dossier Sklaven in Weiß
Junge Krankenhausärzte gehen auf die Straße. Sie wehren sich gegen Dauereinsätze zum Billiglohn. Eine Visite in Deutschlands bekanntester Klinik, der Berliner Charité
Charité heißt Nächstenliebe. Vom lateinischen aus einer Zeit, als es in Preußen schick war, französisch zu sprechen. Ein großes Wort – passt es noch, fragt man sich, wenn man die riesige, aus drei Universitätskliniken im Osten und Westen Berlins bestehende Heilfabrik mit dem Namen Charité betritt.
Denn das hier ist kein Krankenhaus, das gemütliche Wort »Haus« wäre irreführend. Es ist ein eigenes Viertel. Ein Krankenviertel mit wuchtigem gründerzeitlichem Tor, eigenen Straßen, Straßennamen, Taxiständen; der baulich und technisch modernste der drei Charité-Standorte – das Rudolf-Virchow-Klinikum im alten Arbeiterbezirk Wedding. Seine Haupt- und Prachtstraße ist die breite Mittelallee, an ihr liegen Fachkliniken links und rechts. Herz. Inneres. Frauen.
Hier wandeln sie auf und ab: eben operierte, herzkatheterte, bestrahlte, nicht selten trotzdem Zigaretten qualmende Männer in Frotteemänteln, ihre Infusionsgalgen auf wackligen Räderchen vor sich herschiebend, von denen Schläuche hängen, an denen zurzeit ihr Leben hängt. Frauen wandeln natürlich auch, alte und junge, gepiercte und damenhafte, sonnenbankbraune und bleiche Verschleierte in fußlangen, grauen Umhängen.
Mittelallee 4 – die Chirurgie. Durchs Foyer, dort der Quergang zur Cafeteria, es riecht nach Sterilisationsseife und Pommes, nach Arznei und Angst, und irgendwo schreit gotterbärmlich ein Kind, dessen Augen verbunden sind. Sein Vater hastet vorbei, er trägt es im Arm.
Weiter. In den Operationssaal, wo sich ein Arzt gerade die grüne OP-Montur zubinden und das Skalpell reichen lässt. Ein junger Mann, schlank, mittelgroß, offenes Gesicht, konzentriert, dabei leger, das Haar trägt er etwas länger als seine Kollegen – sähe man ihn auf der Straße, man hielte ihn vielleicht für einen Musiker.
Jetzt ist er so weit. Es kann losgehen. Bevor er sich dem entblößten Anus des anästhesierten Mannes zuwendet, der reglos mit angewinkelten Beinen auf dem OP-Tisch liegt, sagt Dr. Olaf Guckelberger, und kein Milligramm Ironie ist darin: »Das hier, das ist jetzt wirklich einmal freudvolle Chirurgie.« Der Mann auf dem Tisch ist HIV-positiv. Außerdem hat er eine infektiöse Gelbsucht. Außerdem diese Blutgerinnsel am After; nicht schlimm eigentlich, aber extrem schmerzhaft. So sehr, dass man die Stelle bei Bewusstsein nicht untersuchen konnte. Darum nun die Vollnarkose. »Man weiß nie, was man findet, wenn man schneidet.«
Dr. Guckelberger und eine Schwester treten nahe heran und lokalisieren die Stelle.
»Da?« – »Da.«
Kurze Verständigung über den Schnitt.
»So?« – »So.« Schnitt. Blut. Tücher.
