Kreationismus Darwin vor GerichtSeite 3/3

So ähnlich sehen es offenbar die beklagten Mitglieder des Schulausschusses. In Hülle und Fülle gibt es Zitate über ihre religiösen Motive. Erst neuerdings scheinen sie verstanden zu haben, dass sie damit ihre Siegchancen im Prozess schmälern. Inzwischen betonen sie taktisch klug, es gehe ihnen allein um wissenschaftliche Akkuratesse. Wollen sie gewinnen, müssen sie alle Fingerabdrücke der Religion auf der Lehre vom Intelligenten Design beseitigen. Denn 1987 verbannte das Verfassungsgericht die Schöpfungslehre aus den Schulen, weil es sich um Religion handele. Kann es Zufall sein, dass die Lehre von der »durchdachten Gestaltung« just in den Jahren nach diesem Urteil entstand? Ist » Intelligent Design« nur eine juristische Sprachregelung im ewigen Kulturkampf? Quasi ein Evolutionsprodukt des Kreationismus, das seine Herkunft zu verbergen sucht?

Genau das will Eric Rothschild, der Anwalt der Kläger, belegen. Sein Instrument ist das Kreuzverhör. Wie ein Raubtier umkreist er den Zeugen Behe. Zunächst bleibt der Anwalt auf Distanz, stellt scheinbar harmlose Fragen. In Wahrheit verstrickt er ihn in ein Netz von Widersprüchen: »Sie behaupten, Intelligent Design sei eine wissenschaftliche Theorie?« – »Ja.« – »Wenn Sie von einer wissenschaftlichen Theorie sprechen, definieren Sie den Begriff nicht so eng, wie die Akademie der Wissenschaften es tut?« – »Ja, stimmt.« (…) »Und nach der Definition der Akademie wäre Intelligent Design keine wissenschaftliche Theorie, stimmt’s?« Jetzt ist Behe gefangen. Er muss einräumen, er sei sich »nicht sicher«, und nach seiner laxen Definition wäre auch »Astrologie eine wissenschaftliche Theorie«. Denn, so sagt er, eine Theorie müsse ja »nicht wahr sein«. In diesem Moment hat er selbst Intelligentes Design zur reinen Spekulation herabgestuft. Und so geht es weiter: »Stimmt es, dass kein einziger Artikel Intelligent Design unterstützt, der zuvor einem unabhängigen Gutachter vorlag?« – »Tausende Artikel erwähnen die ›nicht reduzierbare Komplexität‹, ein oder zwei auch ›Intelligentes Design‹.« – »Noch mal: kein einziger Artikel mit Peer Review, der Ihre Theorie stützt, stimmt’s?« – »Ja, stimmt.«

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Seinen Höhepunkt erreicht das Kreuzverhör, als Anwalt Rothschild die Definition des Intelligenten Designs aus jenem Panda- Buch vorliest, das Behe den Schülern empfiehlt. Da steht, dass »die verschiedenen Lebensformen abrupt mit Hilfe eines Trägers von Intelligenz« entstanden, und zwar schon mit »ausgeprägten Merkmalen«, Fische etwa »mit Flossen«. – »Ist ’ne gottzentrierte Theorie, nicht?«, fragt Anwalt Rothschild und zwingt Behe, sich von einem Buch zu distanzieren, das er selbst mitgeschrieben hat. Diese Sätze, sagt Behe, seien »schlecht formuliert« und die Schlussfolgerungen »provisorisch«. Der Anwalt fasst nach: »Wenn man das Wort ›Träger von Intelligenz‹ durch ›christlicher Schöpfer‹ ersetzte, verlöre die Definition keineswegs ihren Sinn, oder?« Vielleicht hat der Anwalt in diesem Moment den Fingerabdruck der Religion gefunden.

Reichlich zerzaust tritt Michael Behe nach Stunden ins Freie. Dort erwartet ihn das Kreuzverhör der Medien. Nach einigen Minuten sind alle Zitate eingeholt; nur ein Journalist bleibt zurück. Dessen Vorstellung wird für den Professor zur Überraschung des Tages: »Mein Name ist Matthew Chapman, ich bin der Ururenkel von Charles Darwin.« Nach einer Sekunde der Verblüffung hellt Behes Gesicht sich auf. »Freut mich sehr«, sagt er, als fühle er sich durch hohen Besuch geehrt. Darauf Chapman: »Ich möchte einen Film über Amerika und die Rationalität drehen. Hätten Sie Lust mitzumachen?« So verabreden sich Darwins Spross und Darwins Kritiker zum Gespräch. Und dann umarmen sie einander – wenn auch nur fürs Erinnerungsfoto.

