Ärzteprotest Sklaven in Weiß

Junge Krankenhausärzte gehen auf die Straße. Sie wehren sich gegen Dauereinsätze zum Billiglohn. Eine Visite in Deutschlands bekanntester Klinik, der Berliner Charité

Charité heißt Nächstenliebe. Vom lateinischen aus einer Zeit, als es in Preußen schick war, französisch zu sprechen. Ein großes Wort – passt es noch, fragt man sich, wenn man die riesige, aus drei Universitätskliniken im Osten und Westen Berlins bestehende Heilfabrik mit dem Namen Charité betritt.

Denn das hier ist kein Krankenhaus, das gemütliche Wort »Haus« wäre irreführend. Es ist ein eigenes Viertel. Ein Krankenviertel mit wuchtigem gründerzeitlichem Tor, eigenen Straßen, Straßennamen, Taxiständen; der baulich und technisch modernste der drei Charité-Standorte – das Rudolf-Virchow-Klinikum im alten Arbeiterbezirk Wedding. Seine Haupt- und Prachtstraße ist die breite Mittelallee, an ihr liegen Fachkliniken links und rechts. Herz. Inneres. Frauen.

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Hier wandeln sie auf und ab: eben operierte, herzkatheterte, bestrahlte, nicht selten trotzdem Zigaretten qualmende Männer in Frotteemänteln, ihre Infusionsgalgen auf wackligen Räderchen vor sich herschiebend, von denen Schläuche hängen, an denen zurzeit ihr Leben hängt. Frauen wandeln natürlich auch, alte und junge, gepiercte und damenhafte, sonnenbankbraune und bleiche Verschleierte in fußlangen, grauen Umhängen.

Mittelallee 4 – die Chirurgie. Durchs Foyer, dort der Quergang zur Cafeteria, es riecht nach Sterilisationsseife und Pommes, nach Arznei und Angst, und irgendwo schreit gotterbärmlich ein Kind, dessen Augen verbunden sind. Sein Vater hastet vorbei, er trägt es im Arm.

Weiter. In den Operationssaal, wo sich ein Arzt gerade die grüne OP-Montur zubinden und das Skalpell reichen lässt. Ein junger Mann, schlank, mittelgroß, offenes Gesicht, konzentriert, dabei leger, das Haar trägt er etwas länger als seine Kollegen – sähe man ihn auf der Straße, man hielte ihn vielleicht für einen Musiker.

Jetzt ist er so weit. Es kann losgehen. Bevor er sich dem entblößten Anus des anästhesierten Mannes zuwendet, der reglos mit angewinkelten Beinen auf dem OP-Tisch liegt, sagt Dr. Olaf Guckelberger, und kein Milligramm Ironie ist darin: »Das hier, das ist jetzt wirklich einmal freudvolle Chirurgie.« Der Mann auf dem Tisch ist HIV-positiv. Außerdem hat er eine infektiöse Gelbsucht. Außerdem diese Blutgerinnsel am After; nicht schlimm eigentlich, aber extrem schmerzhaft. So sehr, dass man die Stelle bei Bewusstsein nicht untersuchen konnte. Darum nun die Vollnarkose. »Man weiß nie, was man findet, wenn man schneidet.«

Dr. Guckelberger und eine Schwester treten nahe heran und lokalisieren die Stelle.

»Da?« – »Da.«

Kurze Verständigung über den Schnitt.

»So?« – »So.« Schnitt. Blut. Tücher.

Was ist mit dem Infektionsrisiko, der Mann auf dem Tisch ist immerhin HIV-infiziert? Von seiner Gelbsucht nicht zu reden. »Jeder hat sich schon mal gestochen, wir arbeiten mit scharfen Instrumenten. Wer Angst hat, sich zu infizieren, der darf nicht Arzt werden, schon gar nicht Chirurg.«

Dann sagt Olaf Guckelberger, dass er seinen Beruf liebe. Sein Pieper klingelt – die Station ist dran. »Nein, nicht einfach rausziehen. Das ist ein normaler Blasenkatheter.« Telefonisch gibt er ein paar Anweisungen. Nein, heute will er da nicht mehr ran. »Ich habe heute Nacht Bereitschaftsdienst und mächtig viel am Hacken, vielleicht morgen früh.«

Morgen früh wird er 24 Stunden Dienst hinter sich haben, den ganzen nun zu Ende gehenden Tag und die ganze nun beginnende Nacht. Vier OPs waren es tagsüber, fünf andere hat er in die Nacht geschoben – diese Bereitschaft ist schon keine Bereitschaft mehr, alles verplant. Wird die Nacht ruhig, schafft er die fünf. Kommen ernste akute Fälle herein, wird er einige Operationen auf morgen früh schieben. Morgen früh – bis dahin wird er nicht eine Stunde geschlafen haben. Dann noch die Visite. Dann endlich, so gegen zehn oder elf, wird er in den kühlen Berliner Oktobertag hinaustreten.

