Wer einen geeigneten Ort sucht, um über Europas Zukunft nachzudenken, der sollte den Gang über den Bund, Shanghais berühmte Uferpromenade, wagen und von dort seinen Blick über die einzigartige Skyline dieser Stadt schweifen lassen. Shanghai und seine futuristische Architektur sind nicht nur Sinnbild für die architektonische Erneuerung einer alten Kultur- und Handelsmetropole, sie verkörpern auch die ungeheure wirtschaftliche und gesellschaftliche Dynamik, die China und darüber hinaus ganz Asien erfasst hat.

Diese atemberaubende Dynamik sollte uns Europäer nachdenklich stimmen. Die aufkommende Wirtschaftsmacht Asiens ist gegen niemanden gerichtet, einer Exportnation wie der unseren bietet sie im Gegenteil Chancen, die wir wahrzunehmen wissen; und doch spüren wir: Hier sind Kräfte am Werk, die tief in unser Leben eingreifen werden. Die weltweite Balance unserer Gesellschaften droht erschüttert zu werden.

Wir sind Zeugen wirtschaftlicher, technologischer und sozialer Entwicklungen, die – tektonischen Verschiebungen gleich – die Ordnung der Welt, wie sie uns vertraut ist, neu ausrichten werden. Die Wirklichkeit, in der unsere Kinder einmal leben werden, nimmt Gestalt an. Sie ist gekennzeichnet durch einen scharfen internationalen Wettbewerb um Märkte, Ressourcen und neue Technologien, der es den europäischen Hochlohnländern immer schwerer macht, die Finanzierung ihrer sozialen Sicherungssysteme zu gewährleisten. Dies gilt umso mehr angesichts der demografischen Entwicklung. Die europäischen Gesellschaften befinden sich in einem dramatischen Alterungs- und Schrumpfungsprozess. In weniger als einem Jahrzehnt werden zum Beispiel in ganz Skandinavien weniger Menschen leben als in Shanghai.

Europa braucht Wettbewerb – aber kein Sozialdumping