 
Leser-Kommentare
    • ithox
    • 02.11.2005 um 8:46 Uhr

    es wird ein Versuch unternommen, das Werk des „Schöpfers“ als solches zu erkennen und zu beweisen.
    Dies scheint mir ein sehr gewagtes Unterfangen zu sein, weil es schon sehr schwierig zu definieren ist, was des „Schöpfers“ Werk ist und was anderswie entstand, z.B. durch Mutation. Die Mutation will doch keiner Bestreiten, hoffe ich zumindest.
    Wenn man sagt, die Evolution ist auch des „Schöpfers“ Werk, dann gibt es nichts mehr zu diskutieren, man könnte in aller Ruhe die Lücken oder Klüften in dem Wissen ausfühlen.
    Worum geht es also hier? Will man beweisen, dass es Gesetze in der Natur gibt, an die man sich halten soll, weil die aus „Schöpfers“ Hand entstanden sind und dass es auch andere gibt, die durch z.B. „Mutation“ entstanden sind? Also vom „Schöpfer’s“ Werk abweichen.
    Tja, den Rest kann man sich schon denken.

  1. An diesem Punkt kann ich die "Väter" der Vereinigten Staaten von Amerika verstehen: Ein Einwanderungsland wie die USA wäre bereits kurz nach seiner Gründung wieder auseinandergefallen, hätte man nicht von Anfang an auf einer Trennung zwischen Staat und Religion bestanden. Besonders wichtig ist diese Trennung meiner Auffassung nach im Bildungsbereich. Eine Gesellschaft, deren Mitglieder in den beiden prägendsten Phase ihres Lebens, der Kindheit und der Jugend, bereits religiös indoktriniert werden, sind im "Ernstfall" als Erwachsenen nur schwer zu vorurteilsfreier Zusammenarbeit zu bewegen. Die religiösen Unterschiede dominieren, insbesondere in kritischen Situationen, leicht alle ökonomischen, sozialen oder kulturellen Gemeinsamkeiten, weil Religionen per Definition die Basis eines "richtigen" Lebens und damit immer Messlatte für alle Wertung und sämtliche zu treffenden Entscheidungen sind. Das mag einer der Gründe dafür sein, dass nach Phasen der "Verweltlichung" unweigerlich wieder solche kommen, in denen Religion eine wichtige Rolle spielt. Gelernt ist gelernt und das Alphabet vergisst man schließlich auch nicht wieder, selbst dann nicht, wenn man ein "biblisches Alter" erreicht.

    Mag sein, die USA haben momentan so ihre Schwierigkeiten mit der rigorosen Trennung zwischen Kirche und Staat. Das nur unvollständig säkularisierte Deutschland allerdings könnte durchaus vergleichbare Probleme bekommen. Die amerikanischen Schwierigkeiten werden immerhin vor Gerichten verhandelt. Ergehende Urteile sind bindend und werden irgendwann akzeptiert werden müssen (man kann nicht unendlich oft ein und dasselbe Thema verhandeln lassen). Die Debatte in Deutschland wird vor Ort geführt werden müssen - in den Schulen, den Kitas und Universitäten. Dort ist ein Ende nicht absehbar. Jede neue Schüler- bzw. Elterngeneration wird die gleichen Forderungen stellen und die selben Kämpfe kämpfen. Es gibt keine "letzte Instanz", an deren Urteil die streitenden Parteien gleichermaßen gebunden wären. Dem Lernklima dürfte dieser Umstand nicht unbedingt förderlich sein. Dem Ziel einer wenigstens partiell diskursfähigen Gemeinschaft übrigens auch nicht - wie man unschwer in einem der aktuellen ZEIT-Artikel nachlesen kann.

  2. Nachdem also die Spezies, Mensch/emotional-betroffen, bemerkt hat, dass das eigene Gehirn negtive Einflüsse auf den Organismus ausübt, entfernen leider nicht möglich war/ist, musste eine andere Lösung her. "The best fitting" ist: Das Gehirn zu leeren bis nichts weiter darin ist als das was sich "gut anfühlt" weil im direkten Kontakt mit anderen akzeptiert und gefördert. Ich hoffe diese Seuche schafft es nicht über den grossen Teich.

    ["gut anfühlt" ist ein Synonym für "nichts-fühlen"]

    Hat da irgendwer ein irdisches Nivana garantiert, ewige Schmerzfreiheit? Ans Kreuz mit dem!

    Wahrheit macht frei! Nicht die Anonymität innerhalb der Masse.

  3. "Seelig sind die Bekloppten, denn sie brauchen keinen Hammer" muss doch wohl die innere Grundhaltung der Kreationisten sein?!!!

    Eine wunderbare, ernst zu nehmende Satire zum Kreationismus ist unter http://uncyclopedia.org/w...

    nachzulesen.