Und das alles für einen Lohn, der dem einer tüchtigen Putzfrau recht nahe kommt. Rund 1800 Euro netto verdient ein unverheirateter, rund 2500 Euro netto ein in Familie lebender Arzt oder eine Ärztin an der High-End-Klinik Charité. Das ist weniger, als ein Doktor an einem normalen Berliner Stadtkrankenhaus hat.

Aus der Niedriglohngruppe heraus führt nur ein Weg: möglichst viele Bereitschaftsnächte wie diese durchmachen, um sich ein paar hundert Euro dazuzuverdienen; auf maximal 1000 Euro plus kommt man mit all den Doppelschichten, die unweigerlich daraus folgen. Nicht nur die jungen Ärzte können auf die vielen Bereitschaftsdienste nicht verzichten – die Klinik kann es auch nicht. Es ist eine alte und verbreitete Praxis an deutschen Uni-Kliniken, die Züge eines Zweitjobs hat. Dienst am Kranken zum Mondscheintarif.

Wer die Krankenhausrealität nie erlebt hat und die jungen »Halbgötter in Weiß« nur aus Arztserien im Fernsehen kennt, den mag das alles erstaunen. Was, so eine Galeere ist das, so wird da geschuftet?

Ja, so wird da geschuftet. Noch erstaunlicher ist aber: Die jungen Ärzte, die man dieser Tage in den Abendnachrichten des Fernsehens protestieren sieht, beschweren sich gar nicht darüber, dass sie viel mehr arbeiten als in anderen Berufen üblich – schließlich sind sie nicht Lehrer geworden. Olaf Guckelberger findet es sogar richtig, rund um die Uhr zu arbeiten, er ist gegen Schichtarbeit. Chirurgie, sagt er in einer Pause in seinem Zimmer, zwischen Stapeln von Fachliteratur, Batterien von Cola- und Multivitaminflaschen und PC, könne man kaum anders betreiben als in 24-Stunden-Zyklen.

»In den Saal gehen, eine Operation machen an jemandem, den ich nie zuvor gesehen habe, und tschüs, das geht hier nicht. Die Seele gehört dazu. Sonst ist es nur Handwerk im OP.«

Bei ihm in der Chirurgie geht es meist um Tumore. Heute kommt der Patient auf seine Station, morgen schon wird er operiert, und wahrscheinlich ist die Diagnose Krebs. »Von mir hören sie das zum ersten Mal. Oder sie wollen es zum ersten Mal hören.« Wer hier eingeliefert wird, der ist von einem Tag auf den anderen vor die Frage von Leben und Tod gestellt. Und vor diesen einen Arzt, der nun sein Arzt ist, an dem nun alles liegt.

»Ich bin jetzt die Autorität. Ich operiere sie. Ich stehe am Bett, wenn sie aufwachen. Mich fragen sie: ›Herr Doktor, war es Krebs – und haben Sie alles heraus?‹ Das will der Patient vom operierenden Arzt hören und nicht von irgendwem, der gerade Schicht hat. Und ich finde, er hat ein Recht darauf. Er legt sein Schicksal in unsere Hände.« In den ein, zwei Tagen bis zur Operation baue sich oft ein erstaunliches Vertrauensverhältnis auf.

Leser-Kommentare
  1. Den Zynismus der Ausbildungszeit erlebt wohl ein jeder. Danach geht es munter weiter. Niedergelassene Ärzte bezahlen Medikamente aus eigener Tasche. Bürokratie frißt kostbare Behandlungszeit, Tendenz steigend. Die letzten zwei Wochen im Quartal sind unbezahlte Arbeitszeit für die meisten Niedergelassenen. Die Gebührenziffer 01410 hat 400 Punkte, das sind momentan knapp 20 Euro. Mit soviel wird derzeit ein ärztlicher Hausbesuch honoriert, Tendenz sinkend. Die Einnahmenseite ist streng reguliert bei vollem unternehmerischen Risiko.