Was ist mit dem Infektionsrisiko, der Mann auf dem Tisch ist immerhin HIV-infiziert? Von seiner Gelbsucht nicht zu reden. »Jeder hat sich schon mal gestochen, wir arbeiten mit scharfen Instrumenten. Wer Angst hat, sich zu infizieren, der darf nicht Arzt werden, schon gar nicht Chirurg.«
Dann sagt Olaf Guckelberger, dass er seinen Beruf liebe. Sein Pieper klingelt – die Station ist dran. »Nein, nicht einfach rausziehen. Das ist ein normaler Blasenkatheter.« Telefonisch gibt er ein paar Anweisungen. Nein, heute will er da nicht mehr ran. »Ich habe heute Nacht Bereitschaftsdienst und mächtig viel am Hacken, vielleicht morgen früh.«
Morgen früh wird er 24 Stunden Dienst hinter sich haben, den ganzen nun zu Ende gehenden Tag und die ganze nun beginnende Nacht. Vier OPs waren es tagsüber, fünf andere hat er in die Nacht geschoben – diese Bereitschaft ist schon keine Bereitschaft mehr, alles verplant. Wird die Nacht ruhig, schafft er die fünf. Kommen ernste akute Fälle herein, wird er einige Operationen auf morgen früh schieben. Morgen früh – bis dahin wird er nicht eine Stunde geschlafen haben. Dann noch die Visite. Dann endlich, so gegen zehn oder elf, wird er in den kühlen Berliner Oktobertag hinaustreten.
Und das alles für einen Lohn, der dem einer tüchtigen Putzfrau recht nahe kommt. Rund 1800 Euro netto verdient ein unverheirateter, rund 2500 Euro netto ein in Familie lebender Arzt oder eine Ärztin an der High-End-Klinik Charité. Das ist weniger, als ein Doktor an einem normalen Berliner Stadtkrankenhaus hat.
Aus der Niedriglohngruppe heraus führt nur ein Weg: möglichst viele Bereitschaftsnächte wie diese durchmachen, um sich ein paar hundert Euro dazuzuverdienen; auf maximal 1000 Euro plus kommt man mit all den Doppelschichten, die unweigerlich daraus folgen. Nicht nur die jungen Ärzte können auf die vielen Bereitschaftsdienste nicht verzichten – die Klinik kann es auch nicht. Es ist eine alte und verbreitete Praxis an deutschen Uni-Kliniken, die Züge eines Zweitjobs hat. Dienst am Kranken zum Mondscheintarif.
Wer die Krankenhausrealität nie erlebt hat und die jungen »Halbgötter in Weiß« nur aus Arztserien im Fernsehen kennt, den mag das alles erstaunen. Was, so eine Galeere ist das, so wird da geschuftet?
Ja, so wird da geschuftet. Noch erstaunlicher ist aber: Die jungen Ärzte, die man dieser Tage in den Abendnachrichten des Fernsehens protestieren sieht, beschweren sich gar nicht darüber, dass sie viel mehr arbeiten als in anderen Berufen üblich – schließlich sind sie nicht Lehrer geworden. Olaf Guckelberger findet es sogar richtig, rund um die Uhr zu arbeiten, er ist gegen Schichtarbeit. Chirurgie, sagt er in einer Pause in seinem Zimmer, zwischen Stapeln von Fachliteratur, Batterien von Cola- und Multivitaminflaschen und PC, könne man kaum anders betreiben als in 24-Stunden-Zyklen.
»In den Saal gehen, eine Operation machen an jemandem, den ich nie zuvor gesehen habe, und tschüs, das geht hier nicht. Die Seele gehört dazu. Sonst ist es nur Handwerk im OP.«
Bei ihm in der Chirurgie geht es meist um Tumore. Heute kommt der Patient auf seine Station, morgen schon wird er operiert, und wahrscheinlich ist die Diagnose Krebs. »Von mir hören sie das zum ersten Mal. Oder sie wollen es zum ersten Mal hören.« Wer hier eingeliefert wird, der ist von einem Tag auf den anderen vor die Frage von Leben und Tod gestellt. Und vor diesen einen Arzt, der nun sein Arzt ist, an dem nun alles liegt.
»Ich bin jetzt die Autorität. Ich operiere sie. Ich stehe am Bett, wenn sie aufwachen. Mich fragen sie: ›Herr Doktor, war es Krebs – und haben Sie alles heraus?‹ Das will der Patient vom operierenden Arzt hören und nicht von irgendwem, der gerade Schicht hat. Und ich finde, er hat ein Recht darauf. Er legt sein Schicksal in unsere Hände.« In den ein, zwei Tagen bis zur Operation baue sich oft ein erstaunliches Vertrauensverhältnis auf.
