EinsteigenEin großes Kunststück

Das Leben nach der Akademie – drei Künstler erzählen von ihrer Ankunft in der Wirklichkeit von Andrea Benda

Erdmuth Burg, 29,
Installationskünstler, studierte an der Alanus-Hochschule in Alfter bei Bonn Bildhauerei mit dem Schwerpunkt freie Kunst


Einerseits, sagt Erdmuth Burg, könne er sich über sein Dasein als freier Künstler nicht beklagen. »Andererseits muss ich wahnsinnig reinbuttern und bekomme nur wenig zurück.« Natürlich wusste der 29-Jährige schon während des Studiums, dass es nicht einfach sein würde, sich auf dem freien Markt zu behaupten. Ein wenig leichter hat er sich sein Arbeitsleben trotzdem vorgestellt. Dabei kann der Installationskünstler mittlerweile auf etwa 20 Ausstellungen zurückblicken. Leider werden diese oftmals nicht honoriert – zumindest nicht finanziell: »Man darf glücklich sein, überhaupt ausgestellt zu werden.« Um seinen Lebensunterhalt und die Miete für sein Atelier bestreiten zu können, arbeitete der gelernte Steinmetz lange Zeit auf dem Bau. Mittlerweile gibt er Bildhauerkurse und freut sich über die Chance, in einem Metier Geld verdienen zu können, in dem er seinen künstlerischen Blick weiter schärfen kann. Ein weiterer Schritt zum Vollzeitkünstler, denn an seiner Berufswahl hat er trotz aller Schwierigkeiten nie gezweifelt. Kunst und Knete wechseln sich bei Erdmuth Burg in regelmäßigem Rhythmus ab: Einige Wochen verdient er Geld, einige Wochen arbeitet er von morgens bis abends an seiner Kunst. Der Druck, auf Abruf kreativ zu sein, wirkt sich bei ihm eher positiv aus: »Wenn ich ins Atelier gehe, strenge ich mich an, auch wirklich etwas zustande zu kriegen.« Frustrierend findet es Burg dagegen, dass er die Hälfte seiner knapp bemessenen Zeit für die notwendige Eigenvermarktung ausgeben muss. Viel Energie geht dabei in die Akquise neuer Interessenten, denn direkte Anfragen erreichen ihn noch viel zu selten. »Ein Künstler, der nur im stillen Kämmerlein große Kunst macht, muss verdammtes Glück haben, wenn er erfolgreich sein will.« Burg nimmt vor allem an Wettbewerben teil, um sich einen Namen zu machen. Seine aufwändigen Rauminstallationen beanspruchen viel Platz und sind deshalb für den privaten Sammlermarkt meist nicht interessant. »Als Maler hätte ich es da leichter«, sagt Burg. Trotzdem möchte er auch in Zukunft seinen eigenen Ausdruck verfolgen und sich nicht verbiegen lassen, nur um kommerziell erfolgreich zu sein. »Auch wenn das bedeuten sollte, dass ich nie ausschließlich von meiner Kunst leben kann.«

Stefanie Busch, 27,
bildende Künstlerin, studierte Malerei an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden


Eigentlich hatte sich Stefanie Busch schon auf das anstrengende Leben eingestellt, das die meisten freien Künstler lange führen, bevor sich jemand für ihre Werke interessiert. Nach dem Studium jobbte sie fünf Abende in der Woche als Kellnerin, tagsüber arbeitete sie in ihrem Dresdner Atelier. Doch dann ging plötzlich alles ganz schnell. Erst bekam Stefanie Busch ein Stipendium, dann gewann sie einen Kunst-am-Bau-Wettbewerb und durfte die deutsche Botschaft in Kiew gestalten. Danach folgten die ersten Einladungen zu Ausstellungen. Heute stellt eine kleine Dresdner Galerie ihre Arbeiten aus – meist Siebdruckgrafiken von Landschaften. »Ich hätte nie gedacht, dass alles so schnell so gut gehen würde«, sagt die Dresdnerin. Sie findet es beruhigend, dass viele Kommilitonen ihres Jahrgangs ähnlich erfolgreich sind, so kommt untereinander kein Neid auf. Vielleicht, sagt sie, liegt es an dem Boom, den die Kunsthochschulen im Osten gerade erleben. Leipzig, Halle und Dresden gelten in Sammlerkreisen als erste Adressen. Der Luxus, ohne großen finanziellen Druck arbeiten zu können, schlägt sich auf die Werke der jungen Künstler nieder. Er lässt ihnen genug Spielraum, auch jenseits großer Galerien. Stefanie Busch gehört auch zu einer Gruppe von Künstlern, die gemeinsame Ausstellungen organisieren, sich mit anderen austauschen und Sachen ausprobieren, die weitab des Kommerzes liegen. Das gelingt vor allem durch die Rückendeckung der Galerie. Der junge Galerist ist gerade mal so lange im Geschäft wie sie selbst: »Wir lernen quasi gemeinsam.« Weil es noch nicht um große Namen geht, können Galerist und Künstler noch alle Möglichkeiten des Kunstbetriebes ausloten. Wenn jemand also ein Kunstwerk von ihr kaufen möchte, freut sie sich immer, weil sie weiß, dass die meisten Privatkunden ihrer Galerie Kunstwerke nicht als Investition betrachten, sondern kaufen, was ihnen gefällt.