    Wann werden wir Ärzte endlich lernen, was in der psychotherapeutischen Disziplin längst eine Selbstverständlichkeit ist: Das nur ein Therapeut, der für sich selbst sorgen kann, ein guter Therapeut ist. Und vor allem einer, der morgen noch hier ist. Weil er sonst selber bald ein "Fall" sein wird und niemandem mehr helfen kann, oder mit seiner teuren Ausbildung das Land verlässt.

    Den Verantwortlichen von Politik und Verwaltung sei versichert: An dem immer noch erschreckend hohen Anteil verdeckter ärztlicher Behandlungsfehler in deutschen Kliniken tragen sie mit dem zynischen Diktat skandalöser Arbeitsbedingungen ein gerüttelt Teil persönlicher Schuld.

  2. Für die jungen Ärzte kann man nur Verständnis haben. Ich hätte, obwohl ich von den Protesten schon hörte, nicht gedacht, dass die Verhältnisse so schlimm sind. Mal abgesehen davon, dass man eh nicht gerne Patient ist, möchte man es unter solchen Bedinungen keinesfalls sein. Zunächst war ich froh, dass ich bei bisherigen Krankenhausbesuchen nichts mitbekam von diesen Verhälnissen (Ignoranz ist ein Segen!). Zwischenzeitlich bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass es soche Bedinungen nicht gäbe, hätte die Öffentlichkeit eher die Augen und Ohren geöffnet.

    Nicht nur, dass man als Kunde dafür sorgt, dass Lidl-Mitarbeiterinnen ausgesaugt werden (www.verdi-blog.de/lidl) oder dass Kinobeschäftigte für Hungerlöhne arbeiten (http://www.online-petitio...), wir müssen jetzt schon ein schlechtes Gewissen haben wenn wir Patient sind.

  3. Ich habe den realistischen Artikel mit großer Freude -Freude, daß die Situation der Klinikärzte mal sehr sachlich und richtig dargestellt wird- gelesen. Ich habe Ihn auch mit großer Wut - Wut, daß sich Politiker ignorant über die Bedürfnisse der Ärzte hinwegsetzen- gelesen.

    Von Sabine Christiansen wurde ein Arzt der Charite gefragt wie er denn den kommenden Streik mit seinem ärztlichen Gewissen verienbaren könnte. Es sei allen Journalisten und Patienten hiermit gesagt, daß nur eine Verbesserung der Situation der Ärzte ( vor allem der, die jetzt am Beginn ihres Berufslebens stehen) mit ärztlichem Gewissen vereinbar ist. Nur ein Arzt der nicht zu müde zum arbeiten ist, der unbelastet von eigenen Existenz- und Zukunftsängsten zum Dienst kommt, der Ausgleich im Privatleben finden kann, der die Freude an seiner Tätigkeit nicht verloren hat wird langfristig Patienten helfen können. Wenn nicht, wird er ins Ausland gehen oder die Medizin am Menschen über kurz oder lang verlassen.

    Ich habe die Situation an einer norddeutschen Uni-Klinik und einer kleineren Ruhrgebietsklinik erlebt. Es ist identisch, ich kenne Kollegen von anderen Kliniken ich höre nichts anderes.

    Überstunden, ein Chefarzt sagte mir, ich hätte doch nur die Aufgabe die Station zu versorgen und dafür wäre in der Arbeitszeit doch genug Zeit, Überstunden seinen nicht erwünscht und werden nicht bezahlt! Wehe aber, ich schaffe die Arbeit nicht. 40 Stunden für die Betreuung von 15 schwerstkranken Kindern.

    Auf einer anderen Station hatte ich zeitweise Aktenstapel von ca. 1-2 Metern Dicke, die auf das diktieren der Arztbriefe warteten, ich habe aber dann doch meist beschlossen um 20.00 nach Hause zu gehen und nach ca. 3 Überstunden zur Patientenversorgung, bis die Androhung einer Abmahnung mich eines "besseren" belehrte.

    Bereitschaftsdienste in der kleineren Klinik in der ich als Arzt im Praktikum war bedeuteten ununterbroche Arbeit bis ca. 3 Uhr Nachts. Wenn die Klinik das Glück hatte, daß sich ein Privatpatient unter die ambulanten Notfälle mischte, was meist der Fall war, dann waren die Einnahmen allein durch den einen Patienten fast so hoch wie die Kosten die ich als Arzt im Praktikum verursachte. Station und übrige Patienten waren dann sozusagen gratis versorgt. Es gab viele AiP, wen wundert es da?

