Einer der am wenigsten bekannten und erstaunlichsten Romane der Weltliteratur ist Adalbert Stifters Witiko. Vollkommen archaisch und verblüffend modern steht er zwischen allen Zeiten und zeigt Stifter auf der Höhe seines Könnens, auf der Höhe eines inbrünstig-asketischen Erzählens, das alle Regeln einer wirkungsvollen Dramaturgie verletzt, um zu einer unabänderlichen Wahrheit vorzustoßen. Der Witiko tut so, als wäre er ein historischer Roman, der die böhmischen Erbfolgekriege des 12. Jahrhunderts schildert. In Wahrheit aber verwandelt er Menschengeschichte in Naturgeschichte. Dass er damit am Ende scheitert, macht diese "Erzählung", wie Stifter sie nennt, umso bemerkenswerter. So etwas wie den Witiko hat es nie vorher, nie nachher gegeben.

Wenn man sich Stifters Werk chronologisch vor Augen hält, dann sieht man, wie es sich im Ausdruck immer mehr verengt, sprachlich immer eigentümlicher wird, bis hin zu jener verschroben wirkenden Darstellungsweise, die Arno Schmidt am Nachsommer kritisiert hat. Während zum Beispiel Der Hagestolz von 1843 und der ein Jahr später geschriebene Waldsteig noch eine reiche, wandlungsfähige Sprache besitzen, die sich um den bildhaften Ausdruck erfolgreich bemüht, ist die Sprache des rund zwanzig Jahre später geschriebenen Witiko radikal abgemagert, vollkommen antiexpressiv, frei von jeglicher Metaphorik.

Als Witiko, nach einer längeren topografischen Beschreibung der Passauer Gegend, zum ersten Mal auftaucht, erfahren wir von ihm lediglich, dass er ein junger Mann ist, der auf seinem Pferd durch den Wald reitet. Wie er heißt, woher er kommt, wohin er geht, erfahren wir nicht. Der Erzähler gibt uns sparsame Hinweise auf das Äußere des Mannes und seines Pferdes. Da heißt es: "Das Haupthaar konnte nicht angegeben werden, denn es war ganz und gar von einer ledernen Kappe bedeckt." Der Erzähler beschreibt nur das, was in diesem konkreten Augenblick zu sehen ist. Wenig später macht Witiko Rast in einem Wirtshaus. Er breitet seinen Mantel über das Pferd aus. "Als er diesen auseinander gefaltet hatte, sah man, daß er ein sehr einfaches kunstloses Stück Stoff von grober Wolle und grauer Farbe sei." Nun werden die übrigen Gäste beschrieben: "Seitwärts des Reiters, etwa zehn Schritte von ihm entfernt, saßen an einem Brettertische zwei andere Männer. Sie hatten sehr beschmutzte Lederkoller an. Die untere Bekleidung konnte man der sehr breiten Tischplatte willen nicht sehen." Wieder also wird nur das gesagt, was unmittelbar ins Auge fällt. Der kurz darauf folgende Satz bestätigt diese Erzählhaltung ausdrücklich: "Ob in der Schenkstube jemand war, konnte man nicht sehen."

Was ist das für ein Erzähler? Ein Chronist offenbar, der sine ira et studio das Evidente, Unbezweifelbare in den Mittelpunkt stellt. Wichtig ist die Perspektive. Wir kennen Stifter auch als Landschaftsmaler. Ein Maler muss die Sichtachsen beachten. Wenn er zwei Männer hinter einem Wirtshaustisch malen will, kann er nicht zugleich das zeigen, was durch den Tisch verborgen ist. Bei der Szene mit dem Mantel ist die Sichtachse mit einer Zeitachse verbunden. Witiko faltet den Mantel auseinander, und indem er das tut, wird die Webart des Mantels sichtbar. Wir erleben im Folgenden die Gleichförmigkeit einer Bewegung, den langsamen Ritt eines Mannes durch die Landschaft, wahrgenommen von einem fernen, unbeteiligten Beobachter:

Das Pferd ging durch die Schlucht in langsamem Schritte. Als es über sie hinausgekommen war, ging es wohl schneller, aber immer nur im Tritte. Es ging einen langen Berg hinan, dann eben, dann einen Berg hinab, eine Lehne empor, eine Lehne hinunter, ein Wäldchen hinein, ein Wäldchen hinaus, bis es beinahe Mittag geworden war.

Man kann das langweilig finden, und das ist ja immer das vorherrschende Urteil über den Witiko gewesen. Aber für den geduldigen Leser entsteht durch die Reduktion der erzählerischen Mittel ein Leerraum, der sich mit Spannung füllt. Die Spannung entlädt sich in den dramatischen und emotionalen Szenen, an denen dieser ungewöhnliche Roman so reich ist. Sie wirken so stark, weil sie sich in äußerster Langsamkeit aufbauen, weil sie ihre Leuchtkraft auf einem fast monochromen Hintergrund entfalten.

Nehmen wir die erste Begegnung Witikos mit Bertha, wobei wir erst am Ende der Szene die Namen der beiden erfahren und auch ihr Alter: Bertha ist sechzehn Jahre alt, Witiko zwanzig. Der Reiter kommt auf eine Waldlichtung und begegnet dem Mädchen, das auf seinem Kopf einen Kranz mit roten Rosen trägt. Die Rose ist das Wappenzeichen jenes alten Geschlechts, dessen letzter Nachkomme Witiko ist. Dass Bertha die Waldrose im Haar trägt, ist Symbol für den Neuanfang, den Witiko mit seiner militärischen und politischen Karriere setzen wird. Zugleich ist sie ein erotisches Zeichen.