Custer State Park in South Dakota. Ein Morgen wie vor einer Schlacht. Schwache Röte am Himmel, ein kalter Wind striegelt die Prärie. Etwas Gewaltiges wird kommen, Erdbeben, Lawine und Wirbelsturm zugleich: eine Bisonstampede. Im Custer State Park leben wieder über tausend Bisons BILD

7.00 Eine Hand voll berittener Kundschafter soll die Herde aufspüren. Während sie nach Süden zu verschwinden, rücken von Norden her Autokolonnen an. Den Nummernschildern nach viele Einheimische, aber auch Schaulustige von weit her bis aus Michigan und Kalifornien.

Der Park liegt an der Ostflanke der Black Hills, einer 2200 Meter hohen Felseninsel im goldgelben Meer der Prärie. Man könnte ihn als eine Serengeti im Kleinformat bezeichnen, hätten Raubtiere nicht Hausverbot. Es handelt sich um einen vegetarischen Park, dominiert von Antilopen, Bighornschafen, Wapiti- und Maultierhirschen und eben Bisons, hier salopp buffalos genannt. Jedes Jahr im Oktober werden sie zusammengetrieben, gebrandmarkt und geimpft, einige hundert anschließend verkauft. Früher nur notwendige Hegemaßnahme, hat sich das buffalo roundup in den letzten Jahren zum Volksfest entwickelt, und zum Beschwörungsritual dazu, einer Art Anrufung des "Großen Büffels". Denn ob die Herde nun 1200 oder 1400 Tiere zählt, jedenfalls sind es mehr, als es vor hundert Jahren auf der ganzen Welt gab. Es fehlte nicht viel, und wir hätten Bisons nur noch als ausgestopfte Urviecher im Museum kennen gelernt.

7.45 Neuntausend Zuschauer nehmen entlang den Zäunen und auf den Hügelkämmen Aufstellung. Ins Hauptquartier bei den Korralen dürfen nur Park-Ranger und geladene Gäste. Davon gibt es mehrere hundert, der Gouverneur persönlich hat sie eingeladen. South Dakota nutzt die Bisonhatz zur Selbstdarstellung.

Gerade die Südwestecke bietet auf kleinem Raum ein Amerika wie aus dem Time Life- Bilderbuch. Keine hundert Kilometer liegen zwischen den Black Hills mit ihren Felsbastionen und stillen Bergseen und dem Badlands-Nationalpark, einem wüstenhaften Erosionsgebiet von surrealem Zauber. Entlang einem riesigen Abbruch haben Wasser, Wind und Frost dort fantastische Sandskulpturen modelliert, von knochenbleich bis roastbeefrot. In diesem Gebiet finden sich einige der längsten Höhlen der Welt, hier steigt das größte Biker-Treffen der Staaten, und hier gibt es das einzige Silo für Atomraketen, das Touristen offen steht. Den Ureinwohnern galten die Black Hills als heilig, und etwas davon muss sich auf die weißen Amerikaner übertragen haben. Sonst wären sie kaum darauf verfallen, am Mount Rushmore vier ihrer Präsidenten in den Granit zu meißeln.

7.55 Die Kundschafter haben die Herde aufgestöbert. Die Tiere ahnen wohl, was ihnen droht. Schon seit Tagen haben Treiber sie nach Südosten gedrängt. Nun kommt es zum Showdown. Generalstabsmäßig erläutert der leitende Ranger den Schlachtplan: Stoßtrupps, Flankensicherung, Zangenbewegung, Nachhut. Die Kavallerie besteht aus 60 erfahrenen Ranchern und Pferdeleuten, darunter die Rodeo-Queen vom letzten Jahr. Eine Armada geländegängiger Pick-ups wird sie unterstützen. Niemals den Gegner unterschätzen, schärft der Ranger ihnen ein. Bisons sind keine Haustiere. Sie sind wendiger als jedes Pferd und flinker als jeder Jeep. Notfalls springen sie über die Kühlerhaube.