Die Kellnerinnenschürze zieht die Dresdnerin nur noch einmal in der Woche an. Sie ist froh, dass sie der Nebenjob »ein wenig erdet«. Denn dass der Erfolg immer gleichbleibend groß sein wird, glaubt sie nicht. »Es wird sicher einen Punkt geben, an dem ich wieder auf andere Weise etwas Geld dazuverdienen muss.«

Andreas Wendt,
34 Jahre, Künstler und Galerist, studierte Malerei und Freie Kunst an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee


Es fühlt sich gar nicht so schizophren an, gleichzeitig Künstler und Galerist zu sein«, sagt Andreas Wendt, »auch wenn viele immer noch glauben, dass sich das ausschließt.« Im März hat der 34-Jährige in Berlin eine Produzentengalerie mit zehn Künstlern eröffnet und den Job des Galeristen übernommen. Das Projekt ist auf zwei Jahre angedacht, jeder Künstler bekommt in der Zeit eine Einzelausstellung. »Meine eigene Kunst muss zurzeit eben ein bisschen auf Sparflamme laufen«, sagt der Berliner. »Wenn man eine Galerie richtig führen will, muss man sich rund um die Uhr mit ihr beschäftigen.« Dabei hat Andreas Wendt den Vorteil, dass er sich in die Lebenswelt seiner Künstler hineinversetzen kann. »Dadurch sehen die mich als einen von ihnen und nicht als abgezockten Galeristen, der eiskalt ihre Ware dealt.«

Nur manchmal, wenn er gezwungen ist, seinen Galeriebetrieb unter rein marktwirtschaftlichen Aspekten zu betrachten, gerät er mit seiner Künstlerhälfte in Konflikt. Etwa, wenn er abstruse Preisvorstellungen der Künstler nach unten korrigieren muss – die er früher doch selbst hatte. Seit er als Galerist Kunst nicht nur schätzen darf, sondern auch verkaufen muss, ist Wendt erst klar geworden, dass man Einsteigerpreise anbieten muss, um überhaupt erst mal eine Nachfrage zu schaffen.

Allerdings käme er niemals auf die Idee, seine Künstler in bestimmte Richtungen zu drängen, die sich vielleicht besser verkaufen ließen. »Natürlich versuche ich manchmal ein bisschen, meine Meinung durchzudrücken, aber das ist eigentlich nur ein sportlicher Wettkampf zwischen mir und dem Künstler. Ich will ja, dass er authentisch bleibt, also warte ich nur darauf, dass er mir sagt, wie bescheuert er meine Ideen findet.« Wendt ist eben mehr Trainer als Funktionär. Seinem eigenen Ruf als Künstler schadet die Arbeit nicht, glaubt er. Mittlerweile gibt es in Berlin viele Künstler, die ähnliche Projekte anstoßen. Wendt freut sich, dass die Grenzen zunehmend verschwimmen. Im nächsten Berliner Kunstsalon wird er zum ersten Mal beide Persönlichkeiten gleichzeitig ausleben müssen: Wendt ist dort nicht nur als Galerist vertreten, sondern auch als Künstler.

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    • Serie Bildung & Beruf
    • Schlagworte Ausstellung | Berufswahl | Galerie | Kunstwerk | Malerei | Berlin
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