Zeitwertkonten Wie aus Zeit Geld gemacht wird

Mit Zeitwertkonten ermöglichen Unternehmen ihren Mitarbeitern einen vorgezogenen Ruhestand. Und werben für sich als attraktive Arbeitgeber

Die deutschen Mitarbeiter des Flugzeugbauers Airbus können seit zwei Jahren ganz bequem für den vorgezogenen Ruhestand sparen. Machen sie Überstunden, die die übliche Arbeitszeitschwankungen übersteigen, können sie den zusätzlichen Lohn auf ein Konto einzahlen. Das Gleiche gilt für Weihnachtsgeld, variable Vergütung und Erfolgsbeteiligungen. Der Clou des neuen Kontos: Das Geld jedes Airbus-Mitarbeiters wird von einer Fondsgesellschaft angelegt und soll im Laufe der Jahre eine ansehnliche Rendite erwirtschaften. So können sich die Flugzeugbauer in Zukunft schon Jahre vor dem Beginn ihres eigentlichen Rentenalters aus dem Arbeitsleben verabschieden, ohne auf ihr Gehalt zu verzichten.

Das Angebot der so genannten Zeitwertkonten trägt bei Airbus den etwas ungelenken Namen Siduflex – Sicherheit durch Flexibilität. Dennoch: Zwei Jahre nach seiner Einführung hat es bereits viele Flugzeugbauer überzeugt. Rund ein Drittel der 20000 deutschen Airbus-Angestellten führen mittlerweile ein Siduflex-Konto, jeden Monat kommen über 100 weitere hinzu. Insgesamt zahlen Airbus-Mitarbeiter jährlich rund zwölf Millionen Euro auf ihre Konten ein. »Unsere Zeitwertkonten sind ein großer Erfolg«, sagt Airbus-Arbeitsdirektor Jörg Kutzim. Schließlich profitierten beide Seiten davon. »Das Unternehmen kann besser als zuvor auf Beschäftigungsschwankungen reagieren. Und unsere Mitarbeiter können bei entsprechender Einzahlung ihren Ruhestand um einige Jahre vorziehen«, sagt Kutzim.

Mit der Einführung von Zeitwertkonten für die Mitarbeiter gilt Airbus als ein Vorreiter in Deutschland. Im vergangenen Jahr hatten erst drei Prozent der Unternehmen in Deutschland Lebensarbeitszeitkonten für ihre Mitarbeiter eingerichtet, belegen Zahlen des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). In den kommenden Jahren könnten sie einen Boom erleben, erwarten Experten. »Das Interesse ist riesengroß«, berichtet Peter Fehrenbach, Geschäftsführer des Frankfurter Finanzdienstleisters Euroswitch. Das Ende gesetzlicher Vorruhestandsregelungen und die steigende Lebensarbeitszeit treiben Unternehmen wie Arbeitnehmer dazu, über Alternativen nachzudenken. So werden schon im kommenden Jahr in Deutschland über zwei Milliarden Euro auf Zeitwertkonten fließen, erwarten die Vermögensverwalter der Deutschen Asset Management.

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Für die Arbeitnehmer ist der Steuervorteil attraktiv

Die neue Fondsanlage für Mitarbeiter beruht auf klassischen Arbeitszeitkonten. Diese haben viele Unternehmen schon vor vielen Jahren im Zuge flexibler Arbeitszeiten eingeführt: Mitarbeiter können darauf Plus- oder Minusstunden sammeln und die Differenz zur Soll-Arbeitszeit innerhalb eines Jahres wieder ausgleichen. Anders bei den neuen Lebensarbeitszeitkonten: Hier können Mitarbeiter über viele Jahre hinweg ein Guthaben ansparen, das sie später für Sabbatjahre oder einen vorgezogenen Ruhestand verwenden.

Werden die Konten nicht in Zeiteinheiten geführt, sondern in Geldeinheiten, erwirtschaftet das angelegte Kapital sogar eine Rendite. In diesem Fall spricht man von Zeitwertkonten. Diese Form der betrieblichen Altersvorsorge hat das so genannte Flexi-Gesetz aus dem Jahr 1998 ermöglicht. Für Arbeitnehmer macht das Modell vor allem der Steuervorteil attraktiv, denn sie müssen für das eingezahlte Geld zunächst keine Steuern und Sozialabgaben zahlen. Beides wird erst fällig, wenn der Besitzer das Geld vom Konto abruft. Für Arbeitnehmer hat das zwei Vorteile: Dank der zeitlich verzögerten Versteuerung unterliegt in der Regel ein geringerer Anteil des Gehalts den oberen Steuerprogressionsstufen, was die Steuerlast senkt. Zweitens erwirtschaftet die gesamte Summe eine Rendite, weil der Fiskus erst nach der Geldanlage zugreift. Dank des Zinseszinseffektes ist die Verschiebung der Steuerlast, die heute höhere Einzahlungen ermöglicht, nicht zu unterschätzen.

Die Ausschüttung im Alter funktioniert so: Der Sparer bekommt monatlich Geld von seinem Konto – jeweils in Höhe eines normalerweise fällig gewordenen Gehalts. Beginnt das gesetzliche Rentenalter mit 65 Jahren, kann ein Arbeitnehmer schon einige Jahre früher aufhören zu arbeiten, wenn er die Summe der entsprechenden Gehälter auf seinem Konto hat.

