Italien ist mir zu hektisch. Wenn Italien ein Mensch wäre, dann wäre es Thomas Gottschalk. Womöglich sogar Lisa Fitz. Ich bin hispanophil. Spanien hat was Gelassenes, leicht Depressives, wie Bill Murray oder Österreich-Ungarn. Ich finde, man merkt, ob ein Land mal wirklich eine Supermacht war oder es immer nur versucht hat.

Jedes Jahr gehe ich in Spanien tauchen, da braucht man jedes Jahr eine neue Tauchtauglichkeitsbescheinigung. Der Arzt schaut einem in die Ohren hinein und fragt, ob man im letzten Jahr einen Hirnschlag hatte, das ist es auch schon im Wesentlichen. Das Trommelfell darf kein Loch haben. Durch ein Loch würde Salzwasser eindringen, die Hirnschale wurde gluckernd voll Salzwasser laufen, auch ein paar kleine Fische könnten durchschlüpfen. Bei meiner ersten Kolumne nach dem Urlaub würden die Redakteure sagen: "Er probiert den Dadaismus aus. Im Subtext gluckert es. Interessant! Salz auf unserer Haut!" Bei der zweiten Kolumne würden sie merken, dass ich ein Tauchunfallopfer bin.

Jedes Jahr gehe ich zu Dr. Luis Antonio Mendoza de Peligro, damit er mir in die Ohren schaut. Dr. Mendoza hat eine kleine Praxis an einer staubigen Straße. Anfangs war er ein recht gut aussehender Mann. Jedes Jahr aber ist Don Luis ein paar Kilo schwerer geworden und sein Haarkranz ein wenig schütterer. Don Luis ist mein Altersbarometer. Während er versonnen in meine Ohren schaut, denke ich: "Carpe diem. Sic transit gloria mundi."

Die Ehefrau von Doktor Mendoza ist Deutsche. Sie sitzt an einem Schreibtisch im Wartezimmer. Die Tür zum Behandlungszimmer geht auf, Don Luis verabschiedet den Patienten, die Ehefrau erhebt sich, geleitet den Patienten oder die Patientin zum Ausgang, setzt sich wieder an den Schreibtisch und wartet, bis ihr Mann von innen ein Signal gibt. Der Nächste, bitte. Sie passt auf, dass niemand sich vordrängelt.

In den ersten Jahren fiel mir auf, dass ihre Hand zitterte, wenn sie sich die Lippen nachzog. Später merkte ich, dass sie beim Laufen leicht schwankte. Auch ihre Aussprache wurde undeutlicher. Die Frau des Doktors hat eine Krankheit, die der Doktor nicht heilen kann.

In diesem Jahr war der Platz hinter dem Schreibtisch im Wartezimmer leer. Auf dem Schreibtisch befand sich ein Notizblock, auf dessen Seiten eine zittrige Hand Wartenummern geschrieben hatte. Die "1" lag immer noch oben. Die Patienten scherten sich nicht darum. Im Wartezimmer außer mir nur Einheimische, im Herbst kommen nicht viele Deutsche. Eine ältere Frau sagte zu einem Mann: "Die Frau des Doktors ist zum Entzug in Deutschland, zum dritten Mal, aber das wird nichts." Die Frau sagte: "Bei uns wirst du in der Klinik einfach eingeschlossen und bekommst nichts mehr zu trinken. Du heulst den Mond an, wie die Hunde es tun, aber nach ein paar Wochen bist du trocken. In Deutschland reden sie in der Klinik über deine Probleme. Sie essen Trennkost! Das wird nichts. Don Luis hat einfach nicht das Herz, seine Frau in eine spanische Klinik zu schicken. Er ist zu gut. Das ist schlecht für sie." Ich dachte an die Große Koalition. Dann öffnete sich die Tür zum Behandlungszimmer. Doktor Mendoza ist grau geworden.