Für neugierige oder besorgte Bürger ist die Internet-Adresse erste Wahl. Gut fünf Millionen mal klickten sie sich seit Anfang vergangenen Jahres durch die Datenbank der Bundesnetzagentur. Die gibt Auskunft über die Anzahl der Mobilfunksender im Lande und darüber, wie stark sie strahlen. Der Agentur obliegt die Kontrolle darüber, ob dabei die Grenzwerte zum Schutz der Bevölkerung vor elektromagnetischen Feldern eingehalten werden. Seit Jahren wird darüber gerätselt, ob Elektrosmog krank macht. Endgültige Wahrheiten gibt es noch nicht. BILD

Fest steht hingegen, dass "in der Regel der maximal zulässige Wert nur zu einem geringen Bruchteil ausgeschöpft wird". Das hat die Behörde herausgefunden. Es klingt gut und schafft Vertrauen, aber nur vermeintliche Sicherheit.

So sind die in Deutschland erlaubten Grenzwerte längst nicht überall Standard. In der Schweiz liegen sie beispielsweise an besonders sensiblen Orten wie Kindergärten, Krankenhäusern oder reinen Wohngebieten um ein Zehnfaches niedriger als hierzulande. Und ob diese Werte überhaupt dazu taugen, Gesundheitsgefahren abzuwehren, darüber streiten die Experten nach wie vor.

Derweil werden immer neue Frequenzen für die kommerzielle Nutzung freigegeben. Das verschafft dem wachsenden digitalen Luftverkehr weitere Kapazitäten und ermöglicht Firmen neue Geschäfte. Der gesamte Strahlenmix moderner Funktechnologien und deren rasante Verbreitung machen aber eine effektive Kontrolle fast unmöglich. Zwar wird darauf verwiesen, dass das wachsende Volumen nicht unbedingt mit einer wachsenden Strahlenlast einhergehen muss, weil die Technik immer effizienter wird. Aber am Ende könnte es wie im Straßenverkehr kommen: Jedes einzelne Auto verbraucht zwar weniger Benzin, aber weil die Menge der Fahrzeuge so dramatisch angestiegen ist, konnte selbst der technische Fortschritt den Gesamtverbrauch nicht bremsen.

Zu den beiden Mobilfunktechniken GSM und UMTS gesellt sich neuerdings in vielen Regionen Deutschlands DVB-T, das digitale Fernsehen. Hinzu kommen WLAN und WiMAX, zwei Funktechniken, die in Parks, Cafés, Einkaufszentren oder an anderen öffentlichen Plätzen das schnelle drahtlose Surfen möglich machen – demnächst selbst über viele Kilometer hinweg (siehe Seite 27). Und wer auch noch zu Hause über Funk ins Netz geht, ein schnurloses Dect-Telefon betreibt und zusätzlich noch zum Handy greift, der kann durchaus schon mal die amtlich festgelegte Strahlengrenze überschreiten. Auch Funkkopfhörer, Babyfone oder die Übertragungstechnik Bluetooth, welche beispielsweise die Computermaus mit dem Rechner verbinden kann, erzeugen elektromagnetische Felder. In der Regel aber stellen im Haushalt "Dect-Telefone oftmals die stärkste Quelle hochfrequenter elektronischer Strahlung dar", antwortete die Bundesregierung im April dieses Jahres auf eine Kleine Anfrage im Parlament – und empfiehlt, "die persönliche Strahlenbelastung zu minimieren". Das grundsätzliche Problem: Jedes einzelne Gerät darf den maximal zulässigen Wert ausschöpfen. Manche greifen deshalb zur Selbsthilfe. Der Autobauer BMW hat beispielsweise schon im Jahre 2003 mit hauseigenen technischen Lösungen die Strahlenbelastung der Dect-Telefone drastisch reduziert.