Guckelberger ist 36. Die Frage nach Nutella und der Generation Golf, nach dem öffentlichen Selbstbild einer angeblich hedonistisch verspielten Generation zwischen den Zeiten, in denen es ernst war und wieder ernst werden wird, scheint ihn zu amüsieren.
»Wir sind auch Spielkinder.«
Er zieht einen Prospekt hervor: PC-Programm, Operation Gallenblase. »Einfach mal dran rumspielen, klar ist das was für junge Kollegen.«
- Datum 27.10.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 27.10.2005 Nr.44
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Können Sie mir bitte umgehend verraten, an welcher Klinik in der Nähe von Krems ein Neurologe 5000 Euro netto (ich nehme an monatlich?) bezieht ? Ich werde mir überlegen, das Fach zu wechseln und auch dorthin übersiedeln. Zu Ihrer Information: ich bin Oberarzt an einem städtischen Krankenhaus in Wien und komme nach 25 Dienstjahren inklusive Bereitschaft auf keine 3000 monatlich. Hohe Gehälter waren früher in Niederösterreich (dort liegt die wundersame Klinik) schon möglich. Vor in Kraft treten des Arbeitszeitgesetzes für Ärzte war es durchaus üblich, als Gegenleistung 14 bis 18 Nachtdienste (ebenfalls pro Monat !) zu versehen. Da vergeht einem die Motivation recht bald (falls man überhaupt Zeit dazu hat).
Wie schön, dass nun auch die etablierten Zeitungen im deutschen Blätterwald endlich einmal aufhören, den Eindruck zu vermittel, dass Ärzte auf hohem Niveau jammern. Ich beglückwünsche der Zeit zu diesem Artikel der viele pikante Details enthält, die den bedauernswerten Zustand deutscher Uni-Kliniken verdeutlichen. Ich bin 36-jähriger Vater von 2 Kindern, seit 8 Jahren Kinderarzt und arbeite nach 5 Jahren an einer mittelgroßen städtischen Kinderklinik mit durchschnittlich 5-6 24-Diensten und 3 Wochenenddiensten im Monat und einem 1,5 jährigen Intermezzo unter Traumbedingungen in der Schweiz, inzwischen an einer deutschen Uniklinik in einer kinderneurologischen Abteilung. Und ich kann Ihnen versichern, ich habe einen echten Schock bekommen, als ich vor einem Jahr aus der Schweiz zurück in den deutschen Klinikalltag kam. Es interessiert de facto nur noch eins: Geld. Es ist Fakt, dass Patienten und Subspezialitäten inzwischen nach lukrativ und finanzielle uninteressant sortiert werden und es ist nur noch eine Frage der Zeit, dass z.B. Kinder mit schweren neurologischen Behinderungen nicht mehr optimal versorgt werden, weil sie schlichtweg finanziell ein Disaster sind. Hohe Kosten für Diagnostik und Therapie, zugleich lächerliche Fallpauschalen, die nicht einmal den Personalaufwand decken. Das ist eine höchst gefährliche Entwicklung!
