Kreationismus Darwin vor Gericht

Im amerikanischen Dover soll ein Prozess entscheiden, ob die Evolutionstheorie Lücken hat und im Biologieunterricht ein »intelligenter Schöpfer« erwähnt werden darf

Am zehnten Tag des Prozesses stellt sich plötzlich die Frage, ob Wissenschaft sein könnte, was wie Wissenschaft klingt. Vor dem Bundesgericht zu Harrisburg (Pennsylvania) nimmt der wichtigste Zeuge der Verteidigung Platz. Grau und blass sieht der Mann aus, eulenhaft sein Gesicht. Offenkundig ein Bücherwurm. Endlos redet er. Seine Argumente wirken kompliziert. Noch komplizierter trägt er vor. Kurzum: Der Mann ist eine Idealbesetzung für die Rolle des Professors. Tatsächlich ist Michael Behe im wirklichen Leben Professor, und zwar an der Lehigh University. Er gilt als Amerikas prominentester Kritiker der Evolutionslehre. Sein Buch wurde 200000-mal verkauft. Nach dem Wunsch der Verteidiger soll Behe in Amerikas großem Prozess um Intelligent Design zeigen, dass die Lehre vom durchdachten Bauplan der Welt mehr ist als eine neue Verpackung für den alten Glauben an die biblische Version der Erschaffung der Welt.

Alle paar Jahrzehnte steht in Amerika die Evolutionslehre vor Gericht. Erst 1925, dann 1968 und 1987. Im Jahre 2005 geht es wieder um die Frage: Wovon darf, wovon muss im Biologieunterricht die Rede sein? Ist die Theorie der »Intelligenten Gestaltung« eine religiöse Vorstellung – oder ist sie auf Fakten und Versuche gegründet, experimentell überprüfbar und falsifizierbar, mithin also Wissenschaft? Dann und nur dann darf sie in einer öffentlichen Schule Erwähnung finden.

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Darum muss Michael Behe sich zunächst als Experte etablieren. Er ist Biochemiker, hat 23 Jahre Lehrerfahrung. Das ließe sich schnell zusammenfassen und dauert doch vor Gericht volle drei Stunden. Ein Beamer wirft Bilder auf eine Leinwand, Auszüge aus Tagungsberichten, Büchern, Aufsätzen. Er schreibe in »etablierten Zeitschriften«, sagt Behe. Mal wird er von einem »berühmten Forscher« rezensiert, mal tritt er an einer »Eliteuniversität« auf. Es fallen die Namen Princeton, Harvard, Tufts. Einmal erwähnt Behe ein Buch, in dem er publiziert hat, und der Anwalt der Verteidigung fragt: »Ist es in einem akademischen Verlag erschienen?« – »Ja«, sagt Behe, »Yale University Press.« – »Ist das ein angesehener Verlag?«, fragt der Anwalt scheinbar naiv. »Ja, sehr angesehen«, kann Behe darauf sagen. All die Prahlerei soll die Erkenntnis fördern, dass im Zeugenstuhl kein Zombie sitzt, sondern der anerkannte Vertreter einer wissenschaftlichen Mindermeinung. Gälte nämlich »Intelligentes Design« nicht länger als widerlegt, sondern nur noch als umstritten, so ließe sich das Monopol der Evolutionslehre in öffentlichen Schulen nur noch schwer aufrechterhalten.

Langsam geht Behe zum Angriff über. Geschickt vermeidet er es, Charles Darwins Lehre gänzlich zu verwerfen. Stattdessen attestiert er ihr »teilweise Erklärungswert«, bemängelt aber »Lücken«, »Widersprüche« und »Fehler«. Bei molekularen Strukturen sieht Behe schließlich »nicht reduzierbare Komplexität« am Werk, die auf ein »absichtsvolles Arrangement von Teilen« schließen lasse. Allein mit der Evolution seien Wunderwerke wie Blutgerinnung, Immunsystem oder Zellen jedenfalls nicht zu erklären. An dieser Stelle taucht die Hand eines »Trägers von Intelligenz« auf. Wer dieser »Träger« ist, weiß Behe nicht. »Persönlich« glaube er, dass es sich um den christlichen Gott handele. Aber das sei »nicht beweisbar«, deshalb wissenschaftlich irrelevant.

Nach neun langen Stunden der Zeugenaussage bleiben die Notizblöcke der Reporter merkwürdig leer. Es ist, als werde chinesisch gesprochen: Man erkennt die Sprache, versteht aber kein Wort. Trüge ein Nobelpreisträger vor, klänge es womöglich genauso. Darum nagt an manchem Beobachter ein klitzekleiner Zweifel: Was, wenn Behe doch kein verwirrter Geist wäre, sondern ein verkanntes Genie? Wenn seine Selbststilisierung die Wahrheit träfe und er ein moderner Kopernikus wäre, der zum Gelächter seiner Zeitgenossen das geozentrische Weltbild verwarf?

