Will Ludwig A. Minelli belegen, dass die Idee von einer Gesellschaft, in der Sterbenskranken ohne juristische Hürden tödliche Cocktails bereitgestellt werden, keine Neuigkeit darstellt, hilft ihm Giacomo Casanova. Der berichtete in der Schrift Über den Selbstmord und die Philosophen, dass "Valerius Maximus zufolge" der Senat von Marseille öffentlich Gift an jene ausgab, "die glaubhaft versichern konnten, dass sie es benötigen".

Da die Senatoren hierzulande sich gegen diese Abgabe sperren, übernimmt Minelli. Vor kurzem hat der 72-jährige Generalsekretär des Schweizer Sterbehilfevereins Dignitas eine deutsche Zweigstelle eröffnet. Seither bietet Dignitas auch in Hannover seine umstrittenen Dienste an. Für einen Betrag ab 3000 Schweizer Franken erhält der Betroffene ein One-Way-Ticket in die Schweiz, eine tödliche, vom Arzt verschriebene Dosis Natrium-Pentobarbital (15 Gramm), etwas Betreuung. Die Wohnung zum Jenseits befindet sich in Zürich. Dort ist eine Kamera installiert, damit man den freiwilligen Akt filmen kann – zur juristischen Absicherung. Eigenhändig führt der Sterbewillige das Giftglas zum Mund.

Unter den 5000 Mitgliedern von Dignitas sind mehr Deutsche als Schweizer. Von den rund 450, denen der Verein in den sieben Jahren seit seiner Gründung beim Suizid assistierte, reisten mehr als die Hälfte von Deutschland aus in die Schweiz. Auch die Zweigstelle in Hannover ermöglicht nicht, das Diesseits hierzulande zu verlassen. Die Mitwirkung an Selbsttötungen, und sei es durch Ausstellen eines Rezepts, gilt unter deutschen Medizinern als unethisch. Trotzdem ist das Entsetzen darüber, dass der Schweizer Hilfeleister nach Deutschland expandiert, groß. "Wir wollen bei uns kein Reisebüro des Todes", empörte sich die niedersächsische Justizministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU).

Minelli hat damit erreicht, was er beabsichtigt: Wirbel. Dass Heister-Neumann ein Verbot des Vereins erwirken will, kann ihm nur Recht sein. "Bis zum Verfassungsgericht und zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte" will er gehen, wenn ihn hier einer ausbremsen will. Schlagzeilen in eigener Sache zu machen ist eine Spezialität von Ludwig Amadeus Minelli. Als Journalist oder auch als Talkshowgast zog er in der Vergangenheit kräftig vom Leder. Mit der ZEIT spricht er seit einem kritischen Kommentar nicht mehr.

Mit 54 Jahren wurde der Journalist auch Rechtsanwalt. Fühlt er sich von Sterbehilfegegnern provoziert, scheut Minelli bis heute vor groben Attacken nicht zurück: "Deren Schuld ist ähnlich wie die von verblendeten Nazis." Die feine Klinge führt er dagegen als Experte in Sachen Rechtsprechung. Die Arbeit rund ums Sterben hat er geschickt organisiert. So verlässt er stets rechtzeitig den Ort des Geschehens – für das Sterbebegleiten hat er seine ehrenamtlichen Sterbehelfer. Selbst konzentriert er sich auf seine Funktion als Generalsekretär: "Man muss die Führung vom Operativen trennen."

Für diese Konstellation gibt es delikate juristische Gründe. Sterbehelfer dürfen bloß Spesen verrechnen. Ließen sie sich Honorare auszahlen und würden damit einen persönlichen Vorteil aus dem Ableben eines "Patienten" ziehen, riskierten sie, mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten. Mit Zuchthaus bis zu fünf Jahren droht Artikel 115 des Schweizerischen Strafgesetzbuches. Deshalb betonen die Faltblätter von Dignitas die Ehrenamtlichkeit ihrer Sterbehelfer. Da diese für ihre Tätigkeit nicht bezahlt würden, "kann von selbstsüchtigen Motiven keine Rede sein. Dignitas arbeitet auf einer einwandfreien gesetzlichen Grundlage."

Für sich selbst aber hat Minelli ein besseres Anstellungsverhältnis arrangiert: Indem er die unmittelbare Hilfe beim Sterben anderen überlässt, darf er sichdie eigene Arbeit als angestellter Generalsekretär sehr wohl honorieren lassen. Geschickt hat er bei der Gründung von Dignitas einen Verein gestaltet, der Möglichkeiten bietet, Geld zu verdienen, ohne sich strafbar zu machen.