Mit dem Tourismus ist es wie mit den Kartoffeln. Es gibt die Salatkartoffel, die Bamberger Hörndl, Sieglinde, La Ratte und so weiter. Genauso ist der Tourismus organisiert. Es gibt den Bäder-Tourismus, den Schlösser-Tourismus, den Weingüter-Tourismus, den Gletscher-Tourismus und wahrscheinlich auch einen Schlachten-Tourismus. Darunter verstehe ich Reisen zu den berühmten Schlachtfeldern unserer Geschichte. Also in den Teutoburger Wald, nach Königgrätz, Waterloo, in den Oderbruch und überall-hin, wo hoch motivierte Patrioten aufeinander trafen und versuchten, sich gegenseitig die Schädel einzuschlagen.

Diese Reise habe ich soeben begonnen. Sie führt mich überallhin, wo sich unsere tollkühnen Hobbyköche Auge in Auge gegenüberstehen und um den Sieg beim ZEIT -Wettkochen kämpfen. Dass es nicht nur eine Reise in die Vergangenheit wird, verdanken wir den zahlreich nachgewachsenen Reserveköchen und -köchinnen, die sich für den diesjährigen Wettbewerb angemeldet haben und ausgewählt wurden, die Schlachten der Sieger von gestern auf den historischen Schlachtfeldern mit neuen Waffen wieder aufleben zu lassen. Diese Waffen heißen Huhn, Poulet und Chicken.

Meine erste Station ist München. Die Weißwurstkapitale mit ihrem Oktoberfest entspricht auf den ersten Blick nicht gerade der Vorstellung von raffinierter Kochkunst. Aber schließlich denkt man auch im Teutoburger Wald nicht an das Gemetzel, das die Germanen dort den Römern bereiteten. Vor allem, wenn der Austragungsort ein Grandhotel wie das Vier Jahreszeiten Kempinski ist. Es liegt an Münchens Luxusmeile, der Maximilianstraße, welche, das muss man zugeben, schon heute jenen Luxuskonsum symbolisiert, den der nach Berlin entflohene Landesvater der ganzen Republik verordnen möchte. Wer je geklagt hat, in Deutschland grassiere die Armut, der findet angesichts glamouröser Boutiquen und davor geparkter Carreras seinen Optimismus wieder. Überdies existiert in München der Viktualienmarkt, der hier die Stelle einnimmt, die Jan Ullrich im Radsport besetzt: nicht ganz vorn, aber stets prominent.

Hier in München also war es, dass Barbara Kura im vergangenen Jahr die Konkurrenz mit einer Portion perfekter Schweinebäckchen in dunkler Sauce aus dem Felde schlug. Dicht gefolgt von Gwendolin Beck-Peccoz mit Jakobsmuscheln und überzeugender Schokoladensauce. Würde sich nach zwölf Monaten ein neuer Stil in der Amateurliga zu erkennen geben?

In der Küche des Vier Jahreszeiten standen sich gegenüber: Psychiater, EDV-Experten, Juristen, Grafiker und andere gescheite Leute, und alle legten sich schwer ins Zeug. Da gab es nicht nur ein Zwetschgenhuhn auf Schwarzwurzeln und eine Blutwurstmousse, es gab eine Poulardenbrust mit Steinpilzen und Trüffeln sowie Kutteln mit Morcheln und einen flüssigen Schokoladenkuchen. All das wurde in den unterirdischen Räumen der Bankettküche des Hotels geschnitten, zerkleinert, geschmort und gebraten und nach zwei Stunden in kleinen Portionen der Jury präsentiert, die neben Barbara Siebeck und ihrem Ehemann aus gleich drei Köchen bestand: Markus Winkelmann, dem neuen Küchenchef des Vier Jahreszeiten Kempinski, Hans Haas vom Restaurant Tantris in München und dem Sänger Patrick Lindner, der vor seiner Musikerkarriere auch einmal Koch gelernt hatte.

Der erkennbare Trend war: weg von den schweren Saucen. Zwar gab es von Nicole Liwon und Gerhard Ortwein-Swoboda aus München eine Gänselebersauce zu einer Poulardenbrust, die so schwer war, wie eine Sauce aus 200 g Foie gras nur sein kann, wenn sie zusätzlich mit 200 g Sahne und zwei Eigelb getuned wird. Trotzdem habe ich sie mit dem Löffel gegessen, so lecker war sie. Aber generell schwammen die Hühnerteile nicht in Saucen, und sogar die Kutteln mit Morcheln der Herren Walter Pflaum und Thomas Giesen waren eher auf der leichten Seite zu finden, was auch von ihrem »Huhn mit schwarzem Fuß« gesagt werden konnte. Dazu gab es nämlich nur leicht gebratene Steinpilzscheiben mit Trüffeln und kleingehackte bunte Gemüse. So bedurfte es nur noch eines gelungenen Desserts (ein sehr schönes Sorbet von Bitterschokolade mit einem Schokoladentörtchen), damit die Jury ihnen den ersten Preis der Münchener Etappe verlieh.

Den zweiten Preis errangen Karin und Harald Masur aus Höhenkirchen durch die beste Einzelleistung des Tages. Dabei handelte es sich um einen »flüssigen Schokoladenkuchen mit Earl Grey Sabaione«. Diese Kreation französischer Spitzenköche ist ein kleines, rundes Törtchen, dessen Inneres aus flüssiger Schokolade besteht, die sich beim Anschnitt wie warme Lava aus der festen Hülle auf den Teller ergießt. Diese raffinierte Konstruktion war so perfekt ausgeführt, dass sogar der Juror Hans Haas großen Respekt bekundete. Interessant war dabei, dass Frau Masur zu Hause allein für die Desserts zuständig ist, hier aber Herr Masur die Löffelführung übernommen hatte. Diesem Team war auch ein köstlich gepfeffertes Apfelconfit zu verdanken, das bei der Vorspeise der beiden Hobbyköche (Jakobsmuscheln mit Vanilleschaum) sehr angenehm auffiel.