    Arztdienstzimmer sind eine interessante Angelegenheit. Fragen Sie bei Ihrem nächsten Krankenhausbesuch odch mal den diensthabenden Arzt ob er es Ihnen zeigt. Es wird ihm wahrscheinlich peinlich sein, denn oft findet sich ein Zimmer, daß den Standart eines 1 Sterne Hotels längst nicht erreicht. Betten beziehen im Dienstzimmer gehört zur Tätigkeit des Arztes, die Putzfrau wird nämlich nach Zeit bezahlt, der Arzt erledigt das unbezahlt in der Nacht, wenn er Gelegenheit zur Ruhe findet.

    das lstzte Dienstzimmer das ich "bewohnt" habe hatte ein Bett und einen Tisch aus den späten 70er Jahren inkl. durchgelegener Matratze und Lattenrost mit 2 fehlenden Latten am Fußende, halbhoch weiß gekachelte Wände, darüber ein ausgeblichenes Klinkgrün auf glattem Putz, alles abwischbar. Kein Mensch würde dies als Zimmer akzeptieren um darin zu schlafen, Ärzte tun es in fast jeder Klinik.

  4. ist es, was man da liest ueber unsere Vorzeige-Uni. Ich selbst habe dort studiert und habe keine guten Erinnerungen. Zurzeit in Australien erlebe ich naemlich, dass man mit geregelter Arbeitszeit bei vergleichbaren Gehaeltern sehr gute Medizin machen kann. Zumal ich mit staunen feststellen musste, um wieviel besser die Kenntnisse der Uni-Absolventen im Vergleich mit unseren sind (keine Einzelmeinung!).
    Nach der Lektuere von Artikel dieser Art faellt die geplante Rueckkehr schwer.

  5. Hi,

    der Vergleich des Gehaltes eines Arztes mit dem einer Putzfrei hinkt doch deutlich. Um 1800 Netto zu bekommen verdient der Arzt doch 3500 Euro brutto. Das verdient doch keine Putzfrau ???? Oder verleichen sie hier eine Putzfrau, die 40 Stunden pro Woche schwarz arbeitet mit einem voll besteuerten Lohn eines Singles (-45%) ?

    "Und das alles für einen Lohn, der dem einer tüchtigen Putzfrau recht nahe kommt. Rund 1800 Euro netto verdient ein unverheirateter, rund 2500 Euro netto ein in Familie lebender Arzt oder eine Ärztin an der High-End-Klinik Charité. Das ist weniger, als ein Doktor an einem normalen Berliner Stadtkrankenhaus hat."

    Ist leider Bildzeitungsniveau der Vergleich.... :-((((
    Bin selber Dipl. Informatiker (UNI/TH) und habe bei einem DaX-Unternehmer mit ca. 3100 Euro brutto => 1600 netto angefangen. Und das ist im Vergleich zu vielen Akadikern schon nicht schlecht..

    Ciao
    Pedro

    • UHagn
    • 30.01.2006 um 9:54 Uhr

    Leider hinkt Ihr Vergleich gewltig, denn bei Ihrer "Rechnung" fehlen die unbezahlten Überstunden (ca 20-40 pro Woche). Damit begehen Sie den gleichen Fehler wie das DIW vor kurzem.
    Wer nicht glaubt, was in einem deutschen Klinikum von den Ärzten geleistet wird, ist gerne eingeladen einmal 30 h am Stück mit mir zu arbeiten.
    Wenn sich nicht bals etwas ändert, werden wir es ändern !

  6. Es wird so sehr auf ”die Politik” geschimpft – warum eigentlich? Die Politiker haben ein Interesse daran, medizinische Leistungen so billig wie möglich zu bekommen, das ist zunächst mal legitim.
    Das Problem liegt zu einem erheblichen Teil an den Ärzten selbst. Dass die Situation so weit kommen konnte wie endlich mal richtig in den Medien dargestellt, beweist klar, dass es eine wirksame Vertretung der ärztlichen Interessen nicht gibt. Die völlig inakzeptablen Arbeitsbedingungen und Unterbezahlung der ärztlichen Tätigkeit ist nicht auf das Krankenhaus beschränkt sondern setzt sich im Bereich der Niederlassung fort.