Der Schulausschuss im nahen Dover hat sich jedenfalls vergangenes Jahr von Behe überzeugen lassen. Seither müssen die Biologielehrer der Highschool ihren Neuntklässlern eine Erklärung vortragen. Darin heißt es, die »Theorie« der Evolution habe »Lücken«. Intelligentes Design sei ein alternatives Erklärungsmodell, über das es in der Schulbibliothek mehr zu lesen gebe. Dort finden interessierte Schüler dann ein Lehrbuch, dessen Koautor Michael Behe ist. Weil es Of Pandas and People heißt, nennen die Kritiker das Gerichtsverfahren Panda-Prozess. Elf Eltern haben geklagt. Sie glauben, ihre Kinder würden religiös beeinflusst. Das wäre verfassungswidrig. Deshalb soll das Gericht die Frage klären, ob Intelligent Design Religion oder Wissenschaft ist.

Nichts fürchten die Sektierer mehr als eine Staatskirche

Leser-Kommentare
    • ithox
    • 02.11.2005 um 8:46 Uhr

    es wird ein Versuch unternommen, das Werk des „Schöpfers“ als solches zu erkennen und zu beweisen.
    Dies scheint mir ein sehr gewagtes Unterfangen zu sein, weil es schon sehr schwierig zu definieren ist, was des „Schöpfers“ Werk ist und was anderswie entstand, z.B. durch Mutation. Die Mutation will doch keiner Bestreiten, hoffe ich zumindest.
    Wenn man sagt, die Evolution ist auch des „Schöpfers“ Werk, dann gibt es nichts mehr zu diskutieren, man könnte in aller Ruhe die Lücken oder Klüften in dem Wissen ausfühlen.
    Worum geht es also hier? Will man beweisen, dass es Gesetze in der Natur gibt, an die man sich halten soll, weil die aus „Schöpfers“ Hand entstanden sind und dass es auch andere gibt, die durch z.B. „Mutation“ entstanden sind? Also vom „Schöpfer’s“ Werk abweichen.
    Tja, den Rest kann man sich schon denken.

  1. An diesem Punkt kann ich die "Väter" der Vereinigten Staaten von Amerika verstehen: Ein Einwanderungsland wie die USA wäre bereits kurz nach seiner Gründung wieder auseinandergefallen, hätte man nicht von Anfang an auf einer Trennung zwischen Staat und Religion bestanden. Besonders wichtig ist diese Trennung meiner Auffassung nach im Bildungsbereich. Eine Gesellschaft, deren Mitglieder in den beiden prägendsten Phase ihres Lebens, der Kindheit und der Jugend, bereits religiös indoktriniert werden, sind im "Ernstfall" als Erwachsenen nur schwer zu vorurteilsfreier Zusammenarbeit zu bewegen. Die religiösen Unterschiede dominieren, insbesondere in kritischen Situationen, leicht alle ökonomischen, sozialen oder kulturellen Gemeinsamkeiten, weil Religionen per Definition die Basis eines "richtigen" Lebens und damit immer Messlatte für alle Wertung und sämtliche zu treffenden Entscheidungen sind. Das mag einer der Gründe dafür sein, dass nach Phasen der "Verweltlichung" unweigerlich wieder solche kommen, in denen Religion eine wichtige Rolle spielt. Gelernt ist gelernt und das Alphabet vergisst man schließlich auch nicht wieder, selbst dann nicht, wenn man ein "biblisches Alter" erreicht.

    Mag sein, die USA haben momentan so ihre Schwierigkeiten mit der rigorosen Trennung zwischen Kirche und Staat. Das nur unvollständig säkularisierte Deutschland allerdings könnte durchaus vergleichbare Probleme bekommen. Die amerikanischen Schwierigkeiten werden immerhin vor Gerichten verhandelt. Ergehende Urteile sind bindend und werden irgendwann akzeptiert werden müssen (man kann nicht unendlich oft ein und dasselbe Thema verhandeln lassen). Die Debatte in Deutschland wird vor Ort geführt werden müssen - in den Schulen, den Kitas und Universitäten. Dort ist ein Ende nicht absehbar. Jede neue Schüler- bzw. Elterngeneration wird die gleichen Forderungen stellen und die selben Kämpfe kämpfen. Es gibt keine "letzte Instanz", an deren Urteil die streitenden Parteien gleichermaßen gebunden wären. Dem Lernklima dürfte dieser Umstand nicht unbedingt förderlich sein. Dem Ziel einer wenigstens partiell diskursfähigen Gemeinschaft übrigens auch nicht - wie man unschwer in einem der aktuellen ZEIT-Artikel nachlesen kann.

  2. Nachdem also die Spezies, Mensch/emotional-betroffen, bemerkt hat, dass das eigene Gehirn negtive Einflüsse auf den Organismus ausübt, entfernen leider nicht möglich war/ist, musste eine andere Lösung her. "The best fitting" ist: Das Gehirn zu leeren bis nichts weiter darin ist als das was sich "gut anfühlt" weil im direkten Kontakt mit anderen akzeptiert und gefördert. Ich hoffe diese Seuche schafft es nicht über den grossen Teich.

    ["gut anfühlt" ist ein Synonym für "nichts-fühlen"]

    Hat da irgendwer ein irdisches Nivana garantiert, ewige Schmerzfreiheit? Ans Kreuz mit dem!

