roman Lasst uns betenSeite 3/3
Nach mehreren Berufswechseln ist aber genügend Distanz zwischen dem Kritiker und der Dichterin entstanden: Ohne sich zu genieren, darf dieser sagen, es ist genug Objektivität vorhanden, um unbefangen zu behaupten: Man ist hingerissen.
PS: Reinhard Kaiser hat vorzüglich übersetzt. Aber das tut er immer.
- Datum 27.10.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 27.10.2005 Nr.44
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Ja, Tristram Shandy. Daran hatte ich beim Lesen gar nicht gedacht. Wohl aber an die Erzählweise der Aufklärer, die von Sterne ja beeinflusst waren, allen voran Diderot in seinem Jacques Le Fatatliste. Dessen Erzähltempo finde ich bei Dische wieder: die Geschichten in den Geschichten und der Grundsatz, man solle sich nicht ärgern über das, was nicht zu ändern ist sowie nicht über das, was noch änderbar ist. Aber jenseits allem Tempo und Sarkasmus: die Würde derer, über die hier gespottet wird - und jeder bekommt hier, was er/sie braucht - geht nie verloren, es geht so menschlich zu wie bei Updike: Menschen sind schwach, weil sie eben Menschen sind. Wir haben nun mal keine besseren.
Ah, da muss ja noch ein zweiter Eintrag nachgeschoben werden - Frau Dische hat den Stoff ja schon einmal verarbeitet, diesmal unter dem Titel Fromme Lügen. Aber der Reihe nach. Nachdem ich das Großmama Buch (leider) ausgelesen hatte (Empress of Weehawken ist ein viel, viel besserer Titel), wollte ich natürlich mehr von dieser Autorin lesen. Also lief ich zur Bibliothek (in die Landesbibliothek lief ich vergeblich, dort ist die früher kostenlose Ausleihe inzwischen 30 EUR p.a. teuer - wofür zahle ich eigentlich Steuern? Ach ja - die werden ja jetzt gesenkt dafür, dass ich mehr Geld für Gebühren in der Tasche habe) und fand den Titel Fromme Lügen.
Die erste Geschichte dieses Bandes, Eine Jüdin für Charles Allen, kannte ich schon. Über diese Geschichte hatte ich übrigens Interesse an Irene Dische bekommen - Dank einer Anthologie neuerer Amerikanischer Stories von Michael Naumann (an dieser Stelle vielen Dank dafür). Was Naumann aber eben nicht gesagt hat: Fromme Lügen behandelt eben genau den Großmama Stoff!
Nur ist Dr. Carl Rother hier Dr. Ronald Bauer, er ist auch nicht Arzt sondern gewesener Architekt. Großmama heißt Eva und ist sehr früh gestorben Irene und Carlchen sind Sally und Dicky und Renate heisst Connie, ist wiederum Pathologin, hat aber einen großen Busen. Auch Sig und Dische kommen vor, in ungefähr wesensgleich, wenn auch mit anderem Namen. Ich bin erst (gottseidank) bei der Hälfte angelangt, aber hier ist alles ein wenig anders. Die Kruzifixe im Bauerschen (Rotherschen) Haushalt sind doch sehr zahlreich und beklemmend - es geht enger zu dort als bei Rothers. Es wird auch mehr reflektiert. Und die Sektion einer Pelvis gerät schon recht metaphorisch.
Mit anderen Worten: zum Großmama-Buch fällt mir Mozarts Satz ein, man kennt nicht, dass es schwer ist. Hier in den Frommen Lügen schon, hier merkt man doch, dass Dichten Arbeit ist. Aber gut. Warum nicht von zwei Seiten aus das Tableau betrachten. Mit etwas Glück bekommen wir von Irene Dische noch zwei weitere Perspektiven - sozusagen: nicht Vier Jahreszeiten im Yrwental sondern vier Wahlverwandschaften zwischen New Jersey und Berlin. Das wäre doch mal was!
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