Auf den Vorruhestand muss ein Arbeitnehmer auch nicht verzichten, wenn er das Unternehmen wechselt. In diesem Fall wird das Konto aufgelöst und der Gegenwert auf ein neues Zeitwertkonto am künftigen Arbeitsplatz eingezahlt. Hat der neue Arbeitgeber kein solches Modell, erhält der Angestellte die Summe ausgezahlt. In diesem Fall muss er jedoch Steuern und Sozialabgaben nachzahlen.

Betriebsrat und Unternehmen entscheiden über die Geldanlage

Die Mehrheit der Unternehmen schließt mit dem Betriebsrat eine Vereinbarung, die den Umgang mit Zeitwertkonten regelt. Darin sind typische Fragen geklärt: Welche Gehaltsbestandteile dürfen Mitarbeiter einzahlen, nur das Gehalt aus Überstunden oder auch gewisse Zuschläge oder Boni? Wie wird das Guthaben angelegt? Wofür können Mitarbeiter ihr Kapital später verwenden? Meist beinhalten die Verträge eine Kapitalgarantie, sodass den Kontoinhabern mindestens das eingezahlte Geld sicher ist. »Dieser Punkt ist häufig beiden Seiten wichtig«, berichtet Rupert Klar, Rechtsanwalt der Münchner Kanzlei Sibeth. »Wenn die Geldanlage erfolgreich ist und der Wert des Kontos steigt, kommen die Arbeitnehmer in den Genuss der vollen Rendite.«

Mit der Vermögensverwaltung beauftragen Unternehmen meist eine Fondsgesellschaft. Diese kümmert sich nicht nur um die Geldanlage, sondern auch um die Absicherung der Konten gegen eine Insolvenz des Arbeitgebers. Die Anbieter setzen bei der Geldanlage meist auf so genannte Lebenszyklus-Produkte. Dabei sinkt der Aktienanteil in den einzelnen Portfolios, je älter der Besitzer wird. Stattdessen werden mehr Rentenfonds eingesetzt. Auf diesem Weg will der Anbieter mit steigendem Lebensalter seiner Kunden das Risiko von kurzfristigen Kursverlusten verringern.

Will ein Unternehmen Zeitwertkonten für seine Mitarbeiter einführen, muss es sich zunächst für eine Vorauswahl verschiedener Anlagestrategien entscheiden. »Wir bieten unseren Kunden mehrere Produkte mit unterschiedlichem Chance-Risiko-Profil an«, berichtet Nikolaus Schmidt-Narischkin, bei der Deutsche-Bank-Tochter DeAM für Altersvorsorge-Angebote verantwortlich. Alle Produkte basierten auf Publikumsfonds. Wer auf ein Zeitwertkonto einzahle, könne noch weiter differenzieren, etwa wie hoch die maximale Aktienquote sein solle.

Das Interesse an Zeitwertkonten erwacht nicht nur in großen Konzernen wie Airbus oder Deutsche Telekom. Auch kleine und mittelständische Unternehmen entdecken die neue Form der Altersvorsorge. So hat Euroswitch sein Modell bereits an rund 250 Firmen verkauft – kleine und mittelgroße Unternehmen. Der Anbieter schließt individuelle Vereinbarungen mit einzelnen Mitarbeitern. Auf diesem Weg können Unternehmen zunächst nur einzelne Angestellte an dem Programm teilhaben lassen. »Mit unserem Modell können Unternehmen klein anfangen und das Angebot später auf einen größeren Mitarbeiterkreis ausweiten«, sagt Fehrenbach.

Mit einer kleinen Gruppe von Mitarbeitern hat auch BASF schon begonnen. Der Ludwigshafener Chemiekonzern hat im vergangenen Jahr für seine außertariflich bezahlten Mitarbeiter Zeitwertkonten eingeführt. BASF erhöht jedem Mitarbeiter den Jahresbonus um zehn Prozent und zahlt diesen Betrag auf das neue Konto ein. Derzeit verhandelt der Chemieriese darüber, das Modell auch den übrigen Mitarbeitern anzubieten. Der Grund: Die innovative Altersvorsorge hat sich in der Branche längst herumgesprochen. So berichtet BASF-Personalchef Hans-Carsten Hansen: »Von Bewerbern hören wir immer wieder, dass sie unser Modell der flexiblen Wertkonten höchst attraktiv finden. Wir können uns damit von anderen Arbeitgebern unterscheiden.«

 
Leser-Kommentare
    • SRi24
    • 01.02.2007 um 11:09 Uhr

    Wie ist die Situation, wenn ich als Mitarbeiter im Ausland ein Gehalt beziehe, die flexiblen Gehaltsbestandteile aber auf einem deutschen Zeitwertkonto sammeln möchte?
    Denn im Ausland (z.B. im Fall einer Entsendung) müssen alle Gehaltszahlungen versteuert werden. In D müsste dann der eingezahlte Teil des ausländischen Gehaltes bei Auflösung des Zeitwertkontos erneut versteuert werden.
    Greift hier in irgendeiner Form der Schutz von Doppekbesteuerungsabkommen?

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