Sie haben 20 Jahre Erfahrung im Personalbusiness – sind die Bewerber heute besser vorbereitet?

Die Masse der Bewerbungen ist wesentlich besser geworden. Damals gab es nur wenige Ratgeber – heute führt Amazon unter dem Stichwort "Bewerbung" 565Titel auf. Man sah in den Achtzigern unsägliche Mappen. Heute etwas Pfuschiges abzugeben ist ja schon eine Kunst. Es ist allerdings gleicher geworden, es wird für uns Personaler schwieriger, zu unterscheiden und individuelle Charaktere zu finden. Insofern ist es umso wichtiger, inhaltlich zu überzeugen.

Die klassische Vorbereitungsmethode ist, einen oder mehrere Ratgeber zu lesen. Was schnell dazu verleitet, etwas auswendig zu lernen…

Das merken wir vor allem, wenn Fragen beantwortet werden, die wir noch gar nicht gestellt haben. Man sollte üben, seinen Lebenslauf strukturiert, in kurzer, knackiger Form darzustellen. Das sollte man auch laut tun, beim Joggen oder mit Freunden. Und man sollte sich mit den Fragen auseinander setzen, die klassischerweise auftreten könnten. Das reicht eigentlich auch schon. Wir wollen ja sehen, wie jemand wirklich ist, und nicht, wie er sein kann, wenn er sich 150-prozentig vorbereitet hat.

Was kann ich tun, wenn ich trotzdem dauernd Absagen bekomme?

Zunächst einmal diejenigen anrufen, die mir meine Unterlagen zurückgeschickt haben, und sie fragen, woran es lag.

Aber die schicken vielleicht täglich dutzendfach Absagen raus – wenn die abgelehnten Bewerber jetzt noch alle anrufen…

Klar sind sie dann genervt. Aber erstens ruft kaum einer an, und zweitens kann man sie menschlich erreichen, wenn man ihnen klarmacht, dass es einem wirklich ein Anliegen ist. Sagen Sie: "Ich bin verunsichert, weiß nicht, woran es lag – aber Sie haben doch einen Profiblick dafür." Die meisten Personaler sind versucht zu sagen: "Sie sind super, bleiben Sie so, wie Sie sind, aber jemand anders passte noch besser." Weil sie keine Lust auf Diskussionen haben. Deswegen muss der Anrufer klarmachen: "Ich möchte es nicht diskutieren, und ich will Sie auch nicht überreden, mich zu nehmen. Ich will nur wissen: Was könnte ich optimieren?"

Wenn ich das Gefühl habe, ich bin im Vorstellungsgespräch steif wie ein Brett oder hänge im Stuhl wie ein schlapper Sack, wäre dann ein Rhetorikkurs hilfreich? Oder sollte ich an meiner Körpersprache feilen?

Wenn das Training dazu dient, sich mehr unter Spannung zu bringen, ohne sich zu verfälschen, dann ist das sinnvoll. Man darf nur nicht versuchen, etwas darzustellen, was man nicht ist. Wir suchen ja bunte Teammitglieder und nicht nur die Super-Souveränen.

Was ist von Karriere-Coachs zu halten? Deren Angebote lesen sich doch eigentlich recht vielversprechend: ein paar Stunden zu hundert Euro, eine gründliche, individuelle Beratung…

Wer meint, dass ihm das hilft, kann gerne dorthin gehen.

Wie finde ich einen guten Coach?

Am sichersten über Empfehlungen. Ganz wichtig ist, dass sie die Unternehmensseite kennen. Wenn das Psychologen, Sozialpädagogen und Sozialarbeiter sind, die nie einen Betrieb von innen gesehen haben und nicht wissen, wie da getickt wird, dann nützt mir das nicht viel. Der Sozialpädagoge sagt vielleicht: "Jeder Mensch ist anders in seiner Individualität, machen Sie es gerne bunt und gestreift, in drei verschiedenen Schriftarten, damit heben Sie sich hervor." – Aber jeder, der mal 500 Bewerbungen auf dem Tisch hatte, sagt: Um Gottes willen, meine armen Augen! Fragen Sie den Coach nach seinem Werdegang. Dann vielleicht nach seiner peinlichsten Situation im eigenen Bewerbungsgespräch. Was hat ihn aufgeregt? Werden Sie ruhig persönlich, finden Sie heraus, ob er auf Ihrer Wellenlänge ist. Oder er ist ein Fachprofi hoch zehn, dann ist die Wellenlänge vielleicht zweitrangig. Die Frage ist nur, ob man ein Coaching wirklich braucht. Denn in aller Regel kann man sich gut selber helfen.

Und wie?