Bier A gscheit’s Bier ...

... kommt eben aus Bayern. Deshalb studieren in Weihenstephan auch Koreaner die Kunst des Brauwesens

Das Gläschen Champagner aus Frankreich, die Schokolade aus Brüssel, »und a gscheit’s Bier, das kommt eben aus Bayern«, sagt Kwonyul Song. Fast alles dreht sich bei Kwonyul Song aus Südkorea ums Bier, schuld ist das Fernsehen. Anstrengend war jener Tag vor knapp sechs Jahren, als er noch Deutsche Literatur an der Universität von Seoul studierte; Goethe und Günter Grass im Seminar, am Abend dann die Flimmerkiste. Das koreanische Fernsehen zeigte Malzkörner, riesige Kupferkessel und Häuser auf einem Hügel: Weihenstephan, ein Teilort von Freising bei München.

An der dortigen Technischen Universität lernen die Studenten die Kunst des Bierbrauens, neun Semester ist die Regelstudienzeit für den Diplom-Ingenieur für Brauwesen und Getränketechnologie. »Das studiere ich«, dachte Kwonyul Song, brach sein Studium in Korea ab und ging nach Deutschland. Fünf Jahre ist das her, ein Jahr lang hat er die Sprache gelernt, jetzt studiert er im 8. Semester. Der 31-Jährige hat es nie bereut, Familie und Heimat einfach hinter sich gelassen zu haben. »In Korea gibt es keine gute Ausbildung zum Brauer«, sagt er, »ein Studium schon gar nicht.« Kwonyul Song mag Deutschland, die deutsche Kultur, deutsches Bier: »Die vielen Sorten! Davon kann man in Korea nur träumen.« Dort, sagt er, gibt es zwar Brauereien, die meisten Braumeister aber kämen aus fachfremden Berufen, sind beispielsweise studierte Chemiker.

»Der Studiengang ist in dieser Art weltweit einzigartig«, sagt Heinrich Vogelpohl, Professor für Brauereianlagen und Studienberater. Die ersten vier Semester allerdings erinnert der Stundenplan an ein normales Ingenieurstudium: Elektrotechnik und Mechanik, Informatik und Technische Thermodynamik. Der große Unterschied zum Maschinenbaustudium sind die Naturwissenschaften: Biologie, Chemie, Physik. »Daran scheitert so mancher«, sagt Vogelpohl.

Einen Numerus clausus gibt es nicht. Pro Jahr fangen zwischen dreißig und vierzig Studenten an, den Abschluss aber machen nur zwischen zwanzig und dreißig, der Rest fällt durch die Prüfungen, bricht ab oder wechselt das Studienfach. Denn dass Bierbrauen kein bloßer Zeitvertreib ist, merken die Studenten schnell.

Zehn Prozent der Studenten kommen aus dem Ausland

Es ist Montag, der erste Tag der vorlesungsfreien Zeit, und Kwonyul Song steht im Labor der Hochschule. Malz- und Würzbereitung heißt das Pflichtpraktikum. Wie wird Gerste zu Malz? Und wie Malz zu Würze, die Farbe und Geschmack des Bieres bestimmt? Kwonyul Song füllt die süßlich duftende Flüssigkeit in einen Messbecher, sattes Braun im ersten Reagenzglas, helles Gelb im zweiten, und analysiert die Werte. Die Studenten lernen, wie sie die Qualität eines Bieres konstant halten, wie sie beispielsweise auf Rohstoffschwankungen reagieren müssen, aber auch, wie man neue Biersorten entwickelt.

Fünf bis zehn Prozent der Ingenieur-Studenten kommen aus dem Ausland: Fei aus China, Bruno aus Venezuela, Caio aus Brasilien, Nancy aus den USA. Japanische Brauereien schicken ihre Mitarbeiter für drei Semester nach Weihenstephan, damit sie ihren Master in Brauwesen und Getränketechnologie machen – den internationalen Abschluss gibt es an der TU seit drei Jahren. Andere kommen als Gasthörer und müssen zwar keine Prüfungen machen, bringen aber Weizenbier und Pils, Rauchbier und Biobier nach Asien, Amerika oder Australien.

Das Sudhaus der Universität schafft 1000 Liter pro Braugang

In Weihenstephan lernen die Studenten nicht nur die Bierherstellung in Theorie und Praxis, sie pauken auch betriebswirtschaftliches Grundwissen und Buchführung. Und auch wenn der Schwerpunkt auf dem Bierbrauen liegt: Wer in Weihenstephan studiert hat, kann auch Cola, Fruchtsaft und Mineralwasser herstellen.

Die Hochschule arbeitet eng mit der Staatsbrauerei Weihenstephan zusammen, keine hundert Meter sind es vom Labor in die Realität. Aber Kupferkessel und Gärtanks gibt es auch an der TU: 1000 Liter Bier pro Braugang schafft das hochschuleigene Sudhaus.

Und wie sind die Jobaussichten bei so viel Theorie und Praxis? »Die Deutschen trinken weniger Bier«, sagt Heinrich Vogelpohl und seufzt. Immer öfter arbeiten die Absolventen deshalb in Zulieferbetrieben statt in Brauereien. Sie finden einen Job bei Firmen, die Abfüllanlagen bauen, gehen in die chemische Industrie oder in die Biotechnologiebranche. »Das Wissen ist so breit gefächert, da findet sich immer etwas«, sagt Vogelpohl, länger als ein halbes Jahr müsse eigentlich niemand suchen. Nur der Traumjob Braumeister winke nicht mehr automatisch nach Studienabschluss.

Kwonyul Song indes träumt von Korea: von einer Gaststättenbrauerei – mit Bier, gebraut nach dem deutschen Reinheitsgebot.

 
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