Jetzt ist der Nemez dran, der Deutsche. Das Wort wird ... Der Junge hinter dem Mikrofon schaut noch einmal mit großen Augen in seine Mappe, holt tief Luft und liest ab: Das Wort wird Markus Schute erteilt. Und schon während der Deutsche, der eigentlich Markus Schütte heißt, zur Treppe geht, die an diesem sonnigen ersten Schultag als Podium dient, werden die 330 ukrainischen Kinder so still, dass sowohl der Ortsvorsteher von Pidloszi als auch der Beamte im grünen Anzug, der aus der Kreisstadt Mliniv angereist kam, auf so viel Achtung neidisch werden müssten. Nervös, aber in gutem Ukrainisch sagt Markus Schütte: Ich gratuliere euch zum Tag des Wissens.

Markus Schütte, der 29 ist, aus Halle im Weserbergland kommt und Direktor der HaWeStir GmbH nach dem ukrainischen Recht ist. Ha steht für Havel, We für Weser, und Stir ist der Fluss, der im Nordwesten der Ukraine fließt. Die HaWeStir GmbH hat der Schule 1500 Hryvna gespendet, etwa 250 Euro. Der Scheck steckt in einem weißen Umschlag, den Schütte dem Schuldirektor Dmitrij Ewgenjewitsch überreichen wird. Und obwohl er sich vor weniger als zwei Jahren als Landwirt in Pidloszi niedergelassen hat und seine erste Ernte noch nicht einmal vollständig im 1100 Quadratmeter großen Speicher lagert, ist Markus Schütte der einzige Unternehmer aus dem Dorf, der an diesem wichtigen Tag vor den Kindern steht. Die anderen beiden großen Betriebe haben es nicht für nötig gehalten, die Schule zu unterstützen.

Es ist auch kein Zeitungsfotograf da, um den Moment festzuhalten, in dem der Deutsche mit seiner kurzen Ansprache auf Ukrainisch manche Mütter, die ihre feierlich angezogenen Kinder in die Schule gebracht haben, zu Tränen rührt.

Einst gab es in Pidloszi sogar eine eigene Zeitung, doch die Zeiten sind längst vorbei, und für die Journalisten aus Luzk, Lemberg oder gar der Hauptstadt Kiew unterscheidet sich das Dorf nicht von tausend anderen in ihrem großen Land. Knapp 400 Menschen, auf deren Existenz nicht einmal ein Ortsschild hinweist, leben in Pidloszi. Die Wegbeschreibung lautet in etwa: Auf der Landstraße nach Luzk am gelben Soldatendenkmal nach rechts abbiegen, nach 20 Kilometern links abfahren und sieben Kilometer später fragen, wo die Deutschen wohnen.

Die Deutschen wohnen im ersten Haus gleich hinter der Kreuzung, gegenüber der Ruine, die zu Sowjetzeiten der Palast der Kultur war. Die Miete für das Haus betrug im vergangenen Jahr Gas legen, denn es gab bis dahin noch keine Heizung - die Vermieterin konnte sie sich nicht leisten. Die Deutschen sind gespannt, was sich Swetlana, die in der 25 Kilometer entfernten Stadt Luzk lebt, in diesem Jahr einfallen lässt. Doch solange die Lehmhütte, die sich die Schüttes für 300 Euro samt Grundstück vier Häuser weiter gekauft haben, noch nicht renoviert ist, stört sie die unkonventionelle Zahlungsart nicht.

Die 70-jährige Nachbarin wundert sich über den Chef in Shorts und T-Shirt

Überhaupt müssen sie in der Ukraine viel improvisieren. Die Deutschen, das sind neben Markus Schütte seine Frau Leveke und die Tochter Lotte, die vor drei Monaten zur Welt kam - in Deutschland. Auf das ukrainische Gesundheitswesen wollte sich die 29-jährige Mutter noch nicht verlassen. Zwei Monate nach der Geburt kehrte Leveke aber nach Pidloszi, das so viel wie Unter den Weiden bedeutet, zurück. Jetzt wickelt sie ihr Baby in Stoffwindeln, weil es in Pidloszi keine Müllabfuhr gibt. Die schmutzige Wäsche bringt sie in eine Wäscherei nach Luzk. Fließend Wasser gibt es im Haus auch nicht. Deshalb muss Leveke, die im niedersächsischen Polle aufwuchs, das Wasser aus dem Brunnen holen und auf dem Herd warm machen, wenn sie Geschirr spülen, duschen oder ihre Tochter baden will. Gas gibt es ja mittlerweile. Aber keine Kanalisation, nur ein Plumpsklo hinter dem Gänsestall. Das Einzige, was das Haus der Deutschen von allen anderen im Dorf unterscheidet, ist die Hollywood-Schaukel, die Markus' Eltern den beiden zur Hochzeit vor drei Monaten geschenkt haben.