Filmen Verrückt, diabolisch, sexy
Das Kino hat klare Vorstellungen davon, wie Wissenschaftler sein müssen. Eine Typenlehre von Andrea Benda
Der Wahnsinnige
Vor allem zu Stummfilmzeiten waren Wissenschaftler noch das, wofür sie weite Teile der Bevölkerung sowieso halten: Verrückte. Dabei wollen die fehlgeleiteten Genies der frühen Jahre ursprünglich immer der Menschheit dienen, verlieren aber durch lax gehandhabte Moralvorstellungen das Ziel ein wenig aus den Augen (vgl. auch Stammzellforschung). Äußere Merkmale des Wahnsinnigen: durch lange Labornächte fahl gewordene Gesichtshaut, diabolisch dunkle Augenhöhlen und expressionistische Haare (mit dem Aufkommen des Tonfilms auch: irres Gelächter).
Meist versucht sich der Wahnsinnige an der Erschaffung einer künstlichen Intelligenz (Metropolis , Frankenstein , Spiderman 2). Für das Gelingen des Experiments benötigt er unbedingt schlechtes Wetter (Gewitter, Sturmwinde), ein Labor voll brodelnder Ingredienzen und riesige, leuchtende Apparate, an denen er wahnwitzig große Hebel umlegen kann.
Der Seriöse
Filme mit unwahrscheinlichen Plots – gerne über die Zerstörung der Welt durch Dinosaurier (Jurassic Park), Außerirdische (Independence Day) oder die Klimaerwärmung (The day after tomorrow) – bedienen sich häufig des beliebten Tricks, eine Wissenschaftler-Nebenfigur zu etablieren, die mit intellektuell wirkenden Dialogen den Seriositätsfaktor der irren Szenarien erhöhen soll.
Der Seriöse…
a) …ist ein dermaßen brillanter Forscher, dass er die Katastrophe immer schon lange vorausgeahnt hat. Leider hat niemand auf ihn gehört, weil er einen leicht unangenehmen Hang zu Verschwörungstheorien hat und nie auf die richtigen Partys geht (Kassandra-Syndrom).
b) …kann stets aufgrund obskurer Daten (von der Regierung in letzter Sekunde freigegebene Geheimnisse; eigene, vor sich hingemurmelte Erhebungen; Zahlen, die eben im Drehbuch standen) minutengenau berechnen, wie viel Zeit dem Helden noch bleibt, bis die Katastrophe nicht mehr abwendbar ist.
c) …wird in 98 Prozent aller Fälle von Jeff Goldblum gespielt.
Der Draufgänger
Erstaunlicherweise hat sich die Archäologie im Laufe der Filmgeschichte als sexyste Fachrichtung etabliert (Indiana Jones I–III) , ganz im Gegensatz zu ihrer eigentlichen Natur (Tonscherben puzzeln). Indiana Jones (Harrison Ford) und seine waffen- und oberweitentechnisch etwas üppiger ausgestattete Kollegin Lara Croft (Angelina Jolie) geben sich nicht mit Ausgrabungen römischer Latrinen zufrieden, sondern suchen nach Attraktionen, die ohne Umwege auf die Weltkulturerbeliste der Unesco gelangen (Der heilige Gral, Atlantis, Gott). Beide haben zwar von Fachliteratur überbordende Arbeitszimmer, ziehen Bücher aber grundsätzlich nur aus dem Regal, um eine Geheimtür dahinter zu öffnen. Dr. Crofts Fachrichtung lautet vermutlich »Artefakte suchen, verlieren und mit Feuerkraft zurückgewinnen«, während Professor Jones’ Kompetenz vor allem durch die Fähigkeit unterstrichen wird, bei Tempeln, Statuen und anderen archäologischen Funden jeder beliebigen Epoche sofort zu wissen, welche losen Kacheln/Inschriften/Schädel gedrückt werden müssen, um den Schatz zu enthüllen.
Der Liebende
In der großen Rubrik »Auch Wissenschaftler brauchen Liebe« finden sich all jene, die unter folgende Kategorien fallen:
– schlau, aber leider hässlich (Jerry Lewis als Chemiker in
Der verrückte Professor)
– schlau, aber leider fett (Eddie Murphy im Remake des verrückten Professors)
– schlau, aber leider schizophren (Russell Crowe als Mathematiker in
A beautiful mind)
– schlau, aber leider mit der falschen Frau verlobt (Cary Grant als Paläontologe in
Leoparden küsst man nicht).
Der Weibliche
Natürlich kennt das Kino auch weibliche Wissenschaftler, meist allerdings im Zusammenhang mit Katastrophenfilmen wie Twister (Helen Hunt), Vulcano (Anne Heche) oder Junior (Emma Thompson). Letzterer gilt zwar als Komödie, bezieht seinen Schrecken aber aus der Tatsache, dass Arnold Schwarzenegger einen schwangeren Humanbiologen spielt. Praktischerweise kann man Wissenschaftlerinnen in Tornados, Vulkanausbrüchen oder außerirdischen Erstkontakt-Fällen stets einen männlichen Beschützer zur Seite stellen, welchem sie intellektuell zwar oftmals überlegen sind, aber dem sie sich am Ende doch an den Hals werfen. Die Botschaft ist eindeutig: Frauen können zwar eigenständig denken, aber finden es schön, wenn sie jemanden haben, der ihnen die Tasche durch die Lava trägt.
- Datum
- Serie Bildung & Beruf
- Quelle (c) DIE ZEIT 20.10.2005 Nr.43
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