    Wahrheit macht frei! Nicht die Anonymität innerhalb der Masse.

  3. "Seelig sind die Bekloppten, denn sie brauchen keinen Hammer" muss doch wohl die innere Grundhaltung der Kreationisten sein?!!!

    Eine wunderbare, ernst zu nehmende Satire zum Kreationismus ist unter http://uncyclopedia.org/w...

    nachzulesen.

    • hinowp
    • 28.10.2005 um 2:11 Uhr

    Es wäre interessant zu sehen, ob auch noch andere "andere" Theorien im Unterricht Erwähnung finden werden, beispielsweise die Versionen der amerikanischen Ureinwohner.

    Ich glaube, dass die Methode des "peer-review" durch nichts zu ersetzen ist. Natürlich birgt diese Methode die Gefahr, dass Gutachter voreingenommen sind. Das würde aber nicht verhindern, eine "vernüftige" Theorie auf die Dauer zu unterdrücken. Zu einem guten Wissenschaftler gehört auch die Fähigkeit, Argumente ernst zu nehmen, die den eigenen Ansichten zuwiderlaufen. Einsteins Relativitätstheorien haben es jedenfalls nicht so schwer gehabt, annerkannt zu werden.

  4. Bei den immergleichen Disputationen zur Entstehung der Weltbewohner wird immergleich die Evolutions"theorie" ob ihres theoretischen Status herabgewürdigt.
    In der Wissenschaft beginnt man mit der Hypothese, die man versucht durch Experimente zu erhärten, zu belegen oder aber auch zu widerlegen. Aus diesen Ergebnissen kann man - im günstigsten Fall - eine Regel ableiten, die man in eine "Theorie" kleidet, sprachlich ausgestaltet.
    Eine Theorie in der Wissenschaft IST daher immer schon das Ergebnis von Experimenten, Versuchen die Bestätigungen für eine Hypothese lieferten.

    Erst, wenn man die über 4 Milliarden Jahre dauernde Entwicklung des Lebens auf diesem Planeten 1:1 wird experimentell "nachkochen" können, erst dann werden die allerletzten Zweifel ausgeräumt sein - was ja noch ein bißchen dauern dürfte.
    Viel Spaß also beim immergleichen Austausch der immergleichen Standpunkte auf nochviel mehr Papier und Webraum!

    • felixx
    • 27.10.2005 um 17:17 Uhr

    Ich weiß nicht, warum Autor Kleine-Brockhoff so genüßlich süffisant schreibt, sich offensichtlich auf absolut sicherem Terrain wähnend. Weiß er nicht, dass auch die Evolultions-Theorie einen großen Glauben abverlangt?

    Wenn man seine berechtigte Forderung:

    "Ist die Theorie der »Intelligenten Gestaltung« eine religiöse Vorstellung – oder ist sie auf Fakten und Versuche gegründet, experimentell überprüfbar und falsifizierbar, mithin also Wissenschaft? Dann und nur dann darf sie in einer öffentlichen Schule Erwähnung finden."

    im gleichen Maßstab auf die Evolutions-Theorie anlegt, dann bleibt da auch nicht viel mehr als Glaube und Interpretation übrig. Auch die THEORIE der »Unintelligenten Entwicklung« ist nicht experimentell überprüfbar und falsifizierbar, mithin also keine echte Wissenschaft im üblichen Sinne.

    Dies sollte fairerweise mal ganz unsüffisant zurechtgerückt werden.

    • ClausM
    • 29.10.2005 um 12:13 Uhr

    Kein Gericht braucht darüber zu entscheiden, ob die Evolutiontheorie Lücken hat. Sie hat Lücken! Lücken insofern, dass man zwar annimmt das mit der Evolutionstheorie alles erklärbar ist, aber von den Evolutionstheoretikern längst noch nicht alles erklärt ist.

    Schon Darwin und Wallace, die Begründer der Evolutionstheorie, haben darauf hingewiesen. Welchen Sinn macht die Menopause, die doch ziemlich drastisch die Vorpflanzungsfähigkeit einschränkt? Welchen Sinn ergeben Kunst und Kultur evolutionstheoretisch?

    Doch viele dieser Fragen klären sich, auf fast wunderbare Weise. Es zeigt sich, das eine Großmutter für das Überleben der Art sehr viel mehr bringt, als eine alte Frau die zwar noch Gebären kann, aber kaum noch die Kraft aufbringt den Nachwuchs aufzuziehen. Diese Art von fruchtloser Fruchtbarkeit ist aus der Evolution ausgeschieden.

    Letztlich wird die Evolutionstheorie auch das vielleicht größte Mysterium erklären: "die Macht der Liebe".

    P.S. Wissenschaft fragt nach dem "Wie", nicht nachdem "Warum".

    Man sollte sich vor Augen halten, dass man sehr lange Zeit aus der Frage "Warum Leben wir?", Anworten für die Frage "Wie sollten wir Leben?" abgeleitet hat. Zum Beispiel im Mittelalter. Die Entkopplung dieser beiden Fragestellungen, kennzeichnet den Beginn der Neuzeit. Bei Fragestellungen haben ihre Berechtigung.

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