Selbst die Strahlenschutzkommission, welche die Bundesregierung berät und nicht im Verdacht steht, Gefahren zu übertreiben, warnt in ihrem Jahresbericht: "Ein zunehmend drängendes Problem besteht darin, dass in der menschlichen Umgebung die Zahl der Geräte, die elektromagnetische Felder produzieren, dramatisch zunimmt." Jedes einzelne Gerät bleibe zwar unterhalb der Grenzwerte, aber in der Summe bestünde durchaus die Gefahr, dass sie überschritten würden.

Zudem sind diese Werte eine Art Hilfskonstruktion. Sie schließen nur aus, dass es zu einer Erwärmung von Gewebe kommt. Ob aber eine Strahlenbelastung auch unterhalb der Grenzwerte schädlich ist, gilt bis heute als umstritten. Erste Hinweise darauf gibt es durchaus, aber noch keine wissenschaftlichen Nachweise . "Es gibt einen großen Grauzonenbereich, in dem Schädigungen vermutet werden, aber noch nicht gerichtsfest nachgewiesen sind", sagt Peter Nießen vom nova-Institut für Ökologie und Innovation in Hürth. Der gesetzliche Grenzwert liege am oberen Ende dieser Grauzone. Vorsorgenden Gesundheitsschutz hält er deshalb "für dringend angeraten". Vor allem wegen der Erfahrungen aus der Vergangenheit. So habe der sorglose Umgang mit als harmlos geltenden Substanzen zu verheerenden Folgen geführt, "wie der Einsatz von Holzschutzmitteln oder Asbest".

Auch Peter Neitzke vom Ecolog-Institut in Hannover rät dazu, unnötige Strahlenbelastungen zu vermeiden. Kinder und Jugendliche sollten Handys nur in Ausnahmesituationen nutzen. Angesichts der rasanten technischen Entwicklung sei die Bewertung von Gesundheitsrisiken aufgrund gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse zwar noch nicht möglich. "Aber eben deshalb ist es umso wichtiger, vorhandene Hinweise ernst zu nehmen", so Neitzke. Unter anderem geht es um eine mögliche Beeinflussung von Gehirnfunktionen. Was Neitzke aber besonders zu denken gibt: Durch die Einführung neuer Technologien würden immer neue Fakten und wirtschaftliche Sachzwänge geschaffen. Die wissenschaftliche Überprüfung möglicher Risiken hinke der Anwendung oft um Jahre hinterher.

Etwas beruhigender klingt die Einschätzung des Informationszentrums Mobilfunk, das von den Mobilfunkbetreibern getragen wird und ebenfalls für mehr Aufklärung sorgen will: "Die große Mehrzahl der in unterschiedlichen Ländern verfassten Übersichtsarbeiten zur Auswertung des aktuellen Wissensstandes kommt zu dem Schluss, dass keine Gesundheitsgefährdung zu befürchten ist", heißt es in der Broschüre Umwelt und Gesundheit.

Nächstes Jahr dürfte weitere Spannung aufkommen. Dann nämlich werden die Ergebnisse einer ganzen Reihe neuer Studien vorliegen, die unter der Ägide des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) laufen; 17 Millionen Euro stellten der Bundesumweltminister und die Mobilfunkbetreiber dafür zur Verfügung. Untersucht werden unter anderem Wirkungen auf Gehirnfunktionen und das Krebsrisiko. Eine der weltweit größten Studien aber hat die Weltgesundheitsorganisation WHO initiiert. Seit Oktober 2000 erforschen Teams aus 13 Ländern den Zusammenhang zwischen Handynutzung und dem Risiko von Hirntumoren. Auch deren zusammenfassende Resultate werden im kommenden Jahr veröffentlicht.

Derweil empfiehlt auch das BfS, so wenig wie möglich über Funk zu kommunizieren und beim Kauf von Handys auf einen niedrigen Strahlungswert (SAR-Wert) zu achten. "So kann man ein nicht völlig auszuschließendes Risiko für die Gesundheit minimieren", sagt Präsident Wolfram König.