Argument Wer bremst Edmund Stoiber?
Der Wirtschaftsminister in spe greift sich große Teile der Forschungspolitik – ohne sachlichen Grund
Die Bundesrepublik hat ein hohes Ziel, von dem sie noch meilenweit entfernt ist. Sie hat sich zusammen mit ihren europäischen Partnern verpflichtet, alles dafür zu tun, dass bis zum Jahr 2010 die Ausgaben für Forschung und Entwicklung in Deutschland auf zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen. Staat und Wirtschaft sollen das gemeinsam schaffen. Doch die Forschungsausgaben der Wirtschaft stagnieren, die der öffentlichen Hand sinken. Von Platz drei im internationalen Vergleich ist Deutschland seit 1991 auf Platz acht zurückgefallen. Viel zu tun also für den nächsten Forschungsminister.
Alles läuft darauf hinaus, dass der CSU-Chef Edmund Stoiber seiner künftigen Kabinettskollegin Annette Schavan so viele Kompetenzen – und den entsprechenden Anteil ihres Budgets – abnimmt, dass die ihren Titel als Forschungs- und Bildungsministerin eigentlich nur noch zur Hälfte verdient. Auch wenn Schavan sagt, es gehe nicht um »milliardenschwere Beträge und Ressorts«, wird sie doch mehrere Abteilungen ihres Hauses und mit ihnen bis zu einem Viertel des Etats an das Ministerium für Wirtschaft abgeben müssen, wo Technologiepolitik bisher keine zentrale Rolle spielte. So wird wohl Edmund Stoiber, auch wenn er den Titel nicht trägt, zum eigentlichen Forschungsminister der nächsten Regierung.
Ist das sinnvoll? Eine erste Antwort heißt: In welchem Ressort die Bundesregierung Forschung und Innovation ansiedelt, ist nicht entscheidend für die Politik. Fast jedes Nachbarland der Deutschen macht das anders. Österreich hat im Ministerium für Verkehr, Innovation und Technologie die Infrastruktur mit der Forschung zusammengebunden; in Frankreich ist das Ministerium für Jugend, Erziehung und Forschung zuständig. In beiden Ländern ist allerdings eines eindeutig geregelt: die Zuständigkeit.
Das führt zur zweiten Antwort: Um Deutschland für die Zukunft zu rüsten, ist nicht eine Zersplitterung der Kompetenzen gefragt, sondern ihre Konzentration. Diesem Postulat werden die ersten Koalitionsabsprachen nicht gerecht. Es gibt keine rationale Begründung dafür, dass das bisherige Forschungsministerium geschwächt wird und sich das (mit Forschungskompetenz bisher knapp ausgestattete) Wirtschaftsministerium entsprechend bereichert. Dass persönlicher Machtdrang den Ausschlag bei der Aufgabenverteilung gibt und nicht die Zweckmäßigkeit, ist ein schwerwiegender Konstruktionsfehler. Die Logik spricht klar für die Bündelung der Zukunftsaufgaben im Hause Schavan.
Drittens schließlich: Es ist nicht sinnvoll, eine Aufteilung entlang der Trennlinie zwischen Grundlagenforschung und angewandter Forschung vorzunehmen. Diese Unterscheidung, auch jetzt von Stoiber genannt, gilt bei Wissenschaftsmanagern zunehmend als »alte Denke«. Ihre Begründung: Oft ist die Zuordnung eines Forschungsprojektes zu einer der beiden Kategorien falsch, weil beim Start nicht zu erkennen ist, was daraus wird. Diesen Freiraum darf der Staat nicht einschränken. Darüber hinaus wird, da Forschungspolitik immer stärker im europäischen Kontext zu sehen ist, die Vertretung der deutschen Interessen gegenüber der EU-Kommission nicht gerade gestärkt, wenn zwei Ressortchefs sich dabei Konkurrenz machen.
Bleibt das Argument, Forschung und ihre Umsetzung in Innovationen fänden primär in Unternehmen statt. Das mag richtig sein, sagt aber nichts darüber aus, ob eine Zuweisung der entsprechenden Kompetenzen zum Wirtschaftsministerium obligatorisch ist. Wohl aber über dessen eigentliche Aufgabe: Es muss für Rahmenbedingungen sorgen, in denen Innovationen gedeihen können.
Dies ist das zentrale Spielfeld, auf dem sich Stoiber als Wirtschaftsminister mit Forschungskompetenz bewähren muss. Seine Aufgaben reichen vom Abbau bürokratischer Regeln über wettbewerbsgerechte Unternehmensteuern bis zu moderner Infrastruktur, günstiger Energieversorgung und zukunftsorientierter Ausbildung des Nachwuchses. Sind diese Voraussetzungen nicht erfüllt, werden die Innovationen nicht gedeihen, egal wie viel Geld ein noch so ehrgeiziger Minister bereit stellt.
- Datum 27.10.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 27.10.2005 Nr.44
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Das Abgreifen der besagten Abteilungen aus dem Forschungsministerium hat nur einen Zweck: die Eitelkeit des Herr Stoiber zu befriedigen. Das hat dieser Artikel gut herausgestellt. Und in der Tat, gibt es niemanden - wohl auch nicht in der CSU -, der mit sachlichen Argumenten untermauert dafür argumentieren kann. Warum ist in der Union trotzdem niemand bereit und in der Lange, dem eitlen Geck in die Parade zu fahren? Eine jämmerliche Vorstellung! Oder liegt es daran, dass man in München recht froh ist, den Stoiber los zu sein?
Ein guter Artikel mit guten Argumenten für einen Verbleib der Kompetenzen im BMBW. Was mich nachdenklich macht ist die Tatsache, dass das erwartete Machtwort der designierten Kanzlerin, die ja schon mal als 'Physikerin der Macht' bezeichnet wurde, ausblieb. Es wäre ja eine gute Gelegenheit gewesen Ede endlich mal in seine Schranken zu verweisen und auf Normalmaß zurückzustutzen. Es wird ja langsam unerträglich, wie er bei jedem öffentlichen Auftritt von Angie daneben steht und sie mit Oberlehrerblick bewacht, dass sie nur nichts sagt, was von ihm nicht autorisiert ist (geht er eigentlich auch mit ihr aufs Damenklo um zu verhindern, dass sie dort vielleicht mit Reporterinnen plaudert?). Das Risiko ist ja mittlerweile gering: würde Ede grollend in München bleiben, würde es eben ohne ihn gehen, denn CDU und SPD haben ja auch ohne die CSU eine satte Mehrheit. Gleichzeitig würde die einmal losgetretene Debatte um seine Nachfolge nicht mehr so leicht zu stoppen sein und er hätte im eignen Haus genug Beschäftigung um nicht allzu sehr in Berlin zu stören. Würde er trotz verweigerter Wissenschafts-Kompetenzen am Kabinettstisch Platz nehmen, wäre er erstmal eine 'lahme Ente' und müsste sich durch fachliche Erfolge wieder nach vorne spielen. Also Angie, wir erwarten Richtlinienkompetenz! Der Wissenschaft in Deutschland würde es gut tun...
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