Erst in sieben Monaten wird die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland eröffnet, aber schon heute steht fest, wie sie ausgeht: Deutschland verliert das Finale gegen Argentinien mit 2 : 3. Kein Zweifel möglich, die Organisation hat schon alles festgelegt. Die Organisation? Natürlich traut man der FIFA, dem Fußball-Weltverband, so ziemlich alles zu, wenn es um die totale Kontrolle über den Volkssport Nummer eins geht. Aber ein Beschluss über den Ausgang des WM-Endspiels? Ganz so schlimm ist es dann doch nicht.

Die Organisation ist bloß Kunst, eine Arbeit des Deutschen Michael Staab, eigens entwickelt für die Ausstellung Rundlederwelten im Berliner Martin-Gropius-Bau (bis 8. Januar 2006). Ein Büro für Desinformation hat Staab eingerichtet, mit Trophäenschrank, Koch- und Schlafstelle, an der Wand der WM-Spielplan inklusive Ergebnissen. Eine junge Dame im weißen Anzug verspricht, die Organisation werde sich bei der WM 2006 um alles kümmern, Getränkewünsche zur Halbzeit erfüllen oder Ergebnisse manipulieren. Aber warum hat sie eine blutige Nase und ein blaues Auge? Wurde sie von Fans, von ihren Vorgesetzten oder einer Wettmafia verprügelt?

Ähnlich wie Staab treiben rund 70 zeitgenössische Künstler ihr hinterhältiges Spiel mit dem Spiel, eines der Großprojekte des offiziellen DFB-Kulturprogramms zur WM. Gleich zu Beginn springt einen Markus Lüpertz' 1,5 Quadratmeter großer Fussball von 1966 an, zugleich das älteste Exponat, dann wird das Spielgerät unter der Regie der Kuratorin Dorothea Strauss durch sämtliche Kunstformen gedribbelt: Fotografie, Video, Skulptur, Malerei. Mal wird auf feine Technik Wert gelegt wie in Serge Spitzers Global Culture, wo der Ball auf einem voll automatischen Tisch ständig in Bewegung ist, aber wegen der intelligenten Steuerung doch nie herunterfällt. Mal geht es um die wilde Seite des Sports, etwa in den prolligen Bildern von Jürgen Teller, auf denen der Fotograf nackt mit Ball und Bier am Grab des Vaters posiert oder der Welt seinen verschwitzten Hintern zeigt (Arschloch reading Kicker).

Natürlich treten die Helden des Fußballs auf (Franz Beckenbauer allein dreimal), aber es ist keine Hofberichterstattung in Bildern. Mögen viele der Künstler selber Fans sein - strickend, schnitzend, kunstvoll stümpernd halten sie ironisch Distanz zur eigenen Begeisterung. Hinreißen lassen sie sich am ehesten von der Einfachheit des Spiels, den in Zeitlupen gedehnten Bewegungen, dem traumwandlerischen Flug des Balles, der simplen Form und grellen Farbe von Platz, Tor, Fahne, Trikot. Die Konkurrenz der allgegenwärtigen, immer opulenteren Fußballbilder im Fernsehen muss diese Sportschau nicht fürchten, im Gegenteil. Manche Abläufe des sattsam bekannten Spiels sieht man hier ganz anders, neu, besser. Gerade weil die Veranstalter darauf verzichten, ein Stadion und seine Atmosphäre einfach abzukupfern, könnte sich ihr größter Wunsch erfüllen: dass auch kunstferne Nordkurvenfans mal zum Auswärtsspiel ins Museum gehen und mit drei neuen Gesichtspunkten im Gepäck die Heimreise antreten.

Ein Abschiedsspiel sind die Rundlederwelten übrigens auch: Die Vernissage dürfte einer der letzten großen Aufrtitte für Gerhard Acker Schröder und seinen getreuen Innenverteidiger Otto Schily sein. Aber bestimmt hat auch für sie die Organisation schon was in petto - nach der Politik ist vor dem Spiel.