Studieren Mit Qual zur Wahl

Wenn ein Studentenparlament gewählt wird, geht keiner hin. Die Geschichte von zwei einsamen Wahlkämpfern

Schon wieder Kleinholz. Der Gegner muss irgendwann zwischen zweitem Frühstück und letzter Vorlesung zugeschlagen haben. Peter schluckt kurz seinen Frust herunter. Das Wahlplakat liegt zwischen den Büschen am Uni-Klinikum. Er zerrt die Fetzen aus den Ästen heraus und begutachtet kurz den Schaden. Jemand hat die Pappwand vom Laternenpfahl gerissen und dann zugetreten. Es war sein Foto, es zeigte ihn, Peter Jurczyk. Kniend auf einem Steg vor der Kieler Förde, um ihn herum seine Kollegen vom Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS). Nun klafft an der Stelle, wo früher sein Kopf war, ein großes Loch.

Peter kandidiert zum ersten Mal für ein Amt, er will ins Studentenparlament der Uni Kiel. Der 25-jährige Medizinstudent ist aus dem Stand Spitzenkandidat des RCDS geworden. Vielleicht ist es seine letzte Wahl, kann auch sein, dass er weitermacht. Jetzt jedenfalls geht es ihm um seinen Sitz, um seine Plakate. Jeden Morgen und jeden Abend setzt er sich deswegen auf sein klappriges Damenrad. Er fährt alle 200 Plakate ab, die er in Kiel verteilt hat, und schaut, ob sie noch hängen. In den vier Wochen bis zum letzten Wahltag findet er ein Drittel von ihnen zerfetzt oder bemalt. Er lernt, dass so etwas auch zur Uni-Politik gehört.

»Hochschulpolitik ist wie ein Trainingslauf für die Demokratie: Man lernt die Spielregeln kennen.« Peter glaubt, dass sich sein Engagement am Ende lohnt und bei den Menschen ankommt. Einige Experten sehen das pessimistischer: In Deutschland ist das Interesse an den Uni-Wahlen seit Jahren im Keller. »Studenten wählen eine Vertretung und begreifen sie doch nicht als die Vertretung ihrer Interessen«, sagt Professor Herfried Münkler von der Berliner Humboldt-Uni. »Es ist leicht, eine Stellungnahme gegen den Irak-Krieg zu schreiben. Aber für wirkliche studentische Interessenvertretung, beispielsweise bei der Umstellung auf die Bachelor- und Master-Studiengänge, müssen dickere Bretter gebohrt werden.«

Mancherorts geht nur jeder zwölfte Student wählen. An der Ludwig-Maximilians-Universität in München, der größten Hochschule Deutschlands, lag die Wahlbeteiligung in diesem Sommer bei nur 8,3 Prozent. In Potsdam bei nur 7,3 Prozent. Kein Wunder, dass der Marburger AStA vor einem Jahr über eine Wahlbeteiligung von 22 Prozent jubelte.

Manche der Gewählten sagen: »Man fühlt sich nur halb legitimiert«

Heute würde dieses Ergebnis nicht mehr ausreichen und sich negativ auf den AStA-Etat auswirken. Niedrige Wahlbeteiligungen werden in Hessen seit Dezember 2004 sanktioniert. Nur wenn das Studentenparlament von mehr als 25 Prozent der Studenten gewählt wird, kann es einen AStA bestimmen, der den vollen Finanzzuschuss vom Land erhält. An einigen hessischen Unis hat sich seitdem das studentische Wahlverhalten prompt verändert. An der TU Darmstadt etwa gab fast jeder zweite Student seine Stimme ab. Zwischenzeitlich gingen sogar die Wahlzettel aus.

In Kiel sind es durchschnittlich immer noch zwischen 10 und maximal 20 Prozent, die an den Uni-Wahlen teilnehmen. Peter übt sich in Politikerweisheiten. »Das ist Demokratie: Wenn man seine Stimme nicht abgibt, dann trifft man damit auch eine Wahl. Die anderen bestimmen.« Er sagt aber auch: »Eigentlich ist es schrecklich, dass so wenige zur Wahl gehen. Und man fühlt sich da nur halb legitimiert.«

Auch Thamil Ananthavinayagan aus Bonn findet die geringen Wahlbeteiligungen »sehr deprimierend«, aber »halb legitimiert« sieht er sich deswegen noch lange nicht. Der 22-Jährige ist seit 2002 Mitglied der SPD. Er hat Ämter bei den Jusos und ist stellvertretender Vorsitzender des Bonner AStAs.

Seine Sätze sind geschliffen, er sagt kein unüberlegtes Wort. Er redet viel von »Solidarität«. Er hat Erfahrung im politischen Geschäft, das hört man. Schon sein Vater war Politiker, Sozialist auf Sri Lanka. »Er hat mir viel über Willy Brandt und Helmut Schmidt erzählt, erklärte mir, was Sozialismus und Sozialdemokratie bedeuten. Für ihn als Immigrant war es eine Art politisches Glaubensbekenntnis: der Einsatz für Arbeiter, Auszubildende und Einwanderer in Deutschland, denen es nicht so gut geht.«

Streiten für diejenigen, die das Streiten schon aufgegeben haben

Thamils Politikerlaufbahn fing an, als er zum Schülersprecher seines Gymnasiums gewählt wurde. Über die Juso-Hochschulgruppe kam er dann zum Studentenparlament. Seit Frühjahr ist er stellvertretender Vorsitzender des Bonner AStAs. Auch er glaubt, dass man an der Uni viel über Politik lernen kann. Um den AStA zu bilden, mussten die Jusos Koalitionsverhandlungen führen. »Eine langwierige Sache«, seufzt er. Jetzt vertritt er zusammen mit den Grünen und der »Liste undogmatischer Studenten« die Interessen seiner Kommilitonen.

Thamil will helfen. Neulich war eine weinende Studentin bei ihm, die erfahren hatte, dass sie nach überstandener Krankheit und einigen persönlichen Auszeiten Langzeitstudiengebühren bezahlen muss. Er hat daraufhin Gespräche arrangiert, nachgehakt und versucht, Bonussemester rauszuschlagen. Es hat ihm Spaß gemacht, und so sieht er seine Arbeit am liebsten: Service für die Studenten. Streiten für diejenigen, die das Streiten schon aufgegeben haben.

Politik, das ist eben auch Konflikt. Peter hat das genauso feststellen müssen. »Als der Wahltermin näher rückte, brach der Kontakt zu den anderen Wahllisten ab. Und das, obwohl wir uns vorher noch ganz gut verstanden haben.« Die eigentlich nette Kollegin von einer linken Hochschulgruppe habe ihn beim Flugblätterverteilen sogar beschimpft. In solchen Situationen habe er sich gekränkt gefühlt.

Seine politische Motivation? Auch er will anderen Leuten unter die Arme greifen, darin unterscheidet er sich kaum von Thamil. »Als Mediziner habe ich natürlich das Ärzte-Syndrom: Ich muss helfen, wenn ich kann.« Er möchte sich vor allem im Konvent engagieren und bei der Wahl des Dekans seinen Teil dazu beitragen, dass die neue Studienordnung nicht so umgesetzt wird wie bisher geplant. Er sagt von sich, dass er konservativ sei.

Für Peter waren es anstrengende Tage und Wochen. Oft hat er Flugblätter verteilt oder einfach nur mit Leuten geredet. Am Wahlabend, als in der Mensa die Stimmen ausgezählt werden, ist er nervös. Er redet viel, lenkt sich ab, trippelt herum. Mit 95Stimmen reicht es für den RCDS genau zu einem Sitz im Studentenparlament. Jetzt wird er nicht mehr nach den Plakaten schauen, sagt er.

 
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