Runde Geburtstage sind bekanntlich kleine Jubiläen. Allerdings meistens nur für die davon Betroffenen. Haben wir Anlass, darüber mitzujubilieren, dass am 18. Oktober Papst Pius II. 600 Jahre alt wurde? Mitzujubilieren? Ob mit ihm, hängt wohl davon ab, wo man ihn wähnt. Ganz gewiss aber können wir mit der römischen Kirche und einem guten Teil der Intellektuellen Italiens jubilieren. Denn Pius II. war im bürgerlichen Leben ein Intellektueller: Humanist, pointiert witziger Kirchenkritiker, wendiger Diplomat und Verfasser eines erotischen Romans sowie einer Bordellkomödie.

Bei ihm findet sich etwa der hübsche Gedanke, die Ehelosigkeit des Klerus sei ein hohes Gut, da sie Sex ermöglicht, ohne dass man die Dame behalten muss.

In diesem also recht diesseitigen Leben trug Pius den Namen Enea Silvio Piccolomini und war am 18. Oktober 1405 in Corsigano bei Siena geboren worden, einem Dorf, das er als Papst in das urbane Renaissancemodell Pienza verwandeln sollte.

Seitdem wir Papst sind, interessiert uns bekanntlich alles, was mit der römischen Kirche zusammenhängt. Und dass unser Papst im bürgerlichen Leben als Universitätsprofessor und sogar noch als Kardinal ein Intellektueller gewesen ist, bezweifeln nicht einmal Protestanten und Agnostiker. Damit wäre allerdings schon Schluss mit der Parallele. Denn weder ist bekannt, dass Professor Ratzinger Komödien geschrieben noch dass er sich süffisant über den Zölibat geäußert habe. Und als Kirchenkritiker ist er schon gar nicht in Erscheinung getreten. Und dennoch verbindet die beiden Päpste mehr als nur das gemeinsame Amt oder der gewiss nicht unproblematische Ruf, als Intellektuelle zu gelten.

Dafür lohnt sich ein kurzer schärferer Blick auf den 600-jährigen Jubilar.

Wie alle Humanisten war er philosophisch interessiert, hatte die erste vollständige Ausgabe des Thukydides entdeckt, liebte sprachliche Überraschungen und Pointen, literarische Fehden und rhetorische Duelle. So zog ihn nicht nur der Brotdienst zum Konzil von Basel, dem er zehn Jahre mit Unterbrechungen in verschiedenen Rollen und Ämtern diente (1432 bis 1442).

Denn in Basel war damals für einen geschichtlichen Augenblick so gut wie alle Kritik an den Autoritäten der Zeit versammelt: an der Geltung von Tradition und Gewohnheit, von Affirmation und Machtwort und last but not least am Primat des Papsttums in Glaubensfragen und gegenüber den Ämtern der universellen Kirche. Piccolominis Lust an geschliffener Argumentation und freudigem Zweifel an allem scheinbar Gottgegebenen fand hier ein reiches Feld. Bald war er die papstkritischste Stimme des Konzils.