Für uns, die Dunklen, aus der Gotik Geborenen,
die das Schattenreich bevölkern,
in der Nacht die schweren Lieder singen,
die das Licht als Sensation erschreckt,
als Blick, Richtung und Sehnsucht,
wir, die vom Glanz Geblendeten,
die aus der Dämmerung der schroffen Hügel
giftige Blicke werfen.

Italien!

Die Helle, die Schöne,
das Land,
das Griechenland Arkadien stahl
und uns glauben macht,
das Glück sei lichte Bläue,
trug unsere Sehnsucht dazu bei,
diesem strahlenden Raum Schwärzen zuzufügen.
Und aus dem Zwang, dieses Land zu begreifen,
suchen wir es heim
und belästigen es mit Liebe.

Der Winter war kalt in Berlin, eisig das Atelier, ein Eispalast neben dem Bahndamm, weckte mich jeden Morgen der Zug, er fuhr, um mich wach zu machen, mitten durch das Atelier, zerbrach die Eisblumen, die in den Fenstern nisteten und ließ die trüben Eistümpel in den Pinseleimern platzen. Und das Glas – halbvoll mit was auch immer – rutschte vom Tisch und zerbrach. Dann begann der Tanz zur Toilette, barfuß hüpfend, haarscharf an den Glassplittern vorbei, um festzustellen, dass die Toilette eingefroren war. Fluchend wird der Ofen angefeuert, erst Papier, nein – es waren keine Zeichnungen. Sondern die Zeitung vom Vortag. Holz spendete eine zerbrochene Kiste; ein paar Briketts fand ich in der Manteltasche. Es wurde langsam wärmer. "Das Institut in Florenz war eine Kunstinsel. Der Verwilderten Garten lockte Nymphen und Faune hervor." BILD

Sehr geehrter Herr Lüpertz, lieber Markus, mit Freuden teilen wir Dir mit, dass die zuständige Jury bereit ist, Dich mit drei anderen Künstlern für ein Jahr nach Florenz, Italien, zu schicken. "Hurra", dachte ich, "ich habe es geschafft." Ein Jahr lang Sonne, Italien, Rotwein, Spaghetti und jede Menge Alte Meister. Italien, ich und Goethe. Italien, der Traum aller Goten, die aus dem Dunklen, dem Schatten, die nur eine Sehnsucht kannten, Sonne, Wärme, Licht, entfliehen dem Blauviolett, das die geteilte Stadt in Schachbrettmuster schattet.

Dann reisen, rauskommen, etwas sehen, etwas erleben. Das Jahr 1970. Ich war plötzlich reich, eine Villa in Italien, ein Auskommen, und ich sah mich im weißen Anzug mit Strohhut und Rotwein im schönen Garten, das leise Klacken der Bocciakugeln, die laue Brise, das Rauschen der exotischen Bäume, ein vom Winde herangetragener Disput, in schnellem Italienisch.

Kein Streit, nur schnelle Zärtlichkeit vielleicht und voller Melodie. Ich verstand es sowieso nicht. Italien, nicht Rom, nein – Florenz. Keine Deutsch-Nazarener. Nein – Florenz: Michelangelo Buonarotti, Benvenuto Cellini, der sympathische, verlogene Berufskiller und göttliche Anekdotenschreiber; und hinter den stacheligen Fächern der Agaven, sind das nicht Arnold Böcklin, Max Klinger und Hans von Marées?

Damals lernte ich gerade meine zweite Frau kennen, und sie fiel auf den flotten Künstler mit der Villa in Italien herein und reiste mit mir mit. Für mich ein Glück, denn sie hatte alles, wovon man als junger Maler träumte: Sie war schön, von Hause aus wohlhabend, und sie fuhr einen Jaguar.

So ausgerüstet: Villa, Jaguar, 1000 Mark im Monat, Frau und Garten, fuhr ich gen Italien. Die Reise war für mich spannend, konnte ich doch nicht Auto fahren – und so alles schauen und bestaunen. Es war, ich glaube, später Februar, früher März. Man fuhr über die Schweiz. Die war immer um diese Jahreszeit ruppig und kalt. Und schon damals geschwindigkeitsbegrenzt. Dann Italien. Como, Mailand. Mailand – ein Moloch, den ich erst später lieben lernen sollte. Der Zoll, damals noch streng und sehr neugierig, wurde problemlos passiert. Italien – enttäuschend kalt.