    Es bedarf gewerkschaftlicher Strukturen, in denen sich Ärzte organisieren müssen ( beim Wort Gewerkschaft rümpft so mancher sicher wieder seinen Standesdünkel - soll er doch ) und es muss endlich aufgehört werden, vor dem Verlust der ”Freiberuflichkeit” zu warnen. Frei sind die niedergelassenen Ärzte sowieso nur noch im Tragen des wirtschaftlichen Risikos, der Ertrag einer Praxis sowie auch die Berufsausübung entsprechend der fachlichen Ausbildung sind schon lange eingeschränkt. Wie definiert sich der Freiberuf ?
    Die Kassenärztlichen Vereinigungen üben in vorauseilendem Gehorsam Kontrollfunktionen aus, von wirksamer Interessenvertretung keine Spur (sonst wäre es wohl nicht so weit gekommen !). Bei Gesprächen mit Politik und Krankenkassen sitzen in den Reihen der Ärzte Laien auf juristischem und ökonomischen Gebiet gegenüber professionellen Vertretern der anderen Seite. Über 20 Jahre hat die Bewertung der ärztlichen Arbeit nach Punkten bestand, deren monetärer Wert nach Belieben schwankt – ich fasse es nicht !!

    Die Berufsgruppe der Ärzte gibt in der Gesellschaft ein erbärmliches Bild ab, ich kenne keinen anderen Beruf, der sich solche Bedingungen so wehrlos wie die Ärzte bisher gefallen liesse.
    Nach Facharztausbildung und anschliessender Tätigkeit als niedergelassener Arzt habe ich vor 7 Deutschland verlassen und mit Blick auf die berufliche Situation bisher nicht eine Minute bereut, obwohl ich sonst gerne dort leben würde.

    • etiam
    • 30.11.2005 um 9:50 Uhr

    Die Diskussion um Arbeitsbedingungen in den Kliniken läuft nunmehr seit über zwei Dekaden. Nun muss man aber konstatieren, dass die Hauptschuldige an den derzeitigen Bedingungen wohl kaum die Politik ist, die ja nur dankend hingenommen hat, was die im Gesundheitssystem Beteiligten leichtfertig "geboten " haben, sondern die Ärzte selbst bzw. die deren fehlende Arbeitnehmerinteressenvertretung durch den Tarifpartner verdi.
    Als der Arbeitsmarkt für Ärzte noch schlechter war (Ende 80er Anfang 90er) die wirtschaftliche Lage in Deutschland aber noch erlaubt hätte, Geld ins Gesundheitssystem fliessen zu lassen, stand hinter jedem Jungmediziner, der gerne nach Arbeitszeitgesetz gearbeitet hätte ein arbeitsloser Kollege, der sofort eingesprungen wäre und die historisch bedingten Ansrüche der (arbeitsrechtlich) nicht gerade progressiv denkenden Chefärzte erfüllt hätte ("wir haben damals auch 36 Stunden am Stück gearbeitet"). In einer solchen Situation können Arbeitnehmerrechte nur über eine gewerkschaftliche Politik eingefordert werden, die den Verlockungen der opportunistischen Rechtsbeugung nicht in dem Maße unterliegt wie die Betroffenen. Was verdi bzw. seinerzeit die ÖTV für das Pflegepersonal in den 80er Jahren umgesetzt hatte, wurde bewusst nicht auf den ärztlichen Klassenfeind übertragen. Schlimmer noch, selbst heute muss erst der Marburger Bund aus seinem Abkommen mit verdi ausscheren um das ärztliche Salär samt Arbeitsbedingungen auch nur zum Gesprächsgegenstand zu machen. Die Ärzte sind endlich aufgewacht - verdi schläft noch.
    Das liegt wohl an der Brille, die nur den Spalt linksaußen offen hat: Auch wenn die Gesamtbezüge eines Arztes über denen einer Krankenschwester liegen, so ist doch der effektive Nettostundenlohn häufig niedriger - das reicht verdi aber nicht seinen Blick von Linksaußen ins Spektrum der beruflichen Realitäten zu schwenken.
    Und selbst wenn die Einsicht jetzt käme, der Spielraum gesetzeskonforme Arbeitsbedingungen zu schaffen und gleichzeitig eine international wenigstens durchschnittliche Bezahlung zu erreichen ist derzeit überhaupt nicht gegeben. Man schafft es ja nicht mal den Status quo im Gesundheitswesen zu erhalten.
    Eine Prognose ist daher wohl kaum mutig:
    Ulla S., die fortgesetzt selbstgefällig und ignorant Klinikärzte brüskiert ("es muss nicht jeder Arzt Millionär sein"), die einfachste Arbeitnehmerrechte fordern, wird am Unmachbaren der Situation scheitern. Entweder durch eskalierende Arbeitskämpfe oder durch eskalierende Kosten zur Vermeidung der Arbeitskämpfe oder durch eskalierende Wartelistenmedizin samt öffentlicher Empörung zur Vermeidung der hohen Kosten
    - oder durch alle drei

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