Hochherrschaftlicher lässt sich der Start für eine Wanderung kaum denken: Bad Brückenau, das Königsbad Ludwigs I. von Bayern, ist ein prächtiges Ensemble von Villen, Gärten und Palais. Logiert man in einem der Appartements der Villa Schwan, die als Ferienwohnungen vermietet werden, sorgt der Blick vom Balkon für festliche Vorwanderfreude: Er fällt auf das in der Nacht beleuchtete Areal, hinter dem sich dunkel die Hügel der Rhön erheben. Kein Wunder, dass sich Ludwig I. hier öfter mit seiner Geliebten Lola Montez traf – Bad Brückenau ist ein architektonisches Aphrodisiakum. Am Morgen des Aufbruchs liegt der Kurpark nebelverschleiert da. Auf geht’s: vorbei am Heilquellenausschank und an Senioren im Mineralwasserrausch auf dem Rhön-Höhen-Weg in Richtung Norden.

Die Rhön erhebt sich mitten in Deutschland, die Wasserkuppe (950 Meter) ist der höchste Berg dieses Mittelgebirges. Man erreicht es von allen Seiten gut, und doch ist es für viele Terra incognita. Könnte das nicht die ideale Gegend sein, um dem Alltag für drei herbsthimmelblaue Tage zu entkommen? Der Rhön-Höhen-Weg führt über 137 Kilometer von Burgsinn in Bayern durch Hessen bis ins thüringische Bad Salzungen. Man kann jedoch an jeder Stelle einsteigen, zudem sind zahlreiche Varianten und Kombinationen mit anderen Wanderwegen möglich.

Zunächst geht es stetig bergauf, um den gut 900 Meter hohen Rücken der Rhön zu erklimmen. Über lange Passagen führt der Weg durch Waldgebiete, mal durch herrlich bunten Laubwald, mal durch finsteren Tann. Leider sieht man in den Wäldern kaum Tiere, dafür einen Hochsitz nach dem anderen: Da würde man sich als Tier auch nicht mehr blicken lassen, wenn man jeden Moment abgeknallt werden könnte!

An der Kissinger Hütte staunt man zum ersten Mal über die Weite, mit der sich der Blick über die Hochrhön öffnet. Von nun an läuft der Wanderer über windige Höhen und überschaut Hochmoore mit ihren Schattierungen von Blassbeige bis Dunkelbraun. Helle Karpatenbirken säumen kleine Seen, in denen lichtes Schilfgras raschelt. Bunte Vögel tschilpen, Mäuse huschen in Kolonnen durchs Gras. Ein Greifvogel steht in der Luft, rüttelt mit den Flügeln, sinkt ein Stück herab, um sich dann auf eine Maus zu stürzen und mit ihr in den Krallen davonzufliegen. Es gibt Momente der schönsten Einsamkeit, wenn etwa am Gipfelkreuz des Himmeldunkbergs vorbei Heißluftballons auf den Sonnenuntergang zutreiben und die Hügelketten, die hinter einem liegen, vom Dämmerlicht weichgezeichnet werden.

Spätestens am nächsten Wandertag wird einem klar, dass man sich in der Rhön weniger durch unberührte Natur als vielmehr durch eine touristisch aufbereitete Landschaft bewegt. Der Weg führt zwar mitten durch die Schutzzone des Biosphärenreservats der Unesco, das allerlei seltene Pflanzen und Tiere beherbergt. Doch immer, wenn man lange an Kühen und schwarzköpfigen Rhönschafen vorbei über Weideflächen gelaufen ist und meint, zu einem entlegenen Ort vorgedrungen zu sein, ist ein Wanderparkplatz nicht weit. Die meisten, die hier parken, sind Tagesausflügler. Auch die so genannten Berghütten sind bequem mit dem Auto zu erreichen. Man merkt also, dass in Deutschland der Begriff Natur vor allem den Abstand zwischen zwei Zufahrtsstraßen bezeichnet.

Ebenso fällt im bayerischen und hessischen Teil der Rhön der gnadenlose Funktionalismus ins Auge, der vor keinem Hügel Halt macht: Jede größere Erhebung ist kolonisiert, sei es durch Skilifte, Ausflugslokale oder riesige Sendemasten. Aber kneift man die Augen zu Schlitzen zusammen und blickt über die im Tertiär von Vulkanen geformte Landschaft, kann man sich vorstellen, wie es einst hier aussah: Da, die Schönwetterwolke über dem Hügel wird zur Rauchfahne über einem aktiven Vulkan, und die Segelflieger, die um die Wasserkuppe kreisen, werden zu Flugsauriern.

Bei Frankenheim, kurz hinter der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze zwischen Hessen und Thüringen, weicht der Eindruck flächendeckender Kolonisation einer Freizeitlandschaft entspannter Beschaulichkeit. Sogar die Hügel wellen sich sanfter. Man begegnet kaum noch Wandergruppen in Gore-Tex-Jacken, sondern nur noch vereinzelten Spaziergängern mit Hunden. Selbst der Hase fühlt sich hier ungestört: Erst ist er nur ein brauner Fleck auf dem Weg, der auf Kollisionskurs heranrast, im letzten Moment schlägt er einen Haken und schießt mit angelegten Ohren vorbei.