    • hinowp
    • 28.10.2005 um 2:11 Uhr

    Es wäre interessant zu sehen, ob auch noch andere "andere" Theorien im Unterricht Erwähnung finden werden, beispielsweise die Versionen der amerikanischen Ureinwohner.

    Ich glaube, dass die Methode des "peer-review" durch nichts zu ersetzen ist. Natürlich birgt diese Methode die Gefahr, dass Gutachter voreingenommen sind. Das würde aber nicht verhindern, eine "vernüftige" Theorie auf die Dauer zu unterdrücken. Zu einem guten Wissenschaftler gehört auch die Fähigkeit, Argumente ernst zu nehmen, die den eigenen Ansichten zuwiderlaufen. Einsteins Relativitätstheorien haben es jedenfalls nicht so schwer gehabt, annerkannt zu werden.

  4. Bei den immergleichen Disputationen zur Entstehung der Weltbewohner wird immergleich die Evolutions"theorie" ob ihres theoretischen Status herabgewürdigt.
    In der Wissenschaft beginnt man mit der Hypothese, die man versucht durch Experimente zu erhärten, zu belegen oder aber auch zu widerlegen. Aus diesen Ergebnissen kann man - im günstigsten Fall - eine Regel ableiten, die man in eine "Theorie" kleidet, sprachlich ausgestaltet.
    Eine Theorie in der Wissenschaft IST daher immer schon das Ergebnis von Experimenten, Versuchen die Bestätigungen für eine Hypothese lieferten.

    Erst, wenn man die über 4 Milliarden Jahre dauernde Entwicklung des Lebens auf diesem Planeten 1:1 wird experimentell "nachkochen" können, erst dann werden die allerletzten Zweifel ausgeräumt sein - was ja noch ein bißchen dauern dürfte.
    Viel Spaß also beim immergleichen Austausch der immergleichen Standpunkte auf nochviel mehr Papier und Webraum!

    • felixx
    • 27.10.2005 um 17:17 Uhr

    Ich weiß nicht, warum Autor Kleine-Brockhoff so genüßlich süffisant schreibt, sich offensichtlich auf absolut sicherem Terrain wähnend. Weiß er nicht, dass auch die Evolultions-Theorie einen großen Glauben abverlangt?

    Wenn man seine berechtigte Forderung:

    "Ist die Theorie der »Intelligenten Gestaltung« eine religiöse Vorstellung – oder ist sie auf Fakten und Versuche gegründet, experimentell überprüfbar und falsifizierbar, mithin also Wissenschaft? Dann und nur dann darf sie in einer öffentlichen Schule Erwähnung finden."

    im gleichen Maßstab auf die Evolutions-Theorie anlegt, dann bleibt da auch nicht viel mehr als Glaube und Interpretation übrig. Auch die THEORIE der »Unintelligenten Entwicklung« ist nicht experimentell überprüfbar und falsifizierbar, mithin also keine echte Wissenschaft im üblichen Sinne.

    Dies sollte fairerweise mal ganz unsüffisant zurechtgerückt werden.

    • ClausM
    • 29.10.2005 um 12:13 Uhr

    Kein Gericht braucht darüber zu entscheiden, ob die Evolutiontheorie Lücken hat. Sie hat Lücken! Lücken insofern, dass man zwar annimmt das mit der Evolutionstheorie alles erklärbar ist, aber von den Evolutionstheoretikern längst noch nicht alles erklärt ist.

    Schon Darwin und Wallace, die Begründer der Evolutionstheorie, haben darauf hingewiesen. Welchen Sinn macht die Menopause, die doch ziemlich drastisch die Vorpflanzungsfähigkeit einschränkt? Welchen Sinn ergeben Kunst und Kultur evolutionstheoretisch?

    Doch viele dieser Fragen klären sich, auf fast wunderbare Weise. Es zeigt sich, das eine Großmutter für das Überleben der Art sehr viel mehr bringt, als eine alte Frau die zwar noch Gebären kann, aber kaum noch die Kraft aufbringt den Nachwuchs aufzuziehen. Diese Art von fruchtloser Fruchtbarkeit ist aus der Evolution ausgeschieden.

    Letztlich wird die Evolutionstheorie auch das vielleicht größte Mysterium erklären: "die Macht der Liebe".

    P.S. Wissenschaft fragt nach dem "Wie", nicht nachdem "Warum".

    Man sollte sich vor Augen halten, dass man sehr lange Zeit aus der Frage "Warum Leben wir?", Anworten für die Frage "Wie sollten wir Leben?" abgeleitet hat. Zum Beispiel im Mittelalter. Die Entkopplung dieser beiden Fragestellungen, kennzeichnet den Beginn der Neuzeit. Bei Fragestellungen haben ihre Berechtigung.

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