Mit Befremden und mit Zustimmung habe ich den Artikel gelesen. Ich frage mich, ob die Darstellung einer durchgängig xenophoben österreichischen Mentalität zulässig ist. Wenn der Autor meint, Haiders FPÖ (die nach einer abstrusen Spaltung in Bedeutungslosigkeit versinkt) sei schürende Kraft der Fremdenfeindlichkeit gewesen, so liegt er falsch.

Denn: Haiders FPÖ gewann nur so viel Zustimmung, weil er sich die schon vorhandene Ablehnung gegenüber fremden Kulturen (ein Resultat der österreichischen Gemütlichkeit, hier treffender Faulheit genannt) zunutze machte. Haider ist viel, nur kein Nazi. Er spielt mit der österreichischen Mentalität politisches Schach - ebenso wie Schüssel zwanghaft versucht, die österreichische Bedeutungslosigkeit durch gelegentliche Vetos zu kompensieren.

Zudem bin ich der Meinung, dass die österreichische Haltung zu einem offenen Verhandlungsausgang die einzige war, die unter all den Freundlichkeit heuchelnden Parolen der anderen EU-Ländern eine ehrliche war. Aber natürlich sehe ich, dass der eigentliche Grund für die österreichische Blockade der Wunsch eines kroatischen EU-Beitritts war, der nun doch auf mehr als obskure Weise (Stichwort Carla del Ponte) zustande kam - Schüssels Taktik ist also aufgegangen. Und genau das ist die österreichische Mentalität (naturgemäß als Stereotyp) wirklich: diplomatisch (mit erstaunlich biegsamem Rückgrat) und gemütlich (bis hin zu lethargischem Konservativismus).

PHILIPP MARKUS SCHÖRKHUBER, PER E-MAIL

Ich mag Bundeskanzler Schüssel nicht. Ich mag nicht seinen verblassten, nur noch scheinbaren christlich-sozialen Hintergrund, nicht seinen rücksichtslosen, neoliberalen Vordergrund, nicht sein selbstgerechtes Schweigen zu Sorgen der Bevölkerung, nicht sein Taktieren zum eigenen Vorteil. In der schwachen Gegenwartsgeneration österreichischer Politiker ist er aber einer der besten.

Dass ich einmal stolz auf ihn sein könnte, hätte ich mir nicht träumen lassen. Das ist kein Widerspruch, sondern die ehrliche Bewunderung für die mutige Haltung in der Frage der Beitrittsverhandlungen der EU mit der Türkei.

Selbst wenn er damit in der elitären Führungsriege der EU allein bleiben sollte, hat er sich schon einen historischen Ehrenplatz bei der Bevölkerung des alten Europa verdient. Sein Beispiel wird nicht ohne Folgen für jene Politiker bleiben, die abseits der Ansichten, der Stimmung und der Interessen der europäischen Bürger stur die von den USA propagierten geostrategischen, militärischen und wirtschaftlichen Bestrebungen einer Oberschicht vertreten.