankündigungen für 2004 dann ziemlich präzise. Aber schon mit der Prognose für 2005 war es mit der Treffsicherheit wieder vorbei: Die sechs führenden Forschungsinstitute, die zweimal im Jahr ihr Gemeinschaftsgutachten präsentieren, sagten zunächst eine Zunahme des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 1,5 Prozent voraus, senkten dann ihre Erwartungen auf nur noch 0,7 Prozent – tatsächlich wird am Jahresende wohl ein Plus von gut einem Prozent herauskommen.

Bei so viel Hin und Her ist es kein Wunder, dass der Ruf der Ökonomen leidet. Insbesondere das Bundeswirtschaftsministerium reagierte unwillig auf die wiederholten Fehlprognosen. Schließlich nutzt die Regierung das Gemeinschaftsgutachten als Grundlage für Haushaltsplanung und Steuerschätzung – und zahlt dafür jedes Jahr mehr als eine Million Euro. Neuerdings verlangt sie von den Autoren, die eigene Prognose regelmäßig zu überprüfen und Abweichungen plausibel zu erklären.

Immerhin, zumindest das Münchener ifo Institut hat aus den Abweichungen der vergangenen Jahre eine klare Konsequenz gezogen: Es prüft regelmäßig mit einer Art hauseigenem Zahlen-TÜV die Güte seiner Prognosen und sucht nach den Erklärungen für Treffsicherheit oder Versagen. Nach drei aufeinander folgenden Fehlprognosen konnte sich das ifo rühmen, für das Jahr 2004 "nahezu wieder ins Schwarze getroffen" zu haben.

Doch mit einer halbwegs präzisen BIP-Prognose allein sind die Experten nicht mehr zufrieden. Das ifo-Prüfprotokoll für 2004 zeigt, warum: Bei den einzelnen Prognose-Komponenten stimmten Vorausschau und Wirklichkeit vielfach nicht überein, doch zum Glück der Prognostiker glichen sich die Fehler gegenseitig aus. So wurde die Exporttätigkeit unterschätzt, die Binnennachfrage überschätzt. Dass dann unterm Strich eine treffende Wachstumsprognose herauskam, ist also kein Beweis für Präzision. "Der ›Volltreffer‹ für das Wirtschaftswachstum war insgesamt betrachtet in gewisser Weise Zufall", sagt der Konjunkturforscher Jörg Hinze vom Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archiv (HWWA).

Meist lassen sich die Fehlprognosen auf eine Hand voll immer wiederkehrender Ursachen zurückführen: Modellrechnungen basieren stets auf der Erfahrung der Vergangenheit, können also streng genommen nur die Vergangenheit erklären; schlechte (oder gute) Erwartungen können zu Veränderungen der Politik führen und sich dadurch selbst erfüllen oder auch zerstören; Prognosen beruhen allemal auf Modellen, in denen sich die Realität nie vollständig erfassen lässt, auch nicht mit Hunderten mathematischer Gleichungen.