Frankreich Bürgerkönig gegen Bonaparte
Dominique de Villepin oder Nicolas Sarkozy – zwei Minister konkurrieren um das Präsidentenamt und zeigen Frankreichs widersprüchliche Gesichter.
Paris
Frankreich hat schon allerhand Präsidentenabgänge erlebt: Felix Fauré wurde tot in den Armen seiner Geliebten gefunden, Charles de Gaulle trat wegen eines verlorenen Referendums über Nacht zurück, Georges Pompidou starb in voller Amtsausübung, und Mitterrand musste sich mehrfach gegen seine eigenen Premierminister schlagen, bis er aus Krankheitsgründen schließlich aufgab. Bei Jacques Chirac deutet sich eine neue Dramaturgie des Rückzugs an. Knapp zwei Jahre vor den Präsidentschaftswahlen 2007 schickt er seine beiden besten Leute in den Kampf um seine Nachfolge: Premier Dominique de Villepin und Innenminister Nicolas Sarkozy.
Das haben die Franzosen noch nicht erlebt: dass die Konkurrenz um das oberste Staatsamt, für das derzeit vom Rechtsradikalen Le Pen bis hin zum anarchischen Bauernführer José Bové Kandidaturen angekündigt werden, auch unter den zwei höchsten Ministern einer Regierung ausgetragen wird. Doch es ist nicht Cäsarismus, der Chirac diesen Gladiatorenkampf zwischen de Villepin und Sarkozy einläuten ließ. Dieses Duell ist Chiracs letztes Gefecht. Der Präsident weiß, dass seine gesamte zwölfjährige Amtszeit am Erfolg seines loyalen Ziehsohns de Villepin gemessen werden wird.
Chiracs Verhältnis zu dem Energiebündel Sarkozy, der gern verkündet, nicht nur bei der Morgenrasur an das Präsidentenamt zu denken, ist hoffnungslos zerrüttet. Seine Bewunderung für den ehemaligen Schützling Sarkozy, dessen politisches Ausnahmetalent ihn einst in den Chirac-Clan und sogar als Trauzeuge an die Seite von Chiracs Tochter Claude geführt hatte, ist längst gegenseitiger Verachtung gewichen. Sarkozys Skalp, soll Chirac gesagt haben, werde er sich auch noch an den Gürtel binden. »Das Schlimmste kommt noch«, warnt bereits ein neues Buch über Premier de Villepin und seinen Herausforderer Sarkozy. »Wir werden Blut an den Wänden sehen.«
Die französische Lust, Politik auch als Spektakel erleben zu wollen, wird mit solchen Aussichten reichlich bedient. Noch aber scheuen die Rivalen die offene Auseinandersetzung und unterhalten vorerst lieber die Öffentlichkeit. Entgegen der in Deutschland verbreiteten Befürchtung lähmt der verfrühte Wahlkampf aber nicht die Regierungsgeschäfte, sondern führt tatsächlich zu einer allgemeinen Belebung, die bis in weite Teile der Bevölkerung hineinreicht. Das zeigt sich nicht nur am Wiederaufflammen der Nationalstreiks. Ausgerechnet in Frankreich, das zumal im Ausland als blockierte Gesellschaft gilt, ist ein regierungsinterner Wettlauf der Reformprojekte entbrannt, bei dem die Nummer eins und Nummer zwei des Kabinetts einander die Initiative abjagen. Im besten Fall könnte das viel geschmähte fin de règne von Chirac durch den Diadochenkampf noch ein produktives Reformlabor hervorbringen.
In Details stimmen die Rivalen überein, im Großen jedoch knallt es umso heftiger. Fast schon im Wochenrhythmus preschen Villepin und Sarkozy mit Liberalisierungsattacken gegen das einbetonierte Wirtschafts- und Sozialrecht vor. Doch in Fragen der Umsetzung entzweien sie sich und geraten völlig auseinander, wenn es um die Neubestimmung von Frankreichs Selbstbild und Außenwirkung geht. So ist das Gespann de Villepin/Sarkozy das Abbild der tiefen Widersprüchlichkeit Frankreichs: ein Kampf zwischen den deux France, zwei Gesichtern eines Landes, der weit subtiler ist als die traditionelle Spaltung zwischen unten und oben, Arm und Reich.
Es handelt sich um die Entzweiung von Republik und Nation, Staatsmacht und Bürgerwille, die vor allem die französische Rechte seit 1789 in zwei Lager teilt: in die antirevolutionäre Restauration und den national-autoritären Umsturz. Den Gegensatz der beiden Rivalen brachte Libération jüngst auf eine Formel, zu deren Verständnis man allerdings ein Geschichtsdiplom braucht. De Villepin stehe in der konservativ-liberalen Linie der Orleans-Bürgerkönige bis hin zu Giscard und Balladur, während Sarkozy den radikal-diktatorischen Bonapartismus von de Gaulle bis Chirac verkörpere.
- Datum 14.09.2006 - 04:54 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 20.10.2005 Nr.43
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