Pro und ContraWomit haben wir Bill Gates und seine Software verdient?

Ich kenne Herrn Gates nicht. Jedenfalls nicht persönlich. Trotzdem denke ich oft an ihn. Zum Beispiel, wenn der Bildschirm meines PCs zu Hause blau wird und die Meldung »Schwerer Ausnahmefehler« erscheint. Oder wenn das Bild plötzlich gefriert und sich der Mauszeiger nicht mehr bewegen lässt. Wenn ich wieder einmal vergeblich mit dem Affengriff Hilfe suche (das von der Firma Microsoft eingeführte Drücken von »Strg«, »Alt« und »Entf«). . von Rudzio

Kurz, meine Gedanken sind sehr oft bei Herrn Gates. Es sind keine schöne Gedanken.

Dabei weiß ich natürlich: Alle diese schlampig entwickelten, von Fehlern (Bugs) strotzenden Programme, die viel Geld kosten, aber nur in ihren Abstürzen zuverlässig sind – die hat Herr Gates nicht selbst geschrieben. Könnte er auch gar nicht.

Er ist bloß damit reich geworden.

Steinreich. Oder soll man sagen: Felsmassiv-Himalaya-reich? Es gibt gar keinen Ausdruck für so viel Geld. Herr Gates ist der reichste Mann des Planeten. Und einer der prominentesten und mächtigsten. Einer, von dessen Händedruck sich Staatschefs geehrt fühlen.

Womit hat William Henry (»Bill«) Gates das verdient? Womit haben wir ihn verdient?

Ganz sicher nicht mit seinem alles überragenden Genie. Wie ein typischer Computerfreak auszusehen bedeutet noch lange nicht, dass wir in seinem Hirn besonders geniale Programmzeilen vermuten müssen.

Nein. Bill (»Dagobert«) Gates profitiert schlicht von einer Eigenheit des Software-Geschäfts: Es neigt zum Monopol. Dafür gibt es mehrere Gründe. Wenn alle das gleiche Programm verwenden, erleichtert das die Zusammenarbeit und den Datenaustausch. Zwischen Freunden, Kollegen, Zulieferern und Kunden, zwischen Internet und Firmennetzwerken, Heimcomputer, Handy oder Digitalkamera. Insbesondere für Betriebssysteme gilt ein sich selbst verstärkender Effekt: Ist eine Software erst einmal verbreitet, bieten viele Firmen auch passende Büro- und Spielprogramme an – wodurch das Betriebssystem noch attraktiver wird und sich noch mehr verbreitet.

Ähnliche technisch begründete Monopole existieren auch in anderen Branchen, etwa bei der Wasserversorgung oder in Telefonnetzen. Deshalb sind diese oft auch in staatlicher Hand oder zumindest unter staatlicher Aufsicht. Allerdings bleiben die Alleinherrscher in diesen Branchen meist lokale Platzhirsche. Bei Software ist das anders.

Da tendiert der ganze Globus zum Monopol.

Da kassiert Bill (»the great«) Gates immer ab, egal, ob einer in Bangalore, New York oder Wanne-Eickel ein Microsoft-Programm in Gang setzt.

Der Sog zum Monopol ist so stark, dass es selbst vernünftige Alternativen wie Apple oder Linux schwer haben, nennenswerte Teile des Marktes zu erobern (und meine Linux-CD immer noch unausgepackt in der Schublade liegt). Zu groß sind die Mühen und Nachteile eines Umstiegs für den Durchschnittsnutzer.

Deshalb kann es sich Bill (»Bug«) Gates erlauben, bei seinen Messeauftritten regelmäßig mit auf Großleinwand projizierten Fehlermeldungen die größtmögliche Blamage zu veranstalten. Es schadet ihm nicht, dass der Blue Screen – der Systemabsturz – zum unverwechselbaren Markenzeichen seiner Produkte geworden ist. Offenbar kann man sich die unglaublichsten Fehler leisten, wenn man auf diesem Markt erst einmal so eine Vormachtstellung errungen hat wie Microsoft.

Gates hat sicher Cleverness bewiesen, als er diese Mechanismen des Software-Marktes frühzeitig erkannte und sich die Rechte an dem Ur-Betriebssystem MS-DOS sicherte. Aber setzte man die sicher vorhandenen Talente von Bill (»the cashier«) Gates ins Verhältnis zu dem von ihm erworbenen unermesslichen Reichtum, dann käme sicher heraus: Dieses Geld ist der wohl unverdienteste Reichtum der Menschheitsgeschichte.

Können wir das – im Nachhinein – gutheißen, weil Sir (»Monopoly«) Gates versprochen hat, mehr als neunzig Prozent seines Wahnsinnsvermögens für wohltätige Zwecke zu spenden? Weil sich Bill (»the spender«) Gates durch das Geld von Millionen Software-Nutzern basisdemokratisch legitimiert fühlt, das Budget eines mittelgroßen Staates auszugeben? Für das, was Bill (»the bill, please!«) Gates gerade wichtig erscheint?

Schöne neue Computerwelt! Schönen Geburtstag, Herr Gates. Ich denke an Sie.

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