Weil Wesleys Mutter im Kindergarten nicht den Vers "Danke dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich" aus der Bibel ihres Sohnes vorlesen durfte, reichte sie im Mai dieses Jahres eine Klage beim Gericht ein. Nicht allein gegen den Kindergarten, sondern gegen den gesamten Marple-Newtown-Schulbezirk im US-Bundesstaat Pennsylvania mit 3500 Schülern und sechs Schulen. Zwar herrscht in den USA eine strikte Trennung von Kirche und Staat, und weder in Schulen noch Kindergärten ist Religionsausübung erlaubt, doch das schreckt die überzeugte Christin nicht ab. Gemeinsam mit dem Rutherford Institute, einer christlich-konservativen Lobbyistenfirma, die sie vor Gericht vertritt, geht sie nun gegen dieses Trennungsprinzip vor.

Der Fall ist einer von vielen. In rund einem Dutzend US-Bundesstaaten müssen sich amerikanische Schulen gegen Klagen von Eltern zur Wehr setzen, bei denen es nicht um Fächer wie Algebra oder Erdkunde geht, sondern um die Behandlung so genannter hot button issues, heißer Themen wie Sex und Religion, Abtreibung, die Rechte für Homosexuelle oder ethnische Minderheiten. Lobbyisten verschiedener ideologischer Prägung haben Kindergärten und Schulen zum Kriegsschauplatz erkoren.

Bereits vor zwei Jahren machte die Schulhistorikerin und Erzieherin Diana Ravitch auf das Thema aufmerksam, als sie in einem Buch enthüllte, dass bestimmte Wörter in amerikanischen Schulbüchern nicht mehr vorkommen, weil Kritiker unterschiedlicher politischer Couleur sie für politisch anstößig hielten. Auf dem Index stand etwa das Wort "Cowboy", weil es sich dem Verdacht aussetzte, sexistische Inhalte zu transportieren. Auch der Begriff "primitiv" geriet in Verruf; er könnte Eskimos oder Indianer beleidigen. Auch "Kult" als vermeintliches Reizwort für fundamentalistische Christen und "Yacht" als angebliche Demütigung für Kinder armer Leute waren unerwünscht. Rund 500 solcher Beispiele hat Ravitch in The Language Police ("Die Sprachpolizei") zusammengetragen.

Doch nicht nur Wörter oder Begriffe, sondern auch Märchen, Fabeln und literarische Klassiker geraten unter das Fallbeil der politisch korrekten Zensoren. Mark Twains Huckleberry Finn zum Beispiel, weil der Autor dort für einen der Protagonis-ten, den entlaufenen Sklaven Jim, das zu seiner Zeit gebräuchliche Wort "Nigger" benutzt. Heute gilt "Nigger" als übelstes Schimpfwort, und mit ihm soll zugleich die ganze Episode von Jims und Hucks Floßfahrt über den Mississippi aus allen US-Schulbüchern getilgt werden. Harry Potter droht derzeit ein ähnliches Schicksal, wenn auch aus anderen Gründen: Er darf seine Erfolge wegen Hexerei nur außerhalb des Unterrichts feiern.

Die Ideologen zweier ganz unterschiedlicher Richtungen ringen um die ideelle Hoheit über die rund 90000 staatlichen Schulen. Auf der einen Seite politisch korrekte Liberale, die hinter jedem zweiten Satz in einem Schulbuchtext die Diskriminierung von Randgruppen und Minderheiten wähnen. Auf der anderen ultrakonservative Christen, die ihre Weltanschauung direkt aus der Bibel beziehen und meinen, die Erde sei vor rund 6000 Jahren geschaffen worden. Zwischen diesen Polen fällt Lehrern und Schulleitern die Verteidigung des Klassenraums als weltanschaulich neutralem Ort des vorurteilsfreien Lernens immer schwerer. Joan Delfattore, Professorin für Erziehung an der Universität Maryland, rät zukünftigen Lehrern gar zum Kauf einer Versicherungspolice. Wie Chirurgen, die sich gegen den Vorwurf eines Kunstfehlers verteidigen müssen, sollten sich Lehrer gegen den Vorwurf absichern, den falschen Text oder Ton gewählt zu haben.