In die Betreffzeile einer von vielen E-Mails an ihre Mutter schrieb Karin: »Setz dich hin.« Auch wenn ihre Mutter am Computer sowieso sitzen würde, hielt sie diese Vorwarnung für angebracht. Denn Karin, 19 Jahre alt und Tausende von Kilometern von zu Hause entfernt, hatte mitzuteilen: »Ich bin schwanger.«

Dabei hatten Karins Eltern (die in Uruguay leben) ihr doch immer wieder gesagt: Erst studieren, dann »den richtigen Mann« heiraten, dann Kinder kriegen. Karin hatte bloß einen Schulabschluss aus Uruguay, der in Deutschland nicht anerkannt wurde, weder eine Ausbildung noch einen Ehemann. Und kaum Geld: Bevor sie schwanger wurde, hatte sie eine Weile als Au-Pair-Mädchen gejobbt. Ihren Freund, einen Studenten der Japanologie, hatte sie erst ein paar Monate zuvor kennen gelernt. Ihr Heimweh und ihre Geldsorgen weinte Karin lieber allein vor dem Computer aus, die Sorgen der Eltern würden auch so schon groß genug sein. Karin war ja selbst ein Nervenbündel, damals, im Sommer vor drei Jahren.

Mutter mit 19: Dieser Fall ist in Deutschland inzwischen so selten, dass er vielen nur noch als Härtefall in Fernsehreportagen begegnet. Für die meisten Jugendlichen in Deutschland wäre es eher eine Bedrohung denn ein Grund für Freudenfeste, ein Kind zu erwarten mit knapp 20. Oder mit 25. Und manche empfänden es auch noch mit knapp 30 so, dem derzeitigen Durchschnittsalter deutscher Frauen bei der Geburt ihres ersten Kindes.

»Ein gescheites Mädchen würde in deiner Situation abtreiben«, bekam Karin von einer Freundin der Familie zu hören. »So was tut schon weh«, sagt Karin, heute 22 Jahre alt.

Denn Karin und ihr damals 26-jähriger Freund Stephan hatten sich bereits für das Kind entschieden. Und für ein Leben gegen den Trend: als junge Familie in Deutschland.

Die Geburtenrate in Deutschland nimmt schon seit dem so genannten Pillenknick in den Sechzigern ruckweise ab. Seit 1991 gibt es stetig weniger Neugeborene, im Durchschnitt kommen auf jede Frau 1,4 Kinder. Inzwischen hat sich herumgesprochen, dass ein Durchschnitt von 2,1 Kindern pro Frau erforderlich wäre, um die Bevölkerungszahl langfristig stabil zu halten – und um Deutschland gegen eine nahende Flut gesellschaftlicher und vor allem volkswirtschaftlicher Probleme abzusichern.

Warum eigentlich die Familienpolitik noch immer nicht genügend Anreize zum Kinderkriegen schaffen konnte, ist unklar. Denn ebenso unklar ist, ob allein politische Maßnahmen greifen können. Ob das Problem überhaupt eines ist, das man, nach einer Bundestagswahl, einigen wenigen Familienpolitikern überantworten kann?