Schräg gegenüber vom Mozart-Stüberl an der Ecke Schubertgasse und Nußdorfer Straße in Wien steht Schuberts Geburtshaus, in dessen erstem Stock – so ist Wien – ein Stifter-Museum untergebracht ist. Es sind zwei nicht sehr große und nicht sehr hohe Räume, in denen mit etwa fünfzig meist kleinformatigen Bildern das Hauptwerk des Malers Adalbert Stifter zu betrachten ist.

Wer diese Bilder sieht und nicht eines Besseren belehrt wäre, der würde nicht glauben, dass sie von einer Hand sind. Stifter war sich ja – ähnlich wie der von ihm verehrte Goethe – zunächst nicht sicher, ob nicht eher als die Literatur die Malerei seine Kunst werden sollte. Sieht man heute seine frühen malerischen Versuche – biederstes Biedermeier –, so versteht man diese Selbstzweifel überhaupt nicht. Daraus konnte nichts werden, denkt man. Aber gerade der ungeschulte Zugang zur Malerei scheint ihm in den Jahren seines relativ späten, aber sofort elementaren literarischen Aufbruchs Bilder ermöglicht, ja erschlossen zu haben, die nach seinen betulichen malerischen Anfängen kaum vorstellbar waren: Es sind von jeder Umgebung losgelöste Stein-, Fels-, Wolken- und Mondbilder, deren eigensinniger Zauber immer wieder staunen macht, noch heute. Sie wirken wie In-Bilder einer als fremd empfundenen und wohl deswegen herbeigesehnten Natur, um die herum Stifter von nun an seine Erzählungen erfindet, um hinter ihr Geheimnis zu kommen. Die Natur nämlich ist Stifter vollkommen vertraut und vollkommen fremd zugleich.

Sein Leben war von einer geradezu bestürzenden Langeweile

In seinen späten Jahren werden diese Verselbstständigungen dann überführt und eingeordnet in groß gedachte und auch so angelegte Bilder, die, zumindest von ihren Titeln her, als Zyklus geplant zu sein scheinen. Sie heißen Die Sehnsucht, Die Bewegung, Die Heiterkeit, Die Vergangenheit. Und sie sind alle Fragment geblieben.

Der sentimentale Storm, der knorzige Keller, der zärtelnde Mörike – unsere großen Erzähler des 19. Jahrhunderts sind manch dummem Vorurteil ausgeliefert gewesen, und dem langweiligen Butterblumenbedichter ist es am wenigsten erspart geblieben. Seine Gegner waren immer besonders enragiert. Dabei ist es viel leichter geworden, sich über diesen Dichter vernünftige Gedanken zu machen: Die ausgezeichnete Biografie von Wolfgang Matz, der gründliche Essay von Leopold Federmair und das so bewegende Doppelporträt von Arnold Stadler sind drei Bücher, die uns auf Wegen, die unterschiedlicher kaum sein können, viel über diesen Autor und manches über sein Werk zeigen. Ein bestimmtes Problem macht dabei allerdings allen dreien zu schaffen: Das Leben Adalbert Stifters war von geradezu bestürzender Langeweile.

In einem böhmischen Dorf ist er am 23. Oktober 1805 geboren und aufgewachsen. Er war ein sehr guter Schüler und ein nicht ganz so guter Student, der sich vor den letzten Examina drückte. Daraufhin wurde er Hauslehrer, immerhin bei der Familie Metternich. Versuche, ein öffentliches Lehramt zu ergattern, schlugen fehl. Dann ist er, ziemlich plötzlich und für etliche Jahre, ein erfolgreicher und übrigens sehr fleißiger Autor. Fünfzehn Jahre lang ist er Schulinspektor, während dieser Zeit beginnt sein literarischer Erfolg nachzulassen. Als er am 25. November 1865 zum Hofrat ernannt und zugleich pensioniert wird, hat er noch gut zwei Jahre zu leben. Am 28. Januar 1868 ist auch das vorbei. Nicht sehr aufregend.