Baschar al-Assad hätte sich das alles ersparen können, wäre er nur nicht dem Ruf seines Vaters gefolgt. Weil die Nachfolge des Staatschefs Syriens offen war, kehrte der junge Augenarzt 1994 nach dem Tod seines älteren Bruders aus London zurück und bereitete sich mit einer Offizierskarriere auf die Präsidentschaft vor. Im Jahr 2000 passierte das Absehbare: Hafis al-Assad starb, Baschar wurde Präsident. Heute steht der erst 40-Jährige unter einem Druck, den nicht viele Staatschefs auszuhalten haben: diplomatischer Dauerbeschuss durch die Weltmacht Amerika, eine mögliche Bloßstellung durch einen UN-Untersuchungsbericht über Staatsterrorismus, wachsende Nervosität und ein angeblicher Selbstmord in der eigenen Regierung.

Vergangene Woche erst hat George Bush die syrische Regierung in einem Atemzug mit Iran als "Gesetzlosen-Regime" gebrandmarkt. Der US-Präsident wirft Syrien vor, das Einsickern von islamistischen Kämpfern über Syrien in den Irak zu dulden und ihnen gar zu "helfen". Die syrische Regierung bestreitet dies, aber das hilft ihr nicht viel. Mehrere UN-Resolutionen auf Veranlassung Amerikas haben Syrien seit 2004 zur Räumung strategischer Positionen gezwungen. Die wichtigste davon: Libanon. Im April zogen sich syrische Truppen auf UN-Druck aus dem Land zurück, das sie seit dem Bürgerkriegsende 1990 unter Kuratel hielten.

Doch droht der Libanon Syrien nun zum Verhängnis zu werden. Eine UN-Kommission unter Führung des deutschen Staatsanwalts Detlev Mehlis ermittelt derzeit gegen die Hintermänner eines Terroranschlags auf den ehemaligen libanesischen Premier Rafiq al-Hariri. Die Autobombe im Zentrum von Beirut hatte im Februar nicht nur Hariri hinweggefegt, sondern Wochen später auch das prosyrische Regime im Libanon. Hariris Tod war der Auslöser der Zedernrevolution. Mehlis watete im UN-Auftrag monatelang durch den Geheimdienstsumpf zwischen Damaskus und Beirut. Er befragte Politiker, Journalisten und professionelle Spitzel beider Länder. Sein Bericht wird Ende dieser Woche erwartet. Im Libanon könnte dieser eine ganze Politikergeneration erledigen. In Syrien könnte er die Regierung von Baschar Assad schwer belasten.

Einer, der dem Druck nicht standhielt, war der syrische Innenminister Ghasi Kanaan. Er soll sich in der vergangenen Woche den Dienstrevolver in den Mund gehalten und abgedrückt haben. Das ist zumindest die offizielle syrische Darstellung. Ghasi Kanaan war bis 2003 Geheimdienstchef im Libanon und damit einer der Führer der syrischen Operation Libanon. Ob er mit dem Hariri-Mord etwas zu tun hatte, wird Mehlis’ Bericht vielleicht zutage fördern. Auf jeden Fall soll Kanaan der UN-Kommission bei deren Besuch in Damaskus wichtige Dokumente übergeben haben. Die Blutspur von Beirut nach Damaskus? Grund genug für einen Selbstmord? Die Antworten finden sich nur in Syrien.