Warschau

Die Stichwahl um die Präsidentschaft spaltet Polen in zwei Lager. Der Riss verläuft jetzt allerdings ganz anders als die vertraute Kluft zwischen Postkommunisten und Post-Solidarność, die seit 1989 die polnische politische Szene prägte. Denn nach den Parlamentswahlen im September ist aus den Sozialdemokraten von der SLD – einer polnischen Möchtegern-SPD – eine geköpfte PDS geworden. Die beiden Kontrahenten der Präsidentschaftswahl am kommenden Sonntag dagegen, der Danziger Liberale Donald Tusk und der Warschauer Nationalkonservative Lech Kaczyński, entstammen derselben Oppositionsbewegung der achtziger Jahre, der mächtigen Solidarność, die nach 1989 in Dutzende kurzlebiger Parteien und Gruppierungen zersplitterte und mehrere Politikergarnituren verschliss.

Gelegentlich merkt man den beiden sogar eine Sympathie füreinander an. Schließlich verhandeln ihre Parteien, die autoritäre "Recht und Gerechtigkeit" (PiS, Kaczyński) und die liberale "Bürgerplattform" (PO, Tusk), über eine Große Koalition. Doch trotz der gemeinsamen politischen Biografie vertreten sie – auch rein geografisch – zwei verschiedene Polen. Tusk hat seine Hausmacht im Westen, im Norden und in der Mitte Polens, vor allem in den großstädtischen und besser gebildeten Wählerschichten, während Kaczyńskis Hochburg in den ländlichen, nationalkatholischen Gebieten Ost- und Südpolens liegt. Der Warschauer Stadtpräsident, der gerade im ersten Wahlgang in der Hauptstadt eine Schlappe erlitt, kann sich auch der Rückendeckung einflussreicher nationalkatholischer Medien sicher sein, die den Kaschuben Tusk seit längerer Zeit unter Dauerbeschuss nahmen.

Die beiden trennen heute nicht nur die Geografie, sondern auch Ideologien, die unterschiedlichen Lebenswelten entspringen und in diametral gegensätzlichen Visionen von Polen münden. Kaczyński betont unermüdlich, seine Wahl sei die einzige Garantie für die Entstehung jener "Vierten Republik", welche die korrupte Dritte ersetzen und die polnischen Interessen gegenüber den Nachbarn "hart" zur Geltung bringen werde. Tusk dagegen kehrt die Erfolge der Dritten Republik heraus und appelliert an die Toleranz, statt von einer autoritären Umkrempelung des Staatswesens zu sprechen. Kaczyński mobilisiert die Ängste und die Feindbilder der Pessimisten, die Polen nach 15 Jahren Transformation verlottert am Boden liegen sehen, während die großen Nachbarn – siehe Schröder/Putin-Pakt – ihm erneut Schaden zufügen. Tusk dagegen spricht die Zuversicht und das Selbstvertrauen der Optimisten an, die meinen, das Land sei endlich am sicheren Ufer, in Europa, angekommen.

Und beide können sichdabei auf handfeste soziologische Befunde stützen, die den Polen sowohl einen hohen Optimismuspegel als auch handfeste Frustration bescheinigen. Wie beides zugleich gehen kann? Ganz einfach: Die Wahrnehmung der polnischen Realität decke sich nicht mit der Wirklichkeit, schreibt der Wissenschaftler Janusz Czapiński in der Polityka über die jüngsten repräsentativen Erhebungen. Sie belegen, dass die sozialen Verwerfungen in Polen in den vergangenen sechs Jahren allmählich eingeebnet wurden. Lebten 2000 noch 31 Prozent der polnischen Familien unterhalb der Armutsgrenze, sind es heute 22 Prozent. Gewachsen ist die innere Mobilität der polnischen Gesellschaft: Etwa drei Millionen Menschen zogen in die boomenden Regionen um, eine halbe Million arbeitet im Ausland, davon allein 100000 in England. Das Problem ist die Immobilität eines Teils der rund eine Million Arbeitslosen. Allerdings erfassen die Statistiken naturgemäß nicht die nach wie vor große "Grauzone": Mehr als eine Million Menschen sind informell beschäftigt, sie verdienen zwar, zahlen aber kaum Steuern. Die polnische Gesellschaft gärt und vertraut viel mehr sich selbst als dem Staat. 73 Prozent der Polen sind zwar mit ihren eigenen Lebensumständen, aber nur 12 Prozent mit der Lage im Land zufrieden.

Diese Wirklichkeit finde aber keinen adäquaten Niederschlag in Medien und Politik, sagt Professor Czapiński. Sie kollidiere mit einem "Sprachreflex", der die Polen weiterhin behaupten lässt, es werde immer schlimmer. Aber "es gibt in Polen keine revolutionäre Stimmung. Hätten sich die Menschen eine Revolution gewünscht, wären sie zur Wahl gegangen. Das taten sie aber nicht. Nach einer vernichtenden Demontage der bisherigen Regierung stimmten nur zehn Prozent der Wahlberechtigten für die jetzigen Sieger." Anders als die Westeuropäer verstünden die Polen auch Geschäfte zu machen, ohne irgendjemandem im Staat zu vertrauen. Jede Regierung strafen sie nach vier Jahren ab. "Wir sind undankbar. Und das ist gut so", meint Czapiński. "Die Menschen glauben meistens, ihren Erfolg sich selbst zu verdanken. Nur wenn sie scheitern, meinen sie, die Regierenden hätten sie am Erfolg gehindert."