Was die Arbeitsbedingungen angeht, so ist auch hervorzuheben, dass sich Ärzte eben auch selber nicht einig werden. Wenn ich auch in Ihrem Artikel wieder lese, dass sich ein Chirurg richtig findet, rund um die Uhr zu arbeiten, so bin ich immer wieder aus Neue fassungslos. Der Größenwahn von vieln Ärzten ist weiterhin ungebrochen und in der ganzen Diskussion um die Zustände an deutschen Kliniken kommt selten das Thema Sicherheit für den Patienten zur Erwähnung. Dabei ist die Datenlage glasklar. Überlange Arbeitszeiten stellen ein Risiko für Leib und Wohl von Patienten dar, gefährden die Gesundheit der Ärztinnen und Ärzte und sind mit einem deutlich erhöhten Unfallrisiko auf dem Nachhauseweg verbunden. Dies interessiert alles aber deutlich weniger, als das Geld. Und ich unterstelle, wären Ärzte hierzulande so gut bezahlt wie in der Schweiz, so gäbe es auch keine Streiks oder Proteste. Das ist eine deprimierende Erkenntnis, denn es liegt deutlich mehr im Argen. Auch das habe ich in der Schweiz gelernt. So ist mir keine einziges Krankenhaus bekannt, in dem eine wirklich strukturierte Facharztausbildung gewährleiste ist. Ausbildung ist in Deutschland traditionell sträflich vernachlässigt und letztlich finanziell vor allem auch für all die Privatkliniken völlig uninteressant. Auch eine gute Ausbildung würde die Motivation erhblich steigern! Aus der Schweiz kann man zudem auch noch lernen, dass Schwestern nicht darauf reduziert werden müssen stundelange Pflegeberichte zu schreiben und Betten zu schieben oder zu machen, sondern sie könnten einen großen Beitrag zu Entlastung der zahlenmässig deutlich unterlegenen Ärzteschaft leisten. Blut abnehmen, venöse Zugänge legen, wissenschaftliche Studien begleiten, .... All das ist in der Schweiz pflegerische Tätigkeit. Die zeitliche Entlastung hierzulande wäre sicher pro Arzt bei deutlich > 1 Stunde pro Tag anzusiedeln. Aber hier sind längst massive Grabenkämpfe entfacht. Die Pflege formuliert ständig neue Tätigkeiten, die als "nicht pflegerisch" definiert werden. Leider definiert aber auch niemand, wer es denn machen soll. Also machen es eben die Ärzte. So schreiben wir Briefe inzwischen 90% selber am Computer, erledigen die DRG-Dokumentationsaufgaben, nehmen Blut ab, hängen Antibiotika und andere intravenöse Medikament selber an (ist eben plötzlich keinen pflegerische Tätigkeit mehr), usw., usw.. Letzlich will ich sagen, dass ein gesamtes Umdenken stattfinden muss, traditionelle Rollenverteilungen und Abläufe müssen vehement hinterfragt werden.
Zuletzt noch kurz zum Geld. Prof. Lauterbach, um dessen finanzielle Absicherung man sich sicher keine Sorgen machen muss, hat sich nach den Äzteprotesten in Düsseldorf äusserst abfällig über die finanziellen Forderungen der Ärzte von 30% mehr Gehalt geäusert. Insbesondere verwies er darauf, dass es Oberärzten und Chefärzten im internationalen Vergleich doch ach so gut gehe. Er irrt! Es hat ein Generationenwechsel stattgefunden. Die Zeiten der horrenden Oberarzt und Chefarztgehälter sind vorbeit. Wenn man mich nächste Woche zum Oberarzt meiner Abteilung machen würde, so würde ich netto 2200 Euro verdienen, statt bisher 2000. Das ist doch gigantisch, gäll!? Wochenarbeitszeit übrigens jetzt schon ca. 60 Stunden. Zudem sind mir Chefärzte von Kinderkliniken persönlich bekannt, die einen geringeres Jahresgehalt haben, als die meisten niedergelassenen Kinderärzte. Man stelle sich das einmal vor, bei dieser Verantwortung!
Manch einer wird sich verwundert die Augen reiben bei diesen Gehältern. Da Problem ist, dass ich von einem nicht-operativen Fach, der Kinderheilkunde, spreche. Das ist sehr wesentlich! Die zusätzlichen EInnahmen durch Privatpatienten sind sowohl für Chefs als auch Oberärzte verschwindent gering. Dagegen findet so mancher Chirurg oder Orthopäde eine wahre Goldgrube vor, wenn er einen hohen Anteil von Privatpatienten hat. Auch hier liegt ein Systemfehler vor. Operative Fächer sind eindeutig finanziell bevorzugt! Und mit Kindern kann man, abseits von der noch lukrativen Intensivmedizin, längst kein Geld mehr verdienen.
Hätte ich familiär die Gelegenheit, ich wäre morgen wieder im Ausland. Es lockt mehr Geld, mehr aber noch: mehr Freizeit und Zeit für Familie, mehr Ausbildung und gezielte Förderung in der Forschung, langfristige Aufstiegschancen und Perspektiven, inklusive unbefristeter Arbeitsverträge. Und nicht zuletzt: mehr Kollegialität! Ein weiteres deprimierendes Thema in deutschen Kliniken.
Liebe "Zeit", bleiben Sie am Ball, denn dies ist ein existentiell wichtiges Thema für die Zukunft unseres Landes.
mfg DT
Liebe Zeit-vielen Dank für Ihren Artikel zur Arbeits- und Bezahlungssituation am Beispiel der Charite´.
Erlauben Sie mir als Krankenhausarzt aus München einige Ergänzungen und Anmerkungen.
Sie schreiben, dass die Kliniken durch ein EuGH Urteil gezwungen sind, die Bereitschaftsdienste als volle Arbeitszeit anzurechnen. Durch den Einschub, das Bereitschaftsdienste bisher nur anteilig bezahlt wurden, suggerieren Sie, daß die Dienste auch zu 100 % bezahlt werden-mitnichten!!!!!
Wir bewegen uns in 2 Rechtsräumen: im Arbeitszeitrecht und im Tarifrecht. Dadurch wird es völlig schizophren und das von Ihnen erwähnte Zusatzeinkommen durch Dienste wird zunichte gemacht:
Lt. Arbeitszeirecht dürfen entweder 10 Stunden Volldienst oder 8 Stunden Volldienst + max 5 Stunden Bereitschaftsdienst gemacht werden. Tarifrechtlich habe ich dann gerade bei den Nachtdiensten ein Problem:
ich komme abends z.B. um 19.00, arbeite bis 24 Uhr Volldienst und dann bis 8 Uhr Stufe D (45% Dienstbelastung, 80 % Arbeit lt. Tarifrecht):
6 Stunden V0lldienst+6,4 h (80% von 8h) Anteil Bereitschaftsdienst=12,4 h. Tarifliche Sollarbeitszeit für 2 Tage (Tag vor Nachtdienst und Tag nach Nachtdienst): 16 Stunden d.h. ich erwirtschafte Minusstunden, obwohl ich z.B. als Anästhesist("Narkosearzt") in diesem Zeitraum statistisch 4 Narkosen (bei Notfallpatienten) durchgeführt habe.
Im bisherigen Modell 7.45-16.15 Volldienst, dann bis 08.00 am nächsten Tag Bereitschaftsdienst Stufe D habe ich 8h + 12 h "erwirtschaftet". Ich kann ohne Minus nach dem Dienst nach Hause gehen und bekomme noch 4 Stunden (= rund 100 brutto) bezahlt. Das EuGH Urteil schützt die Interessen und die Gesundheit der Arbeitnehmer?
Was ihrem Artikel konsequenterweise gefehlt hat, war der Hinweis auf das neue Tarifsystem TVÖD, der den "guten" alten BAT zum 01.10.2005 abgelöst hat. Und darüber ist es zum Streit zwischen Marburger Bund (MB), als der größten gewerkschaftliche Vertretung von Krankenhausärzten, und Verdi gekommen. Die jahrzentelange Verhandlungsgemeinschaft wurde vom MB gekündigt, da das neue Tarifwerk, das durchaus gute Elemente enthält, in seiner Gesamtheit bei Ärztinnen und Ärzten zu massiven Einkommensverlusten führt und noch zukünftig führen wird.
Einige Beispiele:
Arbeitgeberwechsel führen zu einer "horizontalen" Rückstufung: eine Katastrophe, da Ärzte i.d.R. 3-5 Arbeitgeberwechsel haben, bis sie die Ausbildung abgeschlossen haben.
In einem ZukunftssicherungsTarifvertrag (ZuSi)wurden Abschläge vereinbart, die der Zukunfstsicherung z.B. von Krankenhäusern dienen sollen. Genaue Definitionen fehlen und bei bei dem Investitionsstau in deutschen Krankenhäusern findet sich immer eine Begründung für Lohnabschläge ("Sie wollen doch ihren Arbeitsplatz behalten?!")
Ich finde Ihren Hinweis auf den Lohn von Putzfrauen unpassend und falsch. Gerade in Krankenhäusern können wir sehen, wie mit dem Reinigungspersonal, dessen Arbeit ja nicht unwichtig ist(Hygiene!!), umgegangen wird: Out-,in- und umsourcing oder wie das so heißt. Fakt ist: Die Aufschrift auf Kleidung und Putzwagen wechseln mehrmals im Jahr, die Leute bleiben gleich, aber jeder Aufschriftenwechsel bedeutet weniger Geld; in München, einer der teuersten Städte Deutschlands, kann sich jeder ausrechnen, was das bedeutet.
Ich will als Anästhesist im Krankenhaus arbeiten, ich arbeite gerne und ich arbeite auch gerne viel. Mein Beruf macht mir Spaß und ich würde ihn wieder wählen. Ich hatte auch nie das primäre Ziel, reich zu werden mit meinem Beruf. Aber ich wollte mein Auskommen und das meiner Familie gesichert wissen. Ich will auch nicht ins Ausland müssen.
Im Moment bin ich nicht sicher, ob das gelingt!
Richard Fisch
Ihr Artikel trifft die Situation, die schon seit langem schwelt, sehr gut. Ich selbst bin schon vor Jahren in die USA gegangen, wo ich Patienten behandeln und forschen kann, mit mehr Freiheit und besserer Lebensqualitaet als ich das jemals in Deutschland haette koennen. Ich muss mich oft darueber amuesieren, wie dumm die Politiker in Deutschland sind, die uns einfach ziehen lassen, anstatt mit besseren Bedingungen zu antworten. Ich wuesste gerne, wieviel den deutsche Staat mein Medizinstudium gekostet hast, die Amerikaner sind die Nutzniesser. Das ist ein gewaltiges strukturelles Problem einer strangulierenden Buerokratie, auch eingefahrener Strukturen, das nicht einzelne Kliniken loesen koennen. Eine grundsaetzliche Meinungswandlung muss her, den Arztberuf ernst zu nehmen, Forschungsleistung anzuerkennen, langfristige Vertraege zu garantieren, damit die Motivation steigt, sich zu engagieren und wirklich massiv zu investieren, damit in Jahren der Erfolg dieser Massnahmen sichtbar waere. Aber dafuer fehlt ja allen die Geduld....
Sehr geehrte Mitglieder der Redaktion,
Ich möchte Ihnen an dieser Stelle zu einem wirklich ausgezeichnet recherchierten Artikel gratulieren, der wirklich in fast allen Einzelheiten den grauen Alltag des Arztdaseins widerspiegelt. Teilweise gibt es Klinken in Deutschland, in denen die Realität noch grauer, noch finsterer für uns Ärzte aussieht. Auch ich bin Mediziner, auch mich hat es letztlich ins Ausland verschlagen. Unter den hiesigen Bedingungen, wo man für die ohnehin schon harte Arbeit nicht einmal "anständig" entlohnt wird, ist ein "normales Leben" eben nicht möglich. Mein Entschluss fiel, als ich sah, was ich während des damals noch üblichen AiP's (Arzt im Praktikum) als Lohn nach Hause gebracht habe. Tatsächlich war es fast weniger als ein Zivildienstsold: 800 Euro - wohlgemerkt als fertiger Arzt und mit einem Studenpensum von offiziell 40 Wochenarbeitstunden, offiziell. Ausgerechnet betrug der Stundensatz also in etwa 5 Euro, bei entsprechenden "freiwillig" geleisteten Überstunden also noch weniger. Welcher Arbeitslose geht heutzutage für 3 Euro pro Stunde arbeiten ?
Weitere finanzielle Vergünstigungen seitens der Klinik, gab es selbstverständlich nicht. Auch während der Bereitschaftsdienste wurde schlecht bezahlt. Was dem ganzen die Krone aufgesetzt hat, war die zu der Zeit übliche, über die Politik und Medien vertriebene Meinung, Ärzte würden sich in Deutschland dumm und duselig verdienen. Zudem seien sie natürlich alle korrupt und häufig inkompetent. Durch diese Stimmungsmache beeinflusst, können sie sich vorstellen wie der Kontakt an der Basis, dass heisst, das sogenannte Arzt Patient Verhältnis, aussah und mit Sicherheit auch heute noch aussieht.
Dass einen irgendwann jeglicher Idealismus und sämtliche Motivation verlässt (....übrigens aufgrund des fehlenden Soziallebens dann auch die Freundin...) ist nicht verwunderlich. Dass es da nicht mehr "Spass" oder "Freude" macht Arzt zu sein, ist verständlich oder ?
Es ist wirklich so, dass kaum einer der Ärzte sich heutzutage über sein Arbeitspensum oder seine wirklichen Arbeitsstunden beschwert. Es ist einfach so, dass man viele Stunden in der weiteren Ausbildung absolvieren muss um was zu lernen, um den Beruf nachher als Facharzt zu beherrschen. Aber warum kann man dafür nicht anständig entlohnt werden ? Dass es usus ist Überstunden mittlerweile gar nicht mal aufzuschreiben, spricht doch dafür, dass wir von der Ärzteschaft zum einen wirklich mit Herzblut und Engagement dabei sind, und zum anderen wirklich versuchen unseren Arbeitgebern so weit wie nur möglich entgegenzukommen. Wahrscheinlich war und ist dies der falsche Weg, der uns dahin gebracht hat, wo wir jetzt sind. Allerdings muss man sich auch hier an die eigene Nase fassen: Viele Ärzte waren und sind nicht bereit sich mal zu wehren, etwas dagegen zu unternehmen. So gut wie sämtliche Gewerkschaften organisiert sind, so schlecht sind es eben auch die Ärzte. Teilweise ist dies durch die Verträge bedingt, teilweise weil Chefärzte ihren Assistenten eher in den Rücken fallen als diese bei ihren Bemühungen bei der Kliniksverwaltung zu unterstützen...
Mittlerweile lebe und arbeite ich in der Schweiz. Auch hier hat man den Käse nicht erfunden. Aber: Der Lohn entspricht zumindest einer annähernd fairen Entlohnung für die geleistete harte Arbeit. Damit kann ich leben.
Viele meiner initial motivierten Kollegen haben übrigens auch in Deutschland das Handtuch geschmissen und sind ins Ausland, in die Pharmaindustrie oder in andere Wirtschaftszweige gewechselt. Würde es nicht mehr Sinn machen, diese hochqualifizierten Leute in deren ursprünglichen Job im Ausbildungsland gut zu bezahlen, anstatt sie in andere Länder, die keinen Cent für deren teure Ausbildung bezahlt haben, ziehen zu lassen ? Macht das volkswirtschaftlich nicht mehr Sinn ?
Ein im Ausland weiterhin motivierter Arzt
Erschreckend ist die Situation der jungen Ärzte in Deutschland, die nach einem langen Studium kaum mehr verdienen als eine Putzfrau, denen kaum Zeit für Privates bleibt - und noch weniger, wenn sie sich wirklich zu ihrer Tätigkeit berufen fühlen.
Treffend, wenn auch mit etwas viel Pathos, stellt das Dossier diese Umstände dar - doch kann sich bedauerlicherweise eine unsachliche und polemische Spitze nicht verkneifen, die sich so treffend in das gesellschaftliche KLischee einreiht.
" schließlich sind sie nicht Lehrer geworden."
Natürlich besteht ein Unterschied zwischen den Zeiten, die ein Lehrer in der Schule und ein Arzt im Krankenhaus verbringt. Doch falls ein Lehrer seinen Job gut macht, hört die Arbeit längst nicht um 14 Uhr auf, sondern beinhaltet neben Vorbereitungen, Korrekturen und Planungen in der heutigen Zeit auch Aufgaben, die ursprünglich nicht zu denen eines Lehrers zählten, sondern in den Bereich der Familie gehörte. WIe auch das Krankenhaus haben sich viele Schulen in Sozialstationen verwandelt.
Natürlich kommen Lehrer eher selten in die verantwortungsvolle Position, dass sie Menschenleben retten und bewahren müssen. Aber genug Verantwortung anderer Art liegt in ihren Händen, was viele vergessen haben. Lehrer erziehen und unterrichten den Nachwuchs unserer Gesellschaft, sie vermitteln ihnen Wissen, Werte und Bildung, Ideale und Ideen.
Unbestritten ist, dass es wie in jeder anderen Berufsgruppe auch unter den Lehrern Menschen gibt, die ihrer Aufgabe nicht ausreichend nachkommen, doch deswegen einen ganzen Berufsstand zu diskreditieren?!
Und um auf die Versklavung zu sprechen zu kommen:
Auch die Lehrer leiden unter dem Zustand unserer Staatskasse, die Stichworte Beförderungsstopp, Streichung des Weihnachtsgeldes und Streichung von Planstellen, die dann einfach nicht neu besetzt werden und deren Arbeit andere mittragen, sollten genügen.
Charite`ist überall. Hier wird Klinikalltag 1:1 wiedergegeben. Durch diese realistische Darstellung bestens informiert, werden hoffentlich die Patienten und auch die Gesundheitspolitiker die Forderungen der jungen demonstrierenden Ärzte -geführt vom mb- besser verstehen.
Dr. Albert Joas, Hausarzt in Bayern,
Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Beitrag über den Alltag als Arzt in Deutschland.
Leider beschränkt sich die Misere jedoch nicht auf die Arbeitsbedingungen im Krankenhaus.
Ich möchte Sie ermutigen, auch über den Alltag als niedergelassener Mediziner zu berichten.
Ich selbst bin Internist und habe nach der Facharztausbildung in einer kardiologischen Fachklinik Kardiologie vertieft. Ich wollte mich jedoch nicht ausschliesslich mit dem relativ engen Bereich der Kardiologie beschäftigen und habe nach der Klinikzeit Mitte der 90iger eine Praxis als Internist übernommen.
Als frisch niedergelassener Internist galt für mich die Verpflichtung, mich zwischen der sogenannten hausärztlichen oder fachärztlichen Versorgung zu entscheiden (mittlerweile sind alle niedergelassenen Internisten dazu gezwungen). Diese Trennung ist keineswegs fachlich begründet (und auch nicht sinnvoll) sondern nur abrechnungsbedingt. Konkret bedeutet dies, dass man als hausärztlicher Internist z.B. keine endoskopische Untersuchung des Darmes oder Ultraschalluntersuchung des Herzens durchführen darf, obwohl man die Ausbildung und fachliche Kompetenz nachweislich dafür hat.
Sagen Sie mal einem ausgebildeten Architekten, er dürfe nur noch Gartenlauben und Garagen bauen, einen Auftrag zum Bau eines Hauses müsse er an einen anderen Kollegen abgeben, der auch nicht besser ausgebildet ist aber abrechnungstechnisch im Bereich Häuser teilnimmt.
Wie definiert sich hier der sogenannte freie Beruf ?
Als niedergelassener Arzt verdient man zunächst mal kein Geld sondern Punkte. Was diese Punkte in Euro und Cent wert sind erfährt man erst ein halbes Jahr später, da dieser Punktwert floatet.
Welcher andere Berufstand lässt es sich gefallen, für seine Arbeit Punkte zu akzeptieren, dessen monetärer Wert erst ein halbes Jahr nach erbrachter Leistung festgesetzt wird aus dem Betrag, der zur Patientenbehandlung von den Krankenkassen zur Verfügung steht, übrigens nachdem alle Angestellten und Vorstände dieser Krankenkassen ihre eigenen Gehälter in Euro und Cent vorher abgezogen haben ?
Hier mangelt es leider auch an innerärztlicher Solidarität und Interessenvertretung.
Die Berufsfreiheit in diesem sogenannten freien Beruf besteht nur noch in der Freiheit, das wirtschaftliche Risiko zu tragen, dem wirtschaftlichen Erfolg wie auch der fachlichen Berufsausübung entsprechend der Ausbildung sind enge Grenzen gesetzt.
Ich selbst bin vor sechs Jahren nach Norwegen ausgewandert und habe die Entwicklung im deutschen Gesundheitssystem aufmerksam verfolgt. Mit Blick auf die berufliche Situation habe ich den Umzug nicht eine Minute bereut.
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