H5N1 Huhn unter Arrest

Geflügelzüchter pferchen ihre Tiere in den Stall. Reicht das, um die Seuche aufzuhalten, oder hilft auf Dauer nur die Impfung aller Bestände?

Aus dem Hühnerstall von Thomas Faltermaier dringt ein leises Klopfen. Drinnen drängen sich die braun und weiß gefiederten Legehennen vor dem Ausgang ihres Stalls und picken auf die Sperrholzbretter ein, die ihnen den Weg ins Freie versperren. »Klar, die wollen raus«, sagt Faltermaier. Seine 1400 Hühner sind daran gewöhnt, gleich nach der Mittagsfütterung hinaus auf die fußballfeldgroße Wiese zu dürfen. Jetzt erinnern nur ein bisschen Hühnerdreck und Scharrspuren daran, dass unter den Zweigen der Pappeln noch vor kurzem Hunderte Vögel liefen. Die Wiese ist verwaist, auch Faltermaiers Vögel haben Hausarrest, um sie vor der herannahenden aviären Influenza, der Vogelgrippe, zu schützen.

»So ein Viech merkt doch auch, was heute für ein schöner Tag ist«, sagt Faltermaier. Tatsächlich zeigt der Herbst sich von seiner Bilderbuchseite. Der Föhn hat die Wolken über den sanften Hügeln Niederbayerns weggeblasen, und in der trockenen Luft leuchtet das Laub noch bunter. Üblicherweise, sagt der bedächtige Niederbayer, bleibe höchstens jede zwanzigste Henne drinnen im Stall. Nun haben die Behörden Stallpflicht für alles deutsche Zuchtgeflügel angeordnet. Faltermaiers Hühner machen sich mit lautem Gackern bemerkbar, als sie vor dem Stall die Stimmen des Bauern und der beiden Amtstierärzte vom Veterinäramt Landshut hören.

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Noch kann sich der Hühnerzüchter damit beruhigen, dass der Freiheitsentzug ja nur vorübergehend ist. Vom 15. Dezember an darf das Geflügel – wenn es dann nicht zu kalt ist – wieder ins Freie. Was aber, wenn im nächsten Frühjahr die ersten Wildvögel an H5N1, dem Erreger der Vogelgrippe, verenden? Oder schlimmer noch: Was geschieht, wenn das tückische Virus sich in den Wildvögeln festsetzt und dauerhaft im Land bleibt, wie in Asien? Bekommen die Hühner dann lebenslänglich? Und was ist mit all den Gänsen, Enten, Nandus und dem anderen Flügelgetier, das ohnehin nur im Freien lebt?

Die schöne, heile Geflügelwelt ist in Gefahr. Die meisten der gut vier Millionen deutschen Freiland-Legehennen dürfen in diesen Tagen zum letzten Mal nach draußen. Reicht das Wegsperren, oder müssen die Tiere nicht doch irgendwann geimpft werden? Die Entscheidung kann nicht allein aufgrund seuchenhygienischer Überlegungen getroffen werden, dafür kollidieren bei dem Problem zu viele, bisweilen unvereinbare Interessen. Die Bevölkerung möchte günstiges, gesundes Essen und Schutz vor Tieren, die auch Menschen anstecken könnten. Die Züchter schrecken vor Impfungen zurück, weil sie ihr Produkt dann nicht mehr weltweit verkaufen dürften. Und die Virologen wollen verhindern, dass sich das Virus H5N1, das bisher fast ausschließlich für Vögel gefährlich ist, in eine Menschengrippe verwandelt. Fürs Erste wird die Stallpflicht alle Ansprüche befriedigen. Doch ob dies auf Dauer reicht, weiß im Moment niemand.

Hobbyzüchter haben nur kleine Ställe. Partyzelte sind die Lösung

Jetzt heißt es erst einmal, das Federvieh zusammenzuscheuchen. Dass die Veterinäre Ellen Baum und ihr Kollege Otto Erb den Betrieb Faltermaiers noch nach Dienstschluss unter die Lupe nehmen, ist eine Ausnahme für die ZEIT- Redaktion. Die Tierärzte sehen sich nicht als Stall-Sheriffs, sondern als Berater, die den verunsicherten Bauern helfen, die Eilverordnungen aus den Amtsstuben umzusetzen. »Soll ich mich mit dem Feldstecher auf die Pirsch machen, während im Veterinäramt das Telefon heiß läuft?«, fragt Baum amüsiert. Ihr Kollege Erb wedelt mit einem dicken Packen Gesprächsnotizen: verunsicherte Bauern, verwirrte Jäger, ängstliche Nachbarn, besorgte Eltern, die allein an diesem Vormittag bei den Amtstierärzten Rat suchten.

Ob nun wirklich alle Trut-, Perl-, Reb- und sonstigen Hühner sowie Fasane, Laufvögel, Wachteln, Enten und Gänse hinter Schloss und Riegel sind, lässt sich wohl nicht überwachen. Der Computer im Veterinäramt Landshut kann zwar die Koordinaten von 600000 gemeldeten Hühnern – davon 400000 Masthähnchen – und 50000 weiteren Federviechern im Landkreis ausspucken, um im Ernstfall möglichst schnell Sperrzonen festlegen zu können. Das Gros der Tiere bereitet im Moment aber geringe Sorgen. Die meisten von ihnen leben in mittleren und großen Betrieben, wo, wie bei Faltermaier, genügend Platz im Stall ist. Das Problem sind die kleinen Geflügelhalter, die nebenbei, als Hobby oder zum Eigenbedarf, ein paar Hühner, Enten oder Gänse mästen. »Für die gibt es höchstens einen kleinen Stall für die Nacht, damit der Fuchs sie nicht holt«, sagt Baum. Für längere Zeit sind diese Quartiere aber zu klein: Die Tiere würden aufeinander losgehen.

Ausnahmsweise akzeptiert die Stallpflichtverordnung auch provisorische Unterstände, wenn die Vögel regelmäßig untersucht werden. Faltermaier baut einen »Wintergarten«, eine Art Voliere vor dem Stall, in dem die Hennen etwas Auslauf an der frischen Luft haben sollen. »Der Maschendrahtzaun ist zu grob«, moniert Ellen Baum, eine resolute Schwäbin, die im Kreis Landshut für den Kampf gegen Tierseuchen zuständig ist. Kleinere Wildvögel könnten in das Gehege eindringen und mit ihnen Grippeviren. Faltermaier muss zusätzlich ein Vogelnetz vor seine selbst gezimmerte Hühnerveranda spannen.

Lange Zeit hatte es geheißen, man müsse sie nur mit einem Netz nach oben hin sichern, damit Zugvögel nicht landen können. Doch das ist falsch, auch der vom Himmel regnende Kot vergrippter Tiere ist für Hausvögel infektiös. Behelfsställe müssen daher nach oben wasserdicht abgedeckt sein. Die Lösung seien Partyzelte, sagen Erb und Baum. Mit Kaninchengitter die Seiten abdichten – fertig sei der provisorische Stall. Allerdings kann es ein schwieriges Unterfangen sein, Ende Oktober noch ein Partyzelt aufzutreiben. Die Grillsaison ist schließlich beendet.

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