dossier Sklaven in WeißSeite 6/6
Was diesen Fall so überaus schwierig macht: Die Gefäße im Herzen des Afrikaners ähneln einem wild mäandernden Fluss. So schaut es auf dem Monitor aus. Und die Stelle, wohin die Spitze muss, liegt vor der ersten Gabelung nach einer Biegung des Flusses um 180 Grad. Um diese Biegung zu kommen ist ein Geduldsspiel, dass es gelingt, ist nicht sicher, der Afrikaner verfolgt es bei vollem Bewusstsein.
Er ist nicht der Einzige, der von weit her anreist. Im Privatzimmer nebenan liegt der Europa-Chef eines Weltkonzerns aus Paris. Später, im Büro von Professor Schultheiss, zeigt sich, dass seine lebhafte Art auch vor der Klinikpolitik nicht Halt macht. Er wundert sich über die Angst der jungen Kollegen zu streiken. »Das sind ja lächerliche Aktionen bis jetzt. Mal im Hof stehen im weißen Kittel.« Egal, er habe seine jungen Ärzte gezwungen hinzugehen.
»Alles stürzt sich auf die jungen Ärzte, wenn es ans Sparen geht. Weil es da am einfachsten ist. Wo es strukturell nötig wäre, da wird nicht angepackt – aus politischen Rücksichten!« Schultheiss nennt den Verwaltungsüberhang der Charité, aber auch ihre viel zu vielen und zu kostspieligen Liegenschaften – die Ganten allerdings auch verkaufen will.
Die Errichtung der Zentren begeistert ihn. Natürlich, mag man sagen, er bekommt ja eines. Und die anderen? »Sicher gibt es Eitelkeiten von Professoren, aber das sind Übergangsphänomene, das löst sich auf.« Es werde auch Einsparungen bringen. »Doppelte Untersuchungen entfallen, doppelte Arbeit.« Vor allem begeistert ihn die Aussicht, die besten Fachleute zusammenzubringen. »Die diskutieren auf einer Station – am Bett. Das ist die Zukunft.«
Seine Sorge ist, dass alles nicht schnell genug geht. Dass die privaten Krankenhäuser die besten Ärzte abwerben und die reichen Patienten. »Wir haben ein brillantes Gesundheitssystem. Der Penner unter der Brücke und der Minister werden als Notfälle gleich behandelt. Was jetzt läuft, geht auf eine Zweiklassenmedizin hinaus.«
Er hält einen Stent ins Licht, so ein silbriges kleines Ding, wie er es vorhin in ein Herz gesteuert hat. »Ein drug eluted stent. Ein medikamentenbeschichtetes Röhrchen. Neuester Stand der Wissenschaft. Die Wiederverengungsrate des Koronargefäßes, in das ich es setze, ist minimal, anders als bei einem konventionellen Stent. In Portugal, Spanien, selbst in England mit seinem schlechten öffentlichen Standard wird es in über 50 Prozent der Fälle verwendet. In Berlin zu 5Prozent! Da stehen wir heute.«
Zwei Neurologen wollen Deutschland verlassen
»Auswandern? Ja, bald. Wir werden das Land verlassen.« Es ist nicht so, dass die beiden jungen Ärzte, die gerade auf dem Gang ihrer Station in der alten Charité in Mitte eine Pause machen, ihr Land nicht liebten. Aber sie werden nach Österreich gehen, beide. Der eine, Facharzt für Neurologie, lacht kopfschüttelnd. »In eine Provinzklinik. In eine kleine Stadt bei Krems.«
Die beiden holen sich einen Kaffee. Er habe noch nie einen Vertrag gehabt, der länger als zwei Jahre lief, sagt der Neurologe. »Ich verdiene 2000 netto, mit Bereitschaftsdiensten 2500 netto. In Österreich verdiene ich das Doppelte. Ich hätte eine Stelle in Norwegen haben können, als Oberarzt, mit idealen Arbeitsbedingungen, aber ich wollte nicht in ein kaltes Land.«
Sein Kollege, ebenfalls Neurologe, kommt aus Brandenburg, dort ist sein Vater niedergelassener Arzt. Er selbst ist dabei, sich zu habilitieren, er hat in Nature publiziert, der weltweit führenden Fachzeitschrift. »Niedergelassener Arzt, das war mal mein Ideal. Wenn ich jetzt sehe, wie mein Vater sich abmüht, auch nur einigermaßen auf seine Kosten zu kommen – nein, das ist kein Weg für mich.«
Er sei Arzt geworden aus sozialer Einstellung, sagt der Brandenburger. »Ich arbeite, ohne zu murren, 70 Stunden die Woche. Womit ich aber immer weniger klarkomme, ist, ich werde gegängelt und maßlos geprüft von den Krankenkassen. Als sei ich irgendein korrupter Halbweltdoktor. Noch nach zwei Jahren kommt der Prüfdienst und diskutiert mit mir zwei Stunden, ob ich damals einen Patienten einen Tag früher hätte entlassen können. Warum ich ihm nicht was Billigeres verschrieben hätte.«
Er lacht auf wie einer, der es immer noch nicht fassen kann, dass es auch anders geht. »Die Österreicher rollen mir einen roten Teppich aus, der reicht von Krems bis nach Berlin.«
Der Klinikchef dort habe ihm gesagt, er solle einfach nur Arzt sein und tun, was er für richtig halte. Das mit dem Geld solle er ihm überlassen, er werde sich melden, wenn es ein Problem geben sollte.
»So muss es sein. Warum ist es hier nicht so? Die Bürokratie hier ist lächerlich. Warum ziehen wir uns überhaupt noch Hygienekleidung an – für die viele Schreibarbeit, die wir Ärzte machen müssen, ist das nicht nötig.«
Er schaut einen Moment zur Seite, steht auf, und bevor er geht, sagt er noch:
»Deutschland versorgt die Welt mit Ärzten. Wir sind verrückt.«
Die Charité - Als »Pesthaus« gedacht Europas größtes Universitätsklinikum, die Charité, wurde im Jahre 1710 vor den Toren Berlins zunächst als »Pesthaus« eröffnet. Doch die Stadt blieb von der Seuche verschont, und so wurde aus dem Haus ein Hospiz für Alte, Bettler, »unehelich Schwangere« und Prostituierte. Nach und nach kamen Forschung und Lehre hinzu. Heute stammt ein Drittel aller Patente Berlins aus der Charité. Jährlich werden hier rund 125000 Patienten stationär behandelt, weitere 900000 ambulant. Der Jahresetat beträgt eine Milliarde Euro. Mit 15000 Beschäftigten ist die Charité nach der Deutschen Bahn Berlins zweitgrößter Arbeitgeber. Ein neues Unternehmenskonzept sieht vor, die über Berlin verteilten 128 Charité-Kliniken und Institute in 17 Zentren zu gliedern, um Kliniken zu reformieren, Finanzmittel einzusparen und Entscheidungsprozesse zu dezentralisieren. Dadurch soll die wirtschaftliche Stabilität des Unternehmens gesichert werden.
- Datum 27.10.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 27.10.2005 Nr.44
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Können Sie mir bitte umgehend verraten, an welcher Klinik in der Nähe von Krems ein Neurologe 5000 Euro netto (ich nehme an monatlich?) bezieht ? Ich werde mir überlegen, das Fach zu wechseln und auch dorthin übersiedeln. Zu Ihrer Information: ich bin Oberarzt an einem städtischen Krankenhaus in Wien und komme nach 25 Dienstjahren inklusive Bereitschaft auf keine 3000 monatlich. Hohe Gehälter waren früher in Niederösterreich (dort liegt die wundersame Klinik) schon möglich. Vor in Kraft treten des Arbeitszeitgesetzes für Ärzte war es durchaus üblich, als Gegenleistung 14 bis 18 Nachtdienste (ebenfalls pro Monat !) zu versehen. Da vergeht einem die Motivation recht bald (falls man überhaupt Zeit dazu hat).
Wie schön, dass nun auch die etablierten Zeitungen im deutschen Blätterwald endlich einmal aufhören, den Eindruck zu vermittel, dass Ärzte auf hohem Niveau jammern. Ich beglückwünsche der Zeit zu diesem Artikel der viele pikante Details enthält, die den bedauernswerten Zustand deutscher Uni-Kliniken verdeutlichen. Ich bin 36-jähriger Vater von 2 Kindern, seit 8 Jahren Kinderarzt und arbeite nach 5 Jahren an einer mittelgroßen städtischen Kinderklinik mit durchschnittlich 5-6 24-Diensten und 3 Wochenenddiensten im Monat und einem 1,5 jährigen Intermezzo unter Traumbedingungen in der Schweiz, inzwischen an einer deutschen Uniklinik in einer kinderneurologischen Abteilung. Und ich kann Ihnen versichern, ich habe einen echten Schock bekommen, als ich vor einem Jahr aus der Schweiz zurück in den deutschen Klinikalltag kam. Es interessiert de facto nur noch eins: Geld. Es ist Fakt, dass Patienten und Subspezialitäten inzwischen nach lukrativ und finanzielle uninteressant sortiert werden und es ist nur noch eine Frage der Zeit, dass z.B. Kinder mit schweren neurologischen Behinderungen nicht mehr optimal versorgt werden, weil sie schlichtweg finanziell ein Disaster sind. Hohe Kosten für Diagnostik und Therapie, zugleich lächerliche Fallpauschalen, die nicht einmal den Personalaufwand decken. Das ist eine höchst gefährliche Entwicklung!
Was die Arbeitsbedingungen angeht, so ist auch hervorzuheben, dass sich Ärzte eben auch selber nicht einig werden. Wenn ich auch in Ihrem Artikel wieder lese, dass sich ein Chirurg richtig findet, rund um die Uhr zu arbeiten, so bin ich immer wieder aus Neue fassungslos. Der Größenwahn von vieln Ärzten ist weiterhin ungebrochen und in der ganzen Diskussion um die Zustände an deutschen Kliniken kommt selten das Thema Sicherheit für den Patienten zur Erwähnung. Dabei ist die Datenlage glasklar. Überlange Arbeitszeiten stellen ein Risiko für Leib und Wohl von Patienten dar, gefährden die Gesundheit der Ärztinnen und Ärzte und sind mit einem deutlich erhöhten Unfallrisiko auf dem Nachhauseweg verbunden. Dies interessiert alles aber deutlich weniger, als das Geld. Und ich unterstelle, wären Ärzte hierzulande so gut bezahlt wie in der Schweiz, so gäbe es auch keine Streiks oder Proteste. Das ist eine deprimierende Erkenntnis, denn es liegt deutlich mehr im Argen. Auch das habe ich in der Schweiz gelernt. So ist mir keine einziges Krankenhaus bekannt, in dem eine wirklich strukturierte Facharztausbildung gewährleiste ist. Ausbildung ist in Deutschland traditionell sträflich vernachlässigt und letztlich finanziell vor allem auch für all die Privatkliniken völlig uninteressant. Auch eine gute Ausbildung würde die Motivation erhblich steigern! Aus der Schweiz kann man zudem auch noch lernen, dass Schwestern nicht darauf reduziert werden müssen stundelange Pflegeberichte zu schreiben und Betten zu schieben oder zu machen, sondern sie könnten einen großen Beitrag zu Entlastung der zahlenmässig deutlich unterlegenen Ärzteschaft leisten. Blut abnehmen, venöse Zugänge legen, wissenschaftliche Studien begleiten, .... All das ist in der Schweiz pflegerische Tätigkeit. Die zeitliche Entlastung hierzulande wäre sicher pro Arzt bei deutlich > 1 Stunde pro Tag anzusiedeln. Aber hier sind längst massive Grabenkämpfe entfacht. Die Pflege formuliert ständig neue Tätigkeiten, die als "nicht pflegerisch" definiert werden. Leider definiert aber auch niemand, wer es denn machen soll. Also machen es eben die Ärzte. So schreiben wir Briefe inzwischen 90% selber am Computer, erledigen die DRG-Dokumentationsaufgaben, nehmen Blut ab, hängen Antibiotika und andere intravenöse Medikament selber an (ist eben plötzlich keinen pflegerische Tätigkeit mehr), usw., usw.. Letzlich will ich sagen, dass ein gesamtes Umdenken stattfinden muss, traditionelle Rollenverteilungen und Abläufe müssen vehement hinterfragt werden.
Zuletzt noch kurz zum Geld. Prof. Lauterbach, um dessen finanzielle Absicherung man sich sicher keine Sorgen machen muss, hat sich nach den Äzteprotesten in Düsseldorf äusserst abfällig über die finanziellen Forderungen der Ärzte von 30% mehr Gehalt geäusert. Insbesondere verwies er darauf, dass es Oberärzten und Chefärzten im internationalen Vergleich doch ach so gut gehe. Er irrt! Es hat ein Generationenwechsel stattgefunden. Die Zeiten der horrenden Oberarzt und Chefarztgehälter sind vorbeit. Wenn man mich nächste Woche zum Oberarzt meiner Abteilung machen würde, so würde ich netto 2200 Euro verdienen, statt bisher 2000. Das ist doch gigantisch, gäll!? Wochenarbeitszeit übrigens jetzt schon ca. 60 Stunden. Zudem sind mir Chefärzte von Kinderkliniken persönlich bekannt, die einen geringeres Jahresgehalt haben, als die meisten niedergelassenen Kinderärzte. Man stelle sich das einmal vor, bei dieser Verantwortung!
Manch einer wird sich verwundert die Augen reiben bei diesen Gehältern. Da Problem ist, dass ich von einem nicht-operativen Fach, der Kinderheilkunde, spreche. Das ist sehr wesentlich! Die zusätzlichen EInnahmen durch Privatpatienten sind sowohl für Chefs als auch Oberärzte verschwindent gering. Dagegen findet so mancher Chirurg oder Orthopäde eine wahre Goldgrube vor, wenn er einen hohen Anteil von Privatpatienten hat. Auch hier liegt ein Systemfehler vor. Operative Fächer sind eindeutig finanziell bevorzugt! Und mit Kindern kann man, abseits von der noch lukrativen Intensivmedizin, längst kein Geld mehr verdienen.
Hätte ich familiär die Gelegenheit, ich wäre morgen wieder im Ausland. Es lockt mehr Geld, mehr aber noch: mehr Freizeit und Zeit für Familie, mehr Ausbildung und gezielte Förderung in der Forschung, langfristige Aufstiegschancen und Perspektiven, inklusive unbefristeter Arbeitsverträge. Und nicht zuletzt: mehr Kollegialität! Ein weiteres deprimierendes Thema in deutschen Kliniken.
Liebe "Zeit", bleiben Sie am Ball, denn dies ist ein existentiell wichtiges Thema für die Zukunft unseres Landes.
mfg DT
Liebe Zeit-vielen Dank für Ihren Artikel zur Arbeits- und Bezahlungssituation am Beispiel der Charite´.
Erlauben Sie mir als Krankenhausarzt aus München einige Ergänzungen und Anmerkungen.
Sie schreiben, dass die Kliniken durch ein EuGH Urteil gezwungen sind, die Bereitschaftsdienste als volle Arbeitszeit anzurechnen. Durch den Einschub, das Bereitschaftsdienste bisher nur anteilig bezahlt wurden, suggerieren Sie, daß die Dienste auch zu 100 % bezahlt werden-mitnichten!!!!!
Wir bewegen uns in 2 Rechtsräumen: im Arbeitszeitrecht und im Tarifrecht. Dadurch wird es völlig schizophren und das von Ihnen erwähnte Zusatzeinkommen durch Dienste wird zunichte gemacht:
Lt. Arbeitszeirecht dürfen entweder 10 Stunden Volldienst oder 8 Stunden Volldienst + max 5 Stunden Bereitschaftsdienst gemacht werden. Tarifrechtlich habe ich dann gerade bei den Nachtdiensten ein Problem:
ich komme abends z.B. um 19.00, arbeite bis 24 Uhr Volldienst und dann bis 8 Uhr Stufe D (45% Dienstbelastung, 80 % Arbeit lt. Tarifrecht):
6 Stunden V0lldienst+6,4 h (80% von 8h) Anteil Bereitschaftsdienst=12,4 h. Tarifliche Sollarbeitszeit für 2 Tage (Tag vor Nachtdienst und Tag nach Nachtdienst): 16 Stunden d.h. ich erwirtschafte Minusstunden, obwohl ich z.B. als Anästhesist("Narkosearzt") in diesem Zeitraum statistisch 4 Narkosen (bei Notfallpatienten) durchgeführt habe.
Im bisherigen Modell 7.45-16.15 Volldienst, dann bis 08.00 am nächsten Tag Bereitschaftsdienst Stufe D habe ich 8h + 12 h "erwirtschaftet". Ich kann ohne Minus nach dem Dienst nach Hause gehen und bekomme noch 4 Stunden (= rund 100 brutto) bezahlt. Das EuGH Urteil schützt die Interessen und die Gesundheit der Arbeitnehmer?
Was ihrem Artikel konsequenterweise gefehlt hat, war der Hinweis auf das neue Tarifsystem TVÖD, der den "guten" alten BAT zum 01.10.2005 abgelöst hat. Und darüber ist es zum Streit zwischen Marburger Bund (MB), als der größten gewerkschaftliche Vertretung von Krankenhausärzten, und Verdi gekommen. Die jahrzentelange Verhandlungsgemeinschaft wurde vom MB gekündigt, da das neue Tarifwerk, das durchaus gute Elemente enthält, in seiner Gesamtheit bei Ärztinnen und Ärzten zu massiven Einkommensverlusten führt und noch zukünftig führen wird.
Einige Beispiele:
Arbeitgeberwechsel führen zu einer "horizontalen" Rückstufung: eine Katastrophe, da Ärzte i.d.R. 3-5 Arbeitgeberwechsel haben, bis sie die Ausbildung abgeschlossen haben.
In einem ZukunftssicherungsTarifvertrag (ZuSi)wurden Abschläge vereinbart, die der Zukunfstsicherung z.B. von Krankenhäusern dienen sollen. Genaue Definitionen fehlen und bei bei dem Investitionsstau in deutschen Krankenhäusern findet sich immer eine Begründung für Lohnabschläge ("Sie wollen doch ihren Arbeitsplatz behalten?!")
Ich finde Ihren Hinweis auf den Lohn von Putzfrauen unpassend und falsch. Gerade in Krankenhäusern können wir sehen, wie mit dem Reinigungspersonal, dessen Arbeit ja nicht unwichtig ist(Hygiene!!), umgegangen wird: Out-,in- und umsourcing oder wie das so heißt. Fakt ist: Die Aufschrift auf Kleidung und Putzwagen wechseln mehrmals im Jahr, die Leute bleiben gleich, aber jeder Aufschriftenwechsel bedeutet weniger Geld; in München, einer der teuersten Städte Deutschlands, kann sich jeder ausrechnen, was das bedeutet.
Ich will als Anästhesist im Krankenhaus arbeiten, ich arbeite gerne und ich arbeite auch gerne viel. Mein Beruf macht mir Spaß und ich würde ihn wieder wählen. Ich hatte auch nie das primäre Ziel, reich zu werden mit meinem Beruf. Aber ich wollte mein Auskommen und das meiner Familie gesichert wissen. Ich will auch nicht ins Ausland müssen.
Im Moment bin ich nicht sicher, ob das gelingt!
Richard Fisch
Ihr Artikel trifft die Situation, die schon seit langem schwelt, sehr gut. Ich selbst bin schon vor Jahren in die USA gegangen, wo ich Patienten behandeln und forschen kann, mit mehr Freiheit und besserer Lebensqualitaet als ich das jemals in Deutschland haette koennen. Ich muss mich oft darueber amuesieren, wie dumm die Politiker in Deutschland sind, die uns einfach ziehen lassen, anstatt mit besseren Bedingungen zu antworten. Ich wuesste gerne, wieviel den deutsche Staat mein Medizinstudium gekostet hast, die Amerikaner sind die Nutzniesser. Das ist ein gewaltiges strukturelles Problem einer strangulierenden Buerokratie, auch eingefahrener Strukturen, das nicht einzelne Kliniken loesen koennen. Eine grundsaetzliche Meinungswandlung muss her, den Arztberuf ernst zu nehmen, Forschungsleistung anzuerkennen, langfristige Vertraege zu garantieren, damit die Motivation steigt, sich zu engagieren und wirklich massiv zu investieren, damit in Jahren der Erfolg dieser Massnahmen sichtbar waere. Aber dafuer fehlt ja allen die Geduld....
Sehr geehrte Mitglieder der Redaktion,
Ich möchte Ihnen an dieser Stelle zu einem wirklich ausgezeichnet recherchierten Artikel gratulieren, der wirklich in fast allen Einzelheiten den grauen Alltag des Arztdaseins widerspiegelt. Teilweise gibt es Klinken in Deutschland, in denen die Realität noch grauer, noch finsterer für uns Ärzte aussieht. Auch ich bin Mediziner, auch mich hat es letztlich ins Ausland verschlagen. Unter den hiesigen Bedingungen, wo man für die ohnehin schon harte Arbeit nicht einmal "anständig" entlohnt wird, ist ein "normales Leben" eben nicht möglich. Mein Entschluss fiel, als ich sah, was ich während des damals noch üblichen AiP's (Arzt im Praktikum) als Lohn nach Hause gebracht habe. Tatsächlich war es fast weniger als ein Zivildienstsold: 800 Euro - wohlgemerkt als fertiger Arzt und mit einem Studenpensum von offiziell 40 Wochenarbeitstunden, offiziell. Ausgerechnet betrug der Stundensatz also in etwa 5 Euro, bei entsprechenden "freiwillig" geleisteten Überstunden also noch weniger. Welcher Arbeitslose geht heutzutage für 3 Euro pro Stunde arbeiten ?
Weitere finanzielle Vergünstigungen seitens der Klinik, gab es selbstverständlich nicht. Auch während der Bereitschaftsdienste wurde schlecht bezahlt. Was dem ganzen die Krone aufgesetzt hat, war die zu der Zeit übliche, über die Politik und Medien vertriebene Meinung, Ärzte würden sich in Deutschland dumm und duselig verdienen. Zudem seien sie natürlich alle korrupt und häufig inkompetent. Durch diese Stimmungsmache beeinflusst, können sie sich vorstellen wie der Kontakt an der Basis, dass heisst, das sogenannte Arzt Patient Verhältnis, aussah und mit Sicherheit auch heute noch aussieht.
Dass einen irgendwann jeglicher Idealismus und sämtliche Motivation verlässt (....übrigens aufgrund des fehlenden Soziallebens dann auch die Freundin...) ist nicht verwunderlich. Dass es da nicht mehr "Spass" oder "Freude" macht Arzt zu sein, ist verständlich oder ?
Es ist wirklich so, dass kaum einer der Ärzte sich heutzutage über sein Arbeitspensum oder seine wirklichen Arbeitsstunden beschwert. Es ist einfach so, dass man viele Stunden in der weiteren Ausbildung absolvieren muss um was zu lernen, um den Beruf nachher als Facharzt zu beherrschen. Aber warum kann man dafür nicht anständig entlohnt werden ? Dass es usus ist Überstunden mittlerweile gar nicht mal aufzuschreiben, spricht doch dafür, dass wir von der Ärzteschaft zum einen wirklich mit Herzblut und Engagement dabei sind, und zum anderen wirklich versuchen unseren Arbeitgebern so weit wie nur möglich entgegenzukommen. Wahrscheinlich war und ist dies der falsche Weg, der uns dahin gebracht hat, wo wir jetzt sind. Allerdings muss man sich auch hier an die eigene Nase fassen: Viele Ärzte waren und sind nicht bereit sich mal zu wehren, etwas dagegen zu unternehmen. So gut wie sämtliche Gewerkschaften organisiert sind, so schlecht sind es eben auch die Ärzte. Teilweise ist dies durch die Verträge bedingt, teilweise weil Chefärzte ihren Assistenten eher in den Rücken fallen als diese bei ihren Bemühungen bei der Kliniksverwaltung zu unterstützen...
Mittlerweile lebe und arbeite ich in der Schweiz. Auch hier hat man den Käse nicht erfunden. Aber: Der Lohn entspricht zumindest einer annähernd fairen Entlohnung für die geleistete harte Arbeit. Damit kann ich leben.
Viele meiner initial motivierten Kollegen haben übrigens auch in Deutschland das Handtuch geschmissen und sind ins Ausland, in die Pharmaindustrie oder in andere Wirtschaftszweige gewechselt. Würde es nicht mehr Sinn machen, diese hochqualifizierten Leute in deren ursprünglichen Job im Ausbildungsland gut zu bezahlen, anstatt sie in andere Länder, die keinen Cent für deren teure Ausbildung bezahlt haben, ziehen zu lassen ? Macht das volkswirtschaftlich nicht mehr Sinn ?
Ein im Ausland weiterhin motivierter Arzt
Erschreckend ist die Situation der jungen Ärzte in Deutschland, die nach einem langen Studium kaum mehr verdienen als eine Putzfrau, denen kaum Zeit für Privates bleibt - und noch weniger, wenn sie sich wirklich zu ihrer Tätigkeit berufen fühlen.
Treffend, wenn auch mit etwas viel Pathos, stellt das Dossier diese Umstände dar - doch kann sich bedauerlicherweise eine unsachliche und polemische Spitze nicht verkneifen, die sich so treffend in das gesellschaftliche KLischee einreiht.
" schließlich sind sie nicht Lehrer geworden."
Natürlich besteht ein Unterschied zwischen den Zeiten, die ein Lehrer in der Schule und ein Arzt im Krankenhaus verbringt. Doch falls ein Lehrer seinen Job gut macht, hört die Arbeit längst nicht um 14 Uhr auf, sondern beinhaltet neben Vorbereitungen, Korrekturen und Planungen in der heutigen Zeit auch Aufgaben, die ursprünglich nicht zu denen eines Lehrers zählten, sondern in den Bereich der Familie gehörte. WIe auch das Krankenhaus haben sich viele Schulen in Sozialstationen verwandelt.
Natürlich kommen Lehrer eher selten in die verantwortungsvolle Position, dass sie Menschenleben retten und bewahren müssen. Aber genug Verantwortung anderer Art liegt in ihren Händen, was viele vergessen haben. Lehrer erziehen und unterrichten den Nachwuchs unserer Gesellschaft, sie vermitteln ihnen Wissen, Werte und Bildung, Ideale und Ideen.
Unbestritten ist, dass es wie in jeder anderen Berufsgruppe auch unter den Lehrern Menschen gibt, die ihrer Aufgabe nicht ausreichend nachkommen, doch deswegen einen ganzen Berufsstand zu diskreditieren?!
Und um auf die Versklavung zu sprechen zu kommen:
Auch die Lehrer leiden unter dem Zustand unserer Staatskasse, die Stichworte Beförderungsstopp, Streichung des Weihnachtsgeldes und Streichung von Planstellen, die dann einfach nicht neu besetzt werden und deren Arbeit andere mittragen, sollten genügen.
Charite`ist überall. Hier wird Klinikalltag 1:1 wiedergegeben. Durch diese realistische Darstellung bestens informiert, werden hoffentlich die Patienten und auch die Gesundheitspolitiker die Forderungen der jungen demonstrierenden Ärzte -geführt vom mb- besser verstehen.
Dr. Albert Joas, Hausarzt in Bayern,
Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Beitrag über den Alltag als Arzt in Deutschland.
Leider beschränkt sich die Misere jedoch nicht auf die Arbeitsbedingungen im Krankenhaus.
Ich möchte Sie ermutigen, auch über den Alltag als niedergelassener Mediziner zu berichten.
Ich selbst bin Internist und habe nach der Facharztausbildung in einer kardiologischen Fachklinik Kardiologie vertieft. Ich wollte mich jedoch nicht ausschliesslich mit dem relativ engen Bereich der Kardiologie beschäftigen und habe nach der Klinikzeit Mitte der 90iger eine Praxis als Internist übernommen.
Als frisch niedergelassener Internist galt für mich die Verpflichtung, mich zwischen der sogenannten hausärztlichen oder fachärztlichen Versorgung zu entscheiden (mittlerweile sind alle niedergelassenen Internisten dazu gezwungen). Diese Trennung ist keineswegs fachlich begründet (und auch nicht sinnvoll) sondern nur abrechnungsbedingt. Konkret bedeutet dies, dass man als hausärztlicher Internist z.B. keine endoskopische Untersuchung des Darmes oder Ultraschalluntersuchung des Herzens durchführen darf, obwohl man die Ausbildung und fachliche Kompetenz nachweislich dafür hat.
Sagen Sie mal einem ausgebildeten Architekten, er dürfe nur noch Gartenlauben und Garagen bauen, einen Auftrag zum Bau eines Hauses müsse er an einen anderen Kollegen abgeben, der auch nicht besser ausgebildet ist aber abrechnungstechnisch im Bereich Häuser teilnimmt.
Wie definiert sich hier der sogenannte freie Beruf ?
Als niedergelassener Arzt verdient man zunächst mal kein Geld sondern Punkte. Was diese Punkte in Euro und Cent wert sind erfährt man erst ein halbes Jahr später, da dieser Punktwert floatet.
Welcher andere Berufstand lässt es sich gefallen, für seine Arbeit Punkte zu akzeptieren, dessen monetärer Wert erst ein halbes Jahr nach erbrachter Leistung festgesetzt wird aus dem Betrag, der zur Patientenbehandlung von den Krankenkassen zur Verfügung steht, übrigens nachdem alle Angestellten und Vorstände dieser Krankenkassen ihre eigenen Gehälter in Euro und Cent vorher abgezogen haben ?
Hier mangelt es leider auch an innerärztlicher Solidarität und Interessenvertretung.
Die Berufsfreiheit in diesem sogenannten freien Beruf besteht nur noch in der Freiheit, das wirtschaftliche Risiko zu tragen, dem wirtschaftlichen Erfolg wie auch der fachlichen Berufsausübung entsprechend der Ausbildung sind enge Grenzen gesetzt.
Ich selbst bin vor sechs Jahren nach Norwegen ausgewandert und habe die Entwicklung im deutschen Gesundheitssystem aufmerksam verfolgt. Mit Blick auf die berufliche Situation habe ich den Umzug nicht eine Minute bereut.
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