EntscheidenFelix Krull bewirbt sich

Hochstapler hatten es noch nie so leicht. Dank Internet und Farbkopierer lassen sich Lebensläufe leicht fälschen. Unternehmen suchen deshalb Rat bei Detektiven von Thomas Röbke

Noch nie war es so einfach. Noch nie war die Versuchung größer. Internet, Scanner, Farbkopierer und Laserdrucker ermöglichen es jedem Laien, mit heruntergeladenen Logos Firmenbriefpapier nachzumachen oder Zeugnisnoten zu ändern. Und das bei rapide schwindendem Unrechtsbewusstsein: Ist bei der angespannten Situation auf dem Arbeitsmarkt nicht jeder selber schuld, der nicht auch illegale Möglichkeiten ausnutzt, um den erhofften Arbeitsplatz zu bekommen?

Zum Glück bringt es nicht jeder so weit wie Gert Postel, jener Hochstapler, der vom Postboten zum Oberarzt aufgestiegen war – ohne je Medizin studiert zu haben. Doch der Schaden, der der Wirtschaft durch Fehlbesetzungen entsteht, während sich qualifiziertere Bewerber arbeitslos melden müssen, ist immens. Hinzu kommen noch die Kosten für eine erneute Ausschreibung der Stelle und die Einarbeitung eines neuen Mitarbeiters.

Viele Firmen suchen deshalb bei Profis Hilfe. Die Düsseldorfer Detektei Kocks bekommt jährlich rund 300 Anfragen, eine oder mehrere Bewerbungsmappen zu überprüfen. Vor ein paar Jahren untersuchten die Mitarbeiter im Auftrag eines Wirtschaftsmagazins 5000 Bewerbungen. Resultat: In 1500 Fällen war geschummelt, gelogen und betrogen worden. Und nicht nur das. Manfred Lotze, 62, Geschäftsführer der Detektei, hat 40 Jahre Erfahrung am Tatort Arbeitsplatz gesammelt, er sagt: »70 Prozent der wegen Vergehen am Arbeitsplatz überführten Täter hatten bereits bei der Bewerbung geschummelt.«

Lotze, der in Workshops die Tricks der Bewerber verrät, sagt, dass die Personalverantwortlichen »zu blauäugig« seien. Und: »Sie haben viel zu wenig Zeit.« Was ihnen nicht vorzuwerfen ist. Auch in Personalabteilungen wird Personal eingespart, oder die Bewerberauswahl wird sogar von Fremdfirmen erledigt. »Fünf bis zehn Minuten hat ein Personalmitarbeiter im Schnitt Zeit für eine komplette Bewerbungsmappe«, sagt Lotze. Und erzählt von einem »Personaler«, der auf eine Stellenausschreibung 5000 Bewerbungen bekam. Er packte sie sich ins Auto und siebte sie am Wochenende zu Hause aus, bis ein Kandidat übrig blieb.

Da ist es kein Wunder, dass viel zu selten Zeugnisoriginale verlangt, viel zu selten beim alten Arbeitgeber oder bei der Universität Erkundigungen eingeholt werden. Was dabei ans Licht kommen könnte, erläutert Lotze an einem Beispiel: Ein Bewerber wurde eingestellt, weil er ein bestimmtes Thema angeblich von 1993 bis 1999 studiert hatte. Durch Nachforschungen kam heraus, dass er dazu in diesem Zeitraum lediglich an drei Wochenendveranstaltungen teilgenommen hatte.

Geschickte schaffen es, Qualifikationen nahe zu legen, ohne dabei lügen zu müssen. »Nach dem Besuch des Gymnasiums habe ich eine Ausbildung für den gehobenen Verwaltungsdienst gemacht und mit dem Diplom abgeschlossen«, heißt es auf der Homepage des ehemaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Erwin Teufel. Abitur hatte er nicht gemacht. Hat er auch nicht behauptet. Trotzdem klingt es so.

»Mit dem Zeugnis wirst du nichts. Lass dir was einfallen!«, raten viele Bewerberberater ihren Kunden. Und die entwickeln eine in der Arbeitswelt ansonsten sehr geschätzte Eigenschaft – sie werden kreativ. Doch wo hört die Übertreibung auf, wo fängt die Lüge, wo der Betrug an? »Wenn jemand behauptet, er sei für drei Mitarbeiter verantwortlich gewesen, war in Wirklichkeit aber nur Azubi, so fällt das gerade noch unter Schönfärberei«, sagt Lotze. Erschleicht er sich jedoch beispielsweise die Verantwortung für 100 Mitarbeiter, ist das ein Betrugstatbestand. Während eine Lüge nicht justiziabel ist, kann eine überklebte Zeugnisnote als Urkundenfälschung bis zu drei Jahre Gefängnis nach sich ziehen. Auch das Führen falscher Titel ist strafbar.

Manche Bewerber probieren es nach der Devise »Frechheit siegt« und geben Referenzen an, die sich nicht überprüfen lassen: Als ein Bewerber Bill Clinton nannte, »war selbst ich sprachlos«, gibt Ermittler Lotze zu. Besonders dreist sind auch die Bewerbertouristen. Sie legen es nur darauf an, die Reisekosten für das Vorstellungsgespräch erstattet zu bekommen, um sich ein paar schöne Tage am Zielort zu machen.

Männer und Frauen schummeln, tricksen und betrügen in etwa gleich häufig. Nach Altersgruppen aufgeteilt, liegen die 25- bis 34-Jährigen klar vorn, gefolgt von den 45- bis 54-Jährigen und den 19- bis 24-Jährigen. Am ehrlichsten sind die über 55-Jährigen. In der Branchen-Hitliste der Detektei Kocks belegen produzierendes Gewerbe sowie Pharma- und Autoindustrie die ersten Plätze.

Dass Manfred Lotze und seine Kollegen trotz der immer besseren Technik der Fälscher Schummler und Betrüger entlarven, verdanken sie vor allem ihrer langjährigen Erfahrung und ihrem geschulten Blick: So fiel ihnen in einem ansonsten zentriert gesetzten Zeugnis auf, dass ausgerechnet das Wort »Diplomökonom« nicht genau mittig stand. Das lag daran, dass der Fälscher das Zeugnis seiner Freundin – einer Diplomökonomin – verwendet und die letzten beiden Buchstaben getilgt hatte.

Und auch Kommissar Zufall mischt sich manches Mal ein. So etwa bei dem gefeuerten Versicherungsangestellten, der sich bei seiner alten Versicherung bewarb, die unter neuem Namen firmierte. Er legte ein sehr ausführliches und positives Arbeitszeugnis vor. In der Personalabteilung erinnerte man sich allerdings noch an ihn und das recht kurze – und weniger günstige – Originalzeugnis.

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  • Serie Bildung & Beruf
  • Schlagworte Bill Clinton | Erwin Teufel | Arbeitszeugnis | Bewerbung | Bewerbungsmappe